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Afghanistan: Ortskräfte in der Falle

PlayDie in Afghanistan verbliebenen Ortskräfte müssen sich vor den Taliban verstecken
Afghanistan: Ortskräfte in der Falle | Bild: dpa/picture alliance

140 Ortskräfte mit ca. 500 Familienangehörigen – das ist die Anzahl der ehemaligen afghanischen Hilfskräfte und ihrer Angehörigen, die Deutschland aus Kabul evakuiert hat. Doch die Anzahl derer, die in Afghanistan festsitzen und nicht über die Luftbrücke herausgekommen sind beläuft sich auf 10.000, schätzt das Patenschaftsnetzwerk Afghanischer Ortskräfte. 10.000 Einzelschicksale, von Ortkräften und ihren Angehörigen, die sich derzeit versteckt halten, weil sie Schlimmstes von den Taliban zu befürchten haben. Wie leben sie? Wie geht es ihnen? Diesen Fragen versuchen wir nachzugehen.

Den Taliban wird nicht geglaubt

Latif hat Angst sich offen zu zeigen. Insgesamt 14 Jahre hat er für internationale Organisationen in Afghanistan gearbeitet. Zwei Jahre davon für eine deutsche Organisation. Noch immer sitzt er mit seiner Familie in Kabul fest sie fürchten sich vor den Taliban. "Zum Glück haben wir Unterschlupf bei Bekannten gefunden. Seitdem die Taliban Kabul eingenommen haben, habe ich das Haus nicht mehr verlassen. Wir verstecken uns nun hier vor ihnen und hoffen, dass sie uns nicht finden."

Ortskraft anonym beim Interview
Der Interviewpartner möchte nicht erkannt werden | Bild: SWR

Latif glaubt den Taliban nicht. Er kann sich kaum vorstellen, dass sie sich in den letzten 20 Jahren geändert hätten und dass ihr Amnestie-Versprechen für ehemalige afghanische Ortskräfte tatsächlich ernst gemeint ist. "Ich weiß, dass die Taliban diese Versprechungen gemacht haben. Aber welche Sicherheit gibt es für uns? Wer sagt uns, dass sie uns nicht doch einsperren. Dass sie uns nicht irgendwo hinbringen, wo uns keiner mehr helfen kann. ich fühle mich alleine gelassen." Seine Sorgen werden verstärkt durch Sprachnachrichten, die per WhatsApp zirkulieren. In ihnen fragen Taliban-Kämpfer ihre Anführer, welche Bestrafung sie Menschen wie Latif zukommen lassen sollen. "Was sollen wir mit den ausländischen Spionen machen?", lautet eine der Nachrichten. "Sollen wir sie erhängen? Sollen wir sie erschießen? Sie aufschlitzen? Welche Strafe sollen Sie erhalten?"

Von den Ländern, für die Latif gearbeitet hat, zeigt er sich enttäuscht. Sein Leben sei in Gefahr. Doch Hilfe sei keine in Sicht. Auch nicht von Deutschland. "Ich kenne Leute, die für die Kanadier gearbeitet haben. Sie konnten das Land verlassen, haben dort ein Visum erhalten. Von Deutschland habe ich so etwas nie gehört. Keiner, den ich kenne hat von Deutschland ein solches Angebot erhalten."

Viele Ortskräfte fühlen sich im Stich gelassen

Ahmad Sultani hingegen hatte Glück. Er blickt in ein neues Leben. 12 Jahre lang hat er als Übersetzer für die internationalen Truppen in Afghanistan gearbeitet. Vor einigen Tagen ist er mit seiner Familie und ehemaligen Kollegen im niederländischen Den Helder an der Nordseeküste angekommen. "Ich bin sicher, meine Familie ist in Sicherheit. Ich fühle mich wie ein kleiner Held. Ich konnte meiner Familie helfen. Dafür bin ich der holländischen Regierung sehr dankbar, sie haben es ermöglicht."

Demonstration von Ortskräften vor der Machtübernahme der Taliban
Demonstration von Ortskräften vor der Machtübernahme der Taliban  | Bild: SWR

Sultani war in Afghanistan vor allem für die Bundeswehr im Einsatz. Zusammen mit anderen ehemaligen Ortskräften half er den deutschen Truppen rund um Mazar-i-Scharif aus. Von Deutschland forderte er, dass die Bundesregierung ihn und seine Kollegen in Sicherheit bringen sollten. Doch trotz mehrerer Drohschreiben der Taliban bekam er keine Hilfe. "Fast zehn Jahre lang habe ich für die deutschen Truppen gearbeitet. Nur zwei Jahre war ich für das holländische Militär tätig. Aber sie haben mich gerettet. Die Deutschen nicht. Obwohl ich ganz lange vor dem Camp in Mazar-i-Scharif demonstriert habe, haben sie meine Stimme nie gehört."

So geht es in Afghanistan noch Tausenden ehemaliger Ortskräfte. Trotz internationaler Versprechungen sitzen sie in Kabul fest fürchten dort um ihr eigenes Leben und das ihrer Familie. Ihr Optimismus doch noch aus dem Land herauszukommen, wird von Tag zu Tag geringer. "Ich habe so gut wie keine Hoffnung mehr Afghanistan verlassen zu können", beklagt sich Latif. "All die Länder, für die ich gearbeitet habe, haben mich im Stich gelassen. Sie sind einfach aus dem Land verschwunden, unsere Chancen sind nur noch sehr gering." Noch haben die Taliban ihr Versteck nicht gefunden. Falls sie das tun, ist sich Latif sicher, dass sie ihn umbringen werden.

Autoren: Sibylle Licht und Oliver Mayer, ARD-Studio Neu-Delhi

Stand: 05.09.2021 22:56 Uhr

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