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Hongkong: Exodus nach Europa

PlayKoffer und Taschen zusammengestellt.
Hongkong: Exodus nach Europa  | Bild: NDR

Monatelang haben die Hongkonger gegen das chinesische "Sicherheitsgesetz" protestiert. Sie befürchteten dadurch eine Einschränkung ihrer Freiheitsrechte. Und sie hatten recht: Mit seinem Inkrafttreten zum Jahresbeginn hat sich die Lage in Hongkong extrem verschärft. Mindestens 50 Aktivisten wurden verhaftet, die oppositionelle Zeitung "Apple Daily" eingestellt und selbst die Diskussion politischer Probleme in den Hörsälen wird zum Risiko.

Die Maske bleibt immer hochgezogen. Und das liegt nicht an Corona. Five, wie er sich nennt, ist unsicher. Er ist mit seinen 17 Jahren ganz allein in London.  Die Maske ist sein Schutzschild. Er ist aus Hongkong geflohen und versucht jetzt in England Asyl zu bekommen. "Ich bin bei einer Demonstration verhaftet worden. Die Gerichte in Hongkong sind mittlerweile gnadenlos. Ich bin mir sicher, wenn ich nochmal festgenommen werde, bekomme ich keinen fairen Prozess." Deshalb ist er weg – von den Eltern und den Freunden.

Five ist einer von den vielen Hongkongern, die gerade Großbritannien als Zufluchtsort suchen. Es ist der Preis den er bezahlt, weil er in Hongkong bei den Protesten der Demokratie-Bewegung aktiv war. "Ich bin einsam und ein bisschen hoffnungslos. Ich weiß nicht wann ich nach Hongkong zurückgehen kann. Ob ich überhaupt jemals zurück kann. Ich fühle mich im Moment ziemlich hilflos." Five geht jetzt in London in die Schule. Sein Asylverfahren läuft noch. Dann macht er sogar Witze. London sei eigentlich ganz okay. Nur manches Essen sei schlichtweg unerträglich.   

Bei Kritik an Chinas Führung drohen Strafe

Ein junger Mann mit Maske und Baseball-Cap
Five ist einer von den vielen Hongkongern, die gerade Großbritannien als Zufluchtsort suchen. | Bild: NDR

In Hongkong nehmen gerade viele Reißaus. Fast 100.000 sind weg aus der Stadt. Die Ereignisse der vergangenen Monate haben Spuren hinterlassen: 2019 und 2020 gab es monatelangen Protest. Die Anhänger der Demokratie-Bewegung demonstrieren gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten. Und den zunehmenden Einfluss der chinesischen Zentralregierung. Es kommt zu Zusammenstößen mit der Polizei. Frühjahr 2020: Ein neues Sicherheitsgesetz sorgt für eine andere Lage. Bei Kritik an Chinas Führung drohen Strafe. Proteste können als Staatsverrat gewertet werden. Die Hongkonger Behörden sorgen mit Verhaftungen und Anklagen für Ruhe.

Fred Chan will deshalb mit seiner Familie weg und auch nach England. Chan ist Lehrer an der Uni, seinen Job hat er gekündigt. "So viele werden ins Gefängnis gesteckt. Es ist eine Tragödie hier. Ganz viele sagen, es ist nicht mehr der Ort, wo sie leben wollen. Wir können nicht mehr demonstrieren. Eine kritische Zeitung haben sie dicht gemacht. Wir verlieren gerade einen Wert, der für Hongkong wichtig ist: den Wert der Freiheit." Auf die Demos ist er gar nicht gegangen. Aber er will mit seiner Frau und seinem Sohn in einem freien Land leben. Obwohl er Hongkong – wie er sagt - über alles liebe. "Seit wir die Entscheidung getroffen haben Hongkong zu verlassen, habe ich nicht einmal gezweifelt. Wir stellen uns jetzt auf ein neues Leben ein. Und Großbritannien wird sicher schön."  

Mit einem Sondervisum kommt er in Manchester an. Er hat von seinen Ersparnissen eine Wohnung gekauft. Und will so schnell es geht die Stadt kennenlernen, ein neues Leben starten. "Als erstes muss ich gucken, wie ich eine Arbeit finde.  Aber ich möchte mich auch in der Gemeinde einbringen, und bei allem mitmachen."   

Vor allem junge Familien gehen nach England

Ein Paar sitzt auf einer Wiese und schaut auf ein Handy.
65.000 Hongkonger sind per Visum bereits nach Großbritannien ausgewandert. | Bild: NDR

Lydia und Gavin Mok sind schon länger auf der Insel und leben jetzt im südenglischen Exeter, einer idyllischen Kleinstadt. Bei ihnen reichte ein Visum. Denn wer noch einen Pass hat aus der Zeit, als Hongkong britische Kolonie war, den lädt die britische Regierung ein, zu kommen. Das ist eine Reaktion auf das Sicherheitsgesetz. 65.000 Hongkonger sind der Einladung schon gefolgt. Die beiden auch. "Wenn wir zuletzt in Hongkong auf der Straße waren, hatten wir Angst der Polizei zu begegnen. Ich hatte Angst sie anzugucken. Und sie sich dadurch provoziert fühlen, mich anzuhalten und zu überprüfen", erzählt Lydia Mok. In Hongkong waren sie bei fast jeder Demonstration dabei. Hinten und friedlich, wie sie sagen. Als dann aber das Sicherheitsgesetz kam, suchten sie einen neuen Ort zum Leben. "Manche Leute haben uns schon kritisiert, warum wir so schnell weggegangen sind. Ich antworte dann immer: 'Wenn sie mir einen Weg oder eine Methode sagen, wie Hongkong gerettet werden kann, gehe ich sofort zurück." Aber im Moment habe ich Hongkong aufgegeben", sagt Gavin Mok.

In Exeter haben sie jetzt ein kleines Häuschen. An freien Tagen nehmen sie für andere Hongkonger Videos auf. Es sind vor allem junge Familien, die nach England gehen oder planen zu kommen. Gavin war in Hongkong Börsenmakler. Und erzählt davon, dass er jetzt in England Pakete ausfährt. Ein Karriereknick, der okay sei: "Ich bin jetzt über 40 und große Karrieresprünge mache ich eh nicht mehr. Deshalb denke ich eher: Was kann ich tun damit es zum Leben reicht, es meiner Familie an nichts fehlt. Und ich sie in allem unterstützen kann. Wenn der Job das hergibt, warum nicht." Die beiden planen, wahrscheinlich nicht mehr nach Hongkong zurückzugehen. 

Autor: Sven Lohmann, ARD Studio London

Stand: 24.10.2021 21:04 Uhr

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