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Guinea-Bissau: Matriarchat – Frauenpower auf der Insel Orango

PlayZwei Frauen sitzen auf dem Boden an einer Hütte.
Guinea-Bissau: Matriarchat – Frauenpower auf Orango | Bild: NDR

Sie gehört zum Königshaus, auch wenn man ihr das auf den ersten Blick vielleicht nicht ansieht. Mühselig sorgt Ines Necanam für den Unterhalt der Familie. Ein Kilo Austern kann sie später für umgerechnet drei Euro verkaufen. Doch eines Tages wird sie eine Königin sein. Nur wann das sein wird, bleibt das Geheimnis der Frauen von Orango. "Um Königin zu werden, muss man verschiedene Rituale durchlaufen. Die sind aber geheim. Man muss die Tradition kennen und genau wissen, wie zum Beispiel die Muscheln für heilige Zeremonien zubereitet werden", sagt Ines Necanam.

Frauen haben hier die Macht, aber auch die meiste Arbeit

Bei der Volksgruppe der Bijagos, die auf der Insel weit vor der Küste von Guinea-Bissau lebt, haben die Frauen die Macht. Sie sind das Oberhaupt der Familie. Und über allen stehen die Königinnen. Zurzeit gibt es drei, die traditionell gleichzeitig Priesterinnen sind. Alle wichtigen Entscheidungen auf der Insel werden von ihnen getroffen: Sie bestimmen über die religiösen Zeremonien und wann gesät und geerntet wird. In ihrer Rundhütte sind nur Frauen zugelassen. Jedes Problem wird gründlich mit ihnen diskutiert. "Wir kümmern uns auch um Eheprobleme. Wir erfahren von allen Sorgen der Menschen hier auf Orango. Und wenn zum Beispiel ein zerstrittenes Paar nicht selber zu uns kommen will, dann erfahren wir auch schon mal von den Nachbarn von Streitereien. Und dann suchen wir nach einer Lösung", erzählen Nene Ecane, und Sabado Nevadok, Königinnen und Priesterinnen.
Frauen haben hier die Macht, aber auch die meiste Arbeit. Sie bauen die Häuser, kümmern sich um den Haushalt, verfügen aber auch über allen Besitz.

Ein Teil der Austern, die Ines Necanam morgens gesammelt hat, bekommt die Familie zum Mittag. Die Menschen auf Orango leben recht bescheiden und von dem, was die Natur ihnen gibt. Männer sieht man nicht bei schwerer Arbeit. Ihnen bleibt das Fischen und vor allem viel Freizeit. Die Arbeitsverteilung wird nicht hinterfragt. Die Frauen sind stolz auf ihre starke Rolle. "Im Unterschied zu den Frauen auf dem auf dem Festland sind wir unabhängig. Hier warten wir nicht auf die Männer. Wir müssen sie nicht um Geld für den Einkauf auf dem Markt anbetteln. Wir können ganz alleine entscheiden, wofür wir das Geld ausgeben."

Frauen haben freie Partnerwahl

3.000 Einwohner leben auf Orango, die meisten im Dorf Eticoga. Das Leben ist beschaulich. Frauen haben die freie Partnerwahl. Ihre Eltern fragen dann die Eltern des Auserwählten um Zustimmung zur Ehe. Aber Männer dürfen auch auf Orango mehrere Frauen haben.

Mit der Frauenpower haben die Männer keine Probleme – für sie ist sie ja auch recht bequem. Und genau wie die Frauen sind sie stolz auf ihre Tradition. "Seit der bedeutenden Königin Okinka Pampa sind wir sogar weit über Orango hinaus bekannt - als Insel, wo die Frauen die Macht haben. Bei uns werden die Probleme gleich gelöst bevor sie größer werden. Das haben wir bis heute unseren Königinnen zu verdanken", sagt Cesare Fernandez.

Widerstand gegen Kolonialherren

Frauen sitzen vor einer Hütte.
Mit der Frauenpower haben die Männer keine Probleme. | Bild: NDR

Okinka Pampa war die bedeutendste Frau von Orango. In einer Hütte im Dorf Eticoga ruhen ihre sterblichen Überreste. Für die Bewohner ist das ein heiliger Ort. Die 1930 verstorbene Königin und Priesterin führte den Widerstand gegen die portugiesischen Kolonialherren an. Sie veranlasste soziale Reformen und kämpfte für die Rechte der Frauen.

Königin Nene kommt regelmäßig beim Dorfvorsteher Caitano di Pina vorbei. Seine Meinung ist ihr wichtig. Denn auch die Männer sollen gehört werden. So gehen die mächtigen Frauen sicher, dass kein Argument überhört wird und alle mit einbezogen werden. Die Regierung in der Hauptstadt interessiert sich zwar offenbar wenig für die Rolle der Frauen auf Orango. Sie schickt nicht ihnen, sondern Dorfvorsteher Caitano ihre Dekrete. Aber das wiederum interessiert hier keinen – hier entscheiden sie was und wie sie wollen. "Schauen Sie, in der Hauptstadt Bissau könnten sie etwas von uns lernen. Dort hören die Politiker nicht auf die Frauen. Bei uns dagegen arbeiten alle zusammen. Und daher können alle in unserer Dorfgemeinschaft die Entscheidungen akzeptieren", sagt Caitano di Pina.

Die Rundhütte der Königinnen ist das Haus der Entscheidung erklärt die 80-Jährige Nene Ecane. Hier führen sie die Tradition von Okinka Pampa fort. "Wir arbeiten alle zusammen. Dafür geben wir uns große Mühe. Erst treffen sich Männer und Frauen getrennt, dann reden sie miteinander. Wenn alles ausdiskutiert ist, haben wir Königinnen das letzte Wort", sagen die Königinnen und Priesterinnen Nene Ecane, und Sabado Nevadok.

Heute gibt es auf der Insel zwar kein reines Matriarchat mehr – doch ein Gegenentwurf zu patriarchalen Machtstrukturen auf dem Festland, ist es allemal. Das Archipel war nie vollständig kolonialisiert. Daher konnte sich die Tradition bis heute weitgehend erhalten. Und so macht gelebte Demokratie Orango zu einem Ort des Friedens.

Autorin: Caroline Imlau, ARD Nairobi

Stand: 18.09.2022 18:59 Uhr

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