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Australien: Selbstmord unter den Farmern

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Australien: Selbstmord unter den Farmern | Bild: NDR

Steve Germon stand zweimal am Rande des Selbstmords. Tag für Tag immer in der Spur bleiben. Für den 47 Jahre alten Farmer in der vierten Generation eine Herausforderung. Die Farm wirft derzeit keinen Gewinn ab, dazu kommen hohe Schulden. Auch sein Vater und Urgroßvater hatten gute und schlechte Zeiten, doch so schlimm wie jetzt war die Situation noch nie. Das nagt am Stolz. "Ich will jetzt nicht aus finanziellen Gründen aufgeben. Ich will den Zeitpunkt selbst bestimmen können. Aber es ist unglaublich kräfteraubend weiterzumachen. Das ist eine extreme emotionale Belastung", erklärt Germon.

"Meine kleine Tochter hat mich gerettet"

Steve Germon
Die Farm von Steve Germon wirft derzeit keinen Gewinn ab. | Bild: NDR

Der Abnahmepreis für Kuhmilch ist in den vergangenen drei Jahren um fast 20 Prozent gesunken. Dazu kam eine Dürre. Steve Germon musste innerhalb von vier Monaten 57 Kälber notschlachten, weil er sich das Futter nicht mehr leisten konnte. Irgendwann trieb ihn das an den Rand des Selbstmords. "Meine kleine Tochter hat mich gerettet. Ich hörte sie schreien: Wo bist du, Papa? Ihre Mutter hatte den Brief gefunden, den ich in den Milchtrog gelegt hatte, dass ich nicht mehr nach Hause kommen würde. Ich hörte, wie sie schrien und versuchten, mich zu finden. Das war wie ein Weckruf für mich."

Zu den finanziellen Problemen kamen ein Krankenhausaufenthalt und eine kaputte Ehe. Eine Alternative zur Farm sieht Germon für sich derzeit nicht. Seine beiden Töchter müssen mit anpacken auf dem Hof. Vor der Schule melken, nach der Schule melken. Irgendwie müssen sie ja durchkommen. "Wie ich mit der Situation umgehe? Gar nicht. Ich habe keine Zeit dafür. Ich bräuchte eine Menge Zeit", sagt Jessica Germon. Steve Germon hat inzwischen eine Therapeutin in der Stadt. Er ruft sie an, wenn er die Verzweiflung allein nicht mehr aushalten kann. "Manchmal will ich daran glauben, dass es die Zahnfee und den Weihnachtsmann wirklich gibt. Ich habe keine Ahnung, wie meine Geschichte ausgeht. Aber im Moment will ich den Stecker nicht ziehen." Der 47-Jährige versucht, an seine beiden Töchter zu denken, wenn es Nacht wird auf seiner Farm und in seiner Seele.

Irgendwann reichte das Geld nicht mehr

Mary Guy
Mary Guys Ehemann nahm sich das Leben. | Bild: NDR

Mary Guy verlor 2016 ihren Mann. Er nahm sich das Leben. "James war immer ein starker, lebensfroher Mann", erzählt Mary Guy. Doch obwohl sie nebenbei als Krankenschwester hinzu verdient, reichte irgendwann das Geld nicht mehr. "Er war Bauer seit seinem 15. Lebensjahr und wir hatten die Entscheidung getroffen, die Farm zu verkaufen, weil alles den Bach runterging. Wir wollten nicht warten, bis die Bank uns rausschmeißt." Eine rationale Entscheidung, mit der ihr Mann emotional nicht klarkam. James erhängte sich. "Das hier ist eine Art zu leben, kein Job. Wir atmen das Land. Bauern lieben das, wirklich, bis hin zur Selbstaufgabe", erklärt Mary Guy.

Marys Trauer hat einen sauren Nachgeschmack. Würden Kleinbauern nicht so schlecht bezahlt, könnte ihr Mann noch leben, ist sie überzeugt. In Australien bekommen Farmer kaum Subventionen. Innerhalb von 30 Jahren ist die Zahl der Bauern um 40 Prozent gesunken. "Wir Bauern müssten uns viel besser organisieren, aber wir haben dazu bei all der Farmarbeit überhaupt keine Zeit, uns gegen diese multinationalen Unternehmen aufzulehnen und zu sagen: 'Hey, ihr müsst uns besser bezahlen'", erklärt Mary Guy. Sie hat es geschafft, ihre Farm zu verpachten. Sie geht offen mit James' Geschichte um. Es sei wichtig zu reden. Fast jeder kenne inzwischen Bauern, die an Depressionen leiden, weil die Belastungen einfach zu groß werden. "Es ist schwer einen Farmer, dazu zubekommen, über seine Probleme zu reden. Sie können sehr stoisch sein und schlucken es einfach runter", erklärt Guy.

Dürren, Kostendruck und Globalisierung

Martin Butler
Martin Butler ist Farmer und Sozialarbeiter. | Bild: NDR

Martin Butler ist seit mehr als 30 Jahren Farmer und Sozialarbeiter. Wenn der 62 Jahre alte Schafbauer an einem sonnigen Tag morgens zu seiner Herde rausfährt, ist er mit sich und der Welt im Reinen. Man muss die schönen Momente genießen, sagt er. Er arbeitet auch als Sozialarbeiter. Dürren, ein immenser Kostendruck und die Globalisierung – Australiens Bauern haben mit so vielen Sorgen zu kämpfen. In ländlichen Gebieten ist die Selbstmordrate mindestens doppelt so hoch, wie in den Städten, so Butler. Depressionen sind weit verbreitet. Am besten könne dann jemand wie er helfen, der sich mit den Sorgen der Menschen hier auskennt. "Viele Sozialarbeiter kommen aus größeren Städten. Sie haben die besten Absichten, aber mein Gott, sie verstehen einfach nicht, wie ländliche Kommunen so ticken. Und das sorgt dann bei allen Seiten nur für Enttäuschungen und Frustrationen", erklärt Butler.

Er fährt dorthin, wo er die meisten Bauern trifft. In Woolabrais Landwirtschaftsladen. Es ist die Kontaktbörse in der Gegend. Neben Trockenfutter und Ersatzteilen erfährt er hier, wer gerade Hilfe braucht. Manchmal ist es nur ein Gespräch, manchmal vermittelt er auch Kontakte zu Ärzten oder Finanzexperten in der Stadt. "Wenn Du in Melbourne oder Sydney lebst und unter Depressionen leidest, hast Du natürlich alle möglichen ärztlichen und sozialen Einrichtungen direkt vor der Tür. Aber wenn du in Alice Springs oder Turkey Creek lebst, also mitten im Nirgendwo, dann siehst du vielleicht nur alle paar Monate einen Arzt", sagt Butler.

Autorin: Sandra Ratzow, ARD Studio Singapur     

Stand: 09.12.2018 21:54 Uhr

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