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USA: Öl oder Wind? Wie geht's weiter mit Bidens Klimapolitik?

PlayMann mit Cowboyhut, im Hintergrund eine Ölförder-Anlage.
USA: Öl oder Wind? Wie geht's weiter mit Bidens Klimapolitik? | Bild: NDR / Audrey Stimson

Im Örtchen Sweetwater in Texas züchten die Rancher Rinder und die Öl-Firmen fördern Rohöl. So ist es seit Jahrzehnten. Doch jetzt bauen die ersten Rancher Windräder auf ihren Weiden, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Für die Öl-Lobby ist das Verrat! US-Präsident Biden will in ein paar Tagen die Rahmen seiner Energiepolitik vorstellen, er setzt auf erneuerbare Energien, nicht mehr nur auf fossile Brennstoffe. In Sweetwater hat dieser Paradigmen-Wechsel zu hitzigen Debatten geführt.

"Gott hat uns Öl geschenkt – und Wind"

Zwei Männern mit Cowboyhüten auf ihren Pferden.
Familie Brooks setzt auf Windenergie. | Bild: NDR / Audrey Stimson

Manche Dinge ändern sich nie in West-Texas: Auf der Brooks-Ranch treiben sie die Bullen so wie immer schon – mit dem Pferd. Die Kulisse aber sieht inzwischen anders aus: Die Herde grast unter Windrädern. Für Louis Brooks, mit 71 Jahren noch im Sattel, anfangs keine leichte Entscheidung: "Zuerst habe ich die Windräder nicht wirklich gemocht. Ich fand sie hässlich. Dann habe ich herausgefunden, wieviel Einkünfte man damit machen kann. Jetzt sehen sie schön aus, die Rinder liegen gerne in ihrem Schatten."

Fast 8.000 Hektar bewirtschaftet er mit seinem Sohn Boyd, eine Fläche so groß wie Manhattan. Trotzdem ist es schwer, auf dem weiten trockenen Land als Rancher zu überleben. Gott hat uns Öl geschenkt, sagen die Brooks – und – viel lukrativer noch: Wind. "Die verschiedenen Energieformen sind ein großartiges Plus, um diese Ranches so zu erhalten, wie das schon mein Großvater und mein Urgroßvater gemacht haben", sagt Boyd Brooks.

Ein Dutzend Ölpumpen stehen auf ihrem Land – und inzwischen 78 Windräder. Über den Gewinn will der Senior nicht reden, die Pacht bringt durchschnittlich in der Region aber 10.000 Dollar im Jahr – pro Windrad. Wenn die Turbinen rauschen, denkt der Rancher also nicht als erstes an die Rettung des Planeten: "Für mich hört sich das nach Geld an. Das ist wie eine Kuh – es produziert, nichts wird verschwendet", sagt Louis Brooks.

Sweetwater: Aufschwung durch Windenergie-Boom

Ein Windturbinenblatt mit der Aufschrift "Sweetwater"
Sweetwater setzt auf Windenergie. | Bild: NDR / Audrey Stimson

Sweetwater empfängt seine Besucher mit einem Windturbinenblatt! Das Örtchen drei Autostunden westlich von Dallas stand traditionell für Öl, Kühe und Klapperschlangen. Mal plagte Dürre, mal der abstürzende Ölpreis die 11.000 Einwohner. Die jungen Leute zogen weg – ein Ort auf dem Weg zur Geisterstadt. Dann kam der Windenergie-Boom.  

Rod Wetsel lebt in vierter Generation in Sweetwater, ein stolzer Sohn von Texas! Als Anwalt für Schürfrechte handelte er Pachtverträge mit der Ölindustrie aus – bis in den späten 1990er-Jahren der Wilde Westen des Winds anbrach: "Wir hatten so viele Leute hier, die über Windpacht reden wollten, dass die Schlange aus der Tür raus um den Block ging. Das ist natürlich gut für Anwälte – und hat alles verändert. Das Steueraufkommen im Landkreis lag nur bei 435 Millionen Dollar. Nach der Einführung der Windenergie sind wir bei 3 Milliarden Dollar."

Texas führend bei den erneuerbaren Energien

Schon jetzt ist Texas auch führend bei den erneuerbaren Energien: Mehr als ein Viertel der US-Windenergie kommt aus dem republikanischen Staat. Hier gibt es viel Wind und Sonne, ein Netz von Übertragungsleitungen, aber keine gesetzlichen Regulierungen – das lässt die Windturbinen gedeihen.

Wachsende Windfarmen rundum – für Buddy Napier sind sie keine Alternative. Auch er hat eine Ranch bei Sweetwater, als Wochenendvergnügen: Sein Geld verdient Napier seit 30 Jahren mit einem kleinen Ölunternehmen. Die Pläne von Präsident Biden, mit den erneuerbaren Energien eine rasante Energiewende hinzulegen, sieht er skeptisch: "Für die Erneuerbaren ist das natürlich gut, ich habe prinzipiell kein Problem mit denen. Aber sie sollten nicht aufgebaut werden, um auf unsere Kosten die Ölindustrie zu verdammen, was ja Bidens Agenda zu sein scheint."

Für Napier pumpt das Herz von Texas eindeutig Öl: Nur etwa zwei Stunden von Sweetwater entfernt liegt das Permische Becken, die erdölreichste Region der Welt. Unaufhörlich tanzen hier die Pferdekopfpumpen, anfallendes Erdgas wird im großen Stil abgefackelt – ein Klimakiller, der unter Biden strenger reguliert werden soll. Napier fürchtet einen unfairen Wettbewerb: Die grüne Konkurrenz sei nicht verlässlich – und werde doch bevorzugt: "Ich denke, es gibt definitiv Verschmutzung in der Ölbranche und das ist nicht gut für uns, wir sollten die reduzieren. Aber es ist nicht vernünftig, eine Energieindustrie zu verurteilen, um eine andere zu fördern, die bestenfalls zeitweise funktioniert – das ist kurzsichtig."

Wind als Power des Profits

Windräder
Windenergie bekommt größere Anschubprämien als Öl, kritisieren ihre Gegner. | Bild: NDR / Audrey Stimson

Sie sehen im Wind ihren zukünftigen Arbeitgeber: Am Texas State Technical College in Sweetwater werden Turbinentechniker ausgebildet. Die Wachstumsbranche bietet gute Stundenlöhne, Montage-Reisen, Aufstiegschancen – für viele eine Perspektive, um auch nach der Highschool in der Region zu bleiben: "Viele der Auszubildenden hier stammen aus Ölarbeiter-Familien, sie kennen das Auf und Ab: Geld zu haben und jeder arbeitet – und dann stürzt der Ölpreis ab und alle verlieren ihre Jobs und ihr Geld. Wind dagegen ist beständig", sagt Billie Jones Hudson, Ausbilderin am Texas State Technical College.

Rebecca Fortuna hat schon einen Job bei einer Windkraftfirma sicher. Was sie reizt? "Mehr Geld und ich will reisen!" Saubere Energie für das Klima ist für sie wichtig, wenn auch nicht entscheidend. Als Öko-Romantiker will keiner gelten im ländlichen Texas: "Ich mache Öl nicht runter, weil wir es brauchen werden. Öl, Gas – ich zweifle nicht daran, dass wir alle Optionen brauchen." Und dann geht es rauf auf das Übungs-Windrad.

Windenergie bekommt größere Anschubprämien als Öl, kritisieren ihre Gegner in Amerika. Bei Öl bezahlt der Steuerzahler später – für die Umweltschäden – sagen die Befürworter. Mit oder ohne Bidens grünem Zukunftsdeal – Texas ist auf dem Weg, alle Energiequellen zu nutzen – angetrieben weniger vom Wunsch, die Erde zu retten – sondern von der Power des Profits. 

Autorin: Verena Bünten, ARD-Studio Washington 

Stand: 18.04.2021 20:33 Uhr

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