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Dschibouti: Flucht nach Arabien als Chance für ein besseres Leben

Eine Gruppe  junger Männer
Jedes Jahr machen sich Zigtausende auf den Weg. | Bild: NDR

Für viele Menschen in Afrika stehen die Länder der arabischen Halbinsel vor allem für Wohlstand. Wer in Katar Arbeit findet, hat es geschafft. Ob die Menschenrechte dort beachtet werden, interessiert diejenigen nicht, denen es vor allem ums blanke Überleben geht. Auf die arabische Halbinsel führt einer der weltweit größten Migrationsströme. Jedes Jahr machen sich Zigtausende auf den Weg – Migranten auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Arbeitslosigkeit.

Katar ist eines der Länder der arabischen Halbinsel, die für viele Menschen in Afrika für Wohlstand stehen. Auf die arabische Halbinsel führt einer der weltweit größten Migrationsströme, von Dschibuti, dem Kleinstaat in Ostafrika, über eine Meerenge in den Jemen. Sie fliehen vor Krieg, Hunger und Arbeitslosigkeit, sie hoffen auf ein besseres Leben. Allein bis zur Jahresmitte nahmen 26 000 Menschen diesen Weg – fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Über die Jahre hat sich nach Erkenntnissen der Internationalen Organisation für Migration die Spur vieler verloren: Tausende seinen gestorben oder einfach verschwunden, heißt es. Für viele soll Dschibuti das Sprungbrett in ein neues Leben sein. Aber die meisten wissen nicht einmal, dass diese Zukunft trügerisch ist.

Viele Migranten stammen aus Äthiopien

Wir verlassen Obock, eine kleine Stadt im Norden Dschibutis. Es ist kurz nach Mitternacht. Durch einen Schlepper haben wir erfahren, dass gleich Migranten aus der Steppe hinter der Stadt zu einem Boot gebracht werden sollen. Mitten im Nirgendwo wird die Gruppe zusammengestellt, verladen auf einen Pick-up. Viele Migranten stammen aus Äthiopien, sind vor Armut oder Krieg geflohen. Einige kommen aus den Nachbarländern. Bis hierher haben sie es geschafft, nun soll es mit dem Schiff auf die arabische Halbinsel weitergehen. Ein Migrant erzählt: "Es gibt Arbeit in Saudi-Arabien, da will ich hin. Ich bin aus dem Sudan. Vier Tage war ich unterwegs, zu Fuß."

Ein paar Hundert Meter geht es mit dem überfüllten Pick-up auf der Sandpiste mit Licht, dann weiter im Dunkeln. Dschibuti drückt bei illegalen Migranten ein Auge zu. Den Schleppern droht allerdings Gefängnis. Am Kliff über dem Strand werden sie aufgereiht – zwei Dutzend junge Männer auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Viele wissen nicht, dass auf der anderen Seite des Meeres, im Jemen, noch ein Krieg wartet. Ein Migrant sagt: "Ich will auf das Schiff, weil ich im Jemen arbeiten will, Geld verdienen. Erstmal will ich in den Jemen, dann nach Saudi-Arabien – wo immer es Arbeit gibt. Gott wird es richten – so Gott will. Gott schütze Dich."

Not macht Fischer zu Menschenschmugglern

Obock hat keine 30.000 Einwohner, eine vergessene Kleinstadt im Norden Dschibutis. Kaum Landwirtschaft, keine Industrie – kaum Arbeit. Und ein paar Garküchen. Der Hafen von Obock: Auf der anderen Seites des Golfs von Tadjoura liegt schon Jemen. Hier leben sie vom Fischfang – und vom Schmuggel: Benzin, Alkohol, einfach alles. Auch Menschen. Aber Schmuggeln ist in Djibouti natürlich verboten. Deshalb spricht hier niemand darüber. Denn vom Fischfang können Fischer wie Abdou kaum leben: "Ich arbeite an der Küste. Ich fische legal, aber für uns ist es schwer. Und das Benzin ist teuer", sagt ein Fischer. "Man verdient hier nicht viel. Dafür muss man raus auch Dschibuti. Im Jemen, da verdient man mehr." Es ist die Not, die Fischer zu Menschenschmugglern macht – die dann manchmal in die Fänge der Küstenwache gehen. Die Boote werden beschlagnahmt, die Besitzer sitzen im Gefängnis.

Und die Migranten? Wir sind dorthin unterwegs, wo den Gestrandeten Zuflucht geboten wird. Unterwegs durch eine unwirtliche Landschaft, durch die Hitze. Auf dem Weg begegnen wir ihnen: eine Gruppe von Flüchtlingen. Seit Tagen sind sie auf den Beinen. Wir versuchen, mit Mohammed in Gespräch zu kommen: 

Frage: "Bist du den ganzen Weg zu Fuß gegangen?"

Mohammed: "Ja, alles zu Fuß, ich hab ja kein Geld fürs Auto."

Frage: "Bist du erschöpft?"

Mohammed: "Ja, ich bin müde, die Beine tun weh, es ist heiß, wir sind durstig."

Frage: "Hast Du nur ein T-Shirt?"

Mohammed: "Ja, nur das T-Shirt und auch nur dieses Paar Schuhe."

Wir geben ihnen unsere Wasservorräte und fahren weiter zum Stützpunkt der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Hier werden diejenigen aufgenommen, die nicht aus eigener Kraft weiterkommen. 250 Menschen finden hier Hilfe, viele müssen die Helfer abweisen. Jugendliche, Frauen und Kinder – manche haben auf ihrer Reise Unfassbares erlebt. Sozialarbeiterin Hawa Musa arbeitet mit den Kindern, die das Erlebte kaum allein verarbeiten können: "Sie sprechen durch die Bilder. Manchmal malen sie die Realität. Sie malen das Bild vom Schmuggler, wie er den Holzknüppel hebt. Sie kommen bei uns in Therapie. – es gibt zwei Richtungen. Wenn sie aus Äthiopien kommen, haben sie noch Ziele. Wenn sie dann zurückkommen, dann lächeln sie nicht mehr und sie sind erschöpft. Sie haben Depressionen."

Zehntausende Migranten umgekommen oder verschwunden

Menschen sitzen im Schatten auf dem Boden.
Im Stützpunkt der Internationalen Organisation für Migration finden Menschen Hilfe. | Bild: NDR

Samsa ist eine von denen, die es nicht mehr ausgehalten haben. Sie kam aus Nordäthiopien, heiratete, ging mit ihrem Mann auf Arbeitssuche in den Jemen. Ihn zog es weiter nach Saudi-Arabien. Sie schlug sich mit kleinen Jobs im Jemen durch, musste ihre drei Kinder allein großziehen. Nun ist sie wieder in Dschibuti und will nur noch eins: "Ich möchte nach Hause und meine Kinder in die Schule bringen. Ich will nicht mehr in ein fremdes Land – ich habe genug davon. Ich möchte nur noch in meine Heimat und meine Kinder in der Schule sehen."

Samsa ist im IOM-Camp immerhin in Sicherheit. Zehntausende Migranten sind nach Erkenntnissen der Organisationen in den vergangenen Jahren umgekommen oder verschwunden, als sie auf dem Weg nach Saudi-Arabien, Katar oder die anderen Golfstaaten waren. IOM-Mitarbeiterin Khadija Ahmed führt uns mitten in die Einöde, an den Ort einer Flüchtlingstragödie: "Damals gab es viele Wellen und zu viel Wind. Alle sind gestorben. Es waren Neun. In einem Grab liegen sechs, im anderen drei." Keine Namen, ein paar Muscheln – das Grab für Illegale. "Sie waren alle tot, wir kannten ihre Namen nicht. Die Hälfte waren schon von den Haien verstümmelt worden. Sie waren jung, auch ein Kleinkind – es war eine ganze Familie. Es waren Äthiopier. Wenn wir ihre Adresse hätten, würden wir uns bei den Angehörigen melden", sagt Khadija Ahmed.

Während die Sonne schon untergeht, sind die letzten Migranten noch unterwegs. Auch sie waren Tage auf den Beinen. Das Essen sei zu teuer gewesen, das Wasser am Wegesrand schmutzig, drei Tage lang. Sie erzählen uns von ihren Hoffnungen – und wir fragen Nazif, ob er weiß, was sie erwartet, denn im Jemen herrscht Krieg. "Krieg? Alles ist Krieg, überall ist Krieg. Überall ist Gewalt, das ist der größte Krieg. Was soll ich denn machen? Was?". Es ist Zeit für das Abendgebet. Gottes Segen – sie werden ihn brauchen.

Autor: Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Stand: 27.11.2022 20:11 Uhr

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