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Brasilien: Waffen-Fans gegen Diktatur-Opfer

PlayEin Mann posiert mit einem Pappkonterfei von  Lula da Silva
Brasilien: Waffen-Fans gegen Diktatur-Opfer | Bild: NDR

Wenn die Schule vorbei ist, zieht sich Pedro Lucas gerne seine Uniform an. Er spielt dann Militärpolizist – genau wie sein vierjähriger Bruder João Victor. Vater Rafael ist stolz auf seine beiden Söhne, die nun im Auftrag des Gesetzes unterwegs sind. "Als mein Vater vor vier Jahren anfing, Bolsonaro zu unterstützen, habe ich ihn auf alle Demonstrationen unseres Präsidenten begleitet. Seitdem trage ich gerne diese Uniform", erzählt Pedro Lucas Almeida. Wenn Hauptmann Pedro Lucas ruft, muss Unteroffizier João Victor zum Appell antreten. Dann geht es los – Verbrecherjagd auf der eigenen Terrasse. "Ich will die Gesellschaft schützen und Diebstahl verhindern", sagt Pedro Lucas Almeida.

Vater Rafael unterstützt seine beiden Schützlinge wo er kann. Und er filmt jede ihrer Auftritte und militärischen Übungen in Uniform. "Ich wollte als Kind Polizist werden. Das hat nicht geklappt – ich bin Unternehmer geworden. Das heißt aber nicht, dass ich sie jetzt dazu zwinge. Nein, das kommt von ihnen selbst", sagt Rafael Almeida. Vater Rafael hat seine Söhne auf Instagram angemeldet, wo Pedro Lucas mittlerweile 70.000 Anhänger folgen. Sie erleben dort, wie der Neunjährige vor Bolsonaro-Unterstützern spricht oder – zu Beginn der Pandemie – vor dem Präsidentenpalast vorfährt. Ganz offensichtlich fasziniert die Bolsonaro-Fans alles Militärische. Präsident Jair Bolsonaro nutzte die Gelegenheit im Mai 2020 und empfing den kleinen Hauptmann persönlich – trotz der damals geltenden Abstandsregeln. Bei einem späteren Treffen war auch João Victor dabei.

"Die Fake-News sind wie eine Pest"

Zwei Jungs in Uniform sitzen nebeneinander.
Wenn Hauptmann Pedro Lucas (re.) ruft, muss Unteroffizier João Victor zum Appell antreten. | Bild: NDR

"Bolsonaros linker Gegenkandidat Lula hat nichts mit christlichen Werten einer Familie wie uns zu tun. Der ist sogar für Abtreibung", sagt Rafael Almeida. Für Aussagen wie diese – und die Verehrung des Militärs – haben viele Linke nur Kopfschütteln übrig. Ihr Kandidat, Lula da Silva, habe sich doch gerade erst gegen Abtreibung ausgesprochen, sagt die Journalistin Monica Bonfim: "Bolsonaro-Anhänger haben oft keine Ahnung – vor allem nicht wenn es um die Zeit der Diktatur geht, als der Kongress geschlossen wurde. Die Fake-News sind wie eine Pest."

Ein Stück vom Copacabana-Strand entfernt trifft Monica ihre Freundin Cristina. Beide teilen ein gemeinsames Schicksal: Ihre Familienangehörigen waren Opfer der Militärdiktatur in Brasilien. Die Generäle damals folterten und ermordeten Regimegegner, schafften Wahlen ab und unterdrückten die Medien. Cristinas Vater war Kommunist. Sie erinnert sich: "Sie ermordeten ihn und zerstückelten seine Leiche, um sie besser verschwinden lassen zu können. Bis heute habe ich als Tochter vom brasilianischen Staat keine offizielle Erklärung für seinen Tod erhalten."

Rafael Almeida hat die Diktatur selbst nicht mehr erlebt. Seine Sorgen drehen sich um andere Dinge als die Aufklärung der Vergangenheit: "Sollte der linke Lula gewinnen, habe ich Angst vor dieser neuen Gender-Politik und einer Verschlechterung der Sicherheitslage. Und davor, dass Brasilien ein zweites Venezuela wird."

"Völliger Unsinn" sagen dazu Monica und Cristina. "Wir Linken waren 14 Jahre lang an der Macht – und trotzdem leben wir jetzt nicht im Kommunismus. Eher folgt Bolsonaro selbst dem Weg der Autokraten in Venezuela", sagt Monica Bonfim. Seit Monaten schon machen Monica und Cristina Wahlkampf für Lula. Sie wollen Unentschlossene überzeugen. Keine einfache Mission. Oft hören sie Beschwerden, weil es in Lulas früherer Regierungsallianz zu massiver Korruption gekommen war.

Vorwurf der Korruption

Frauen bei einer Demonstration
Es gibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Bolsonaro. | Bild: NDR

Plötzlich beginnt eine Diskussion am Straßenrand: "Seit 2015 finde ich als Geograf keine Arbeit. Ich muss als Essenslieferant jobben. Und es waren doch die Linken, die unser Land heruntergewirtschaftet haben", sagt Felipe Paiva.
"Nein, Du wiederholst Bolsonaros' Fake-News!", sagt Cristina Capistrano.
Felipe Paiva: "Lula als Präsident hat uns geholfen. Aber er ließ auch Korruption zu."

Cristina findet, das Thema Korruption werde zu hoch gehängt: "Korruption gab es schon immer – im Kleinen und im Großen. Das liegt bis heute am Geld-Adel, der sich an den öffentlichen Haushalten bereichert. So siehts aus."

Die extrem umkämpfte Stichwahl zwischen rechts und links macht Monica Angst: "Ich befürchte, dass Bolsonaro bei einer Niederlage genau das tun wird, was Trump getan hat. Irgendetwas ähnliches wie den Sturm aufs Kapitol."
Am Ende wird es wohl auf jede Stimme ankommen – bei diesem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Bolsonaro.

Autor: Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Stand: 30.10.2022 20:55 Uhr

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