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Australien: Streit um Kängurus

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Australien: Streit um Kängurus | Bild: NDR / Dominik Müller

Weiches Fell, große Ohren, weite Kulleraugen – das Känguru ist das Nationaltier Australiens und lockt jährlich Tausende Besucher ins Land. Bei den Farmern im Outback jedoch gilt das Tier längst als Plage. Sie fressen ihr Getreide und konkurrieren mit ihren Schaf- und Kuhherden um grüne Wiesen und Wasserressourcen. Mit Erlaubnis der Regierung werden jedes Jahr mindestens eine Millionen Kängurus erlegt.

Känguru-Jagd in New South Wales: Der Tod kommt im Schutz der Dunkelheit. Professionelle Jäger haben bei manchen Australiern einen schlechten Ruf, weil sie das Nationalsymbol abschießen. Dabei mache er doch nur seinen Job, sagt Rob Gallina - mit der Genehmigung der Regierung. Die wichtigste Regel dabei: Keine Känguru-Mütter und jeder Schuss muss sitzen. "Wir achten auf einen schnellen Tod. Der Schuss muss das Gehirn treffen oder eine Stelle irgendwo zwischen Nacken und Kopf.  Man muss die Arterie oder die Nerven, die zur Wirbelsäule führen, trennen", erklärt der Jäger.

Farmer sehen Kängurus als Plage

Wenn Farmer die Kängurus auf ihren Weiden loswerden wollen, rufen sie Rob Gallina an. Im Moment ist er in vielen Nächten unterwegs. 2018 töteten Jäger insgesamt mehr als 1,5 Millionen Tiere. Sie landen oft auf dem Schlachthof und dort werden daraus Tierfutter, Leder oder Steaks. Wenn keine Abnehmer da sind, verrotten die Kadaver aber auch einfach auf den Feldern. Viele Farmer klagen darüber, dass Australiens Nationalsymbol längst zu einer Plage geworden sei. "Kängurus haben keine natürlichen Feinde. Wir haben keine großen Raubtiere. Den Dingo gibt es hier kaum noch. Ihr in Europa habt Wölfe. Wir hier nur Füchse, die eher was Kleineres fressen. Kängurus haben also keinen natürlichen Feind", sagt Gallina.

Tierschützer und Farmer stehen sich dabei unerbittlich gegenüber

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Kängurus sind für die Farmer Australiens eine Plage. | Bild: NDR / Dominik Müller

Ortswechsel: 19 Beuteltiere leben gerade im Haus der Känguru-Retter Helen Round und Manfred Zabinskas. Die beiden ziehen Kängurus bei sich auf, deren Mütter zum Beispiel bei Straßenunfällen ums Leben gekommen sind. Es ist ein Fulltimejob. Dass die Regierung jedes Jahr einfach Millionen Kängurus zum Abschuss freigibt, dafür haben sie nicht das geringste Verständnis: "Ich bin entsetzt darüber, dass wir in unserem Land Kängurus umbringen. Das ist unverantwortlich. Es wird viel zu wenig geprüft, ob es nicht andere Methoden gibt, die Zahl der Kängurus unter Kontrolle zu halten. Oft werden die Lizenzen zum Töten von den Behörden ohne irgendwelche fundierten Grundlagen vergeben", sagt Zabinskas von "Five Freedom Animal Rescue".

Dutzende Fläschchen Milch rund um die Uhr – Helen und Manfred haben ihr Leben der Rettung des Nationalsymbols verschrieben. Auch, weil die Regierung so verantwortungslos sei, sagen sei. Bis zu zwei Jahre kann es dauern, ein Känguru groß zu ziehen. Mit Spendengeldern halten sie ihr Asyl aufrecht. Und sie sind nicht allein. In ganz Australien gibt es dutzende Rettungsstationen. Tierschützer und Farmer stehen sich dabei unerbittlich gegenüber. "Wir haben unsere einheimische Vegetation für die Produktion von Rindfleisch geopfert. Und wer bekommt die Schuld? Nicht die geldmachende Kuh oder die Farmer, die Bäume fällen. Nein, die Kängurus. Das ist nicht fair", sagt Helen Round. 

Kängurufleisch ist oft ein Ladenhüter

Känguru in Nahaufnahme
Australien gibt jedes Jahr Millionen Kängurus zum Abschuss frei. | Bild: NDR / Dominik Müller

Martin Royds ist Öko-Landwirt. Er hat sich auf Zuchtkühe spezialisiert. Doch rund um seine Farm lauern Kängurus auf der Suche nach frischem Gras. Es sind einfach zu viele, sagt er. Man müsse sie unter Kontrolle bringen, also abschießen. "In den meisten Nächten kommen sie. Ich habe nur 66 Kühe, aber füttere 2 bis 300 Kängurus durch." Gerade herrscht extreme Trockenheit. Dann zieht es die Tiere geradezu magisch an die Wasserstellen auf den Weiden. Früher wären Kängurus einfach verendet, aber die vielen Farmen heute seien für die Beuteltiere wie ein großer Futtertrog. Martin wünschte, er könnte mit ihnen wenigstes Geld verdienen. Doch Kängurufleisch ist oft ein Ladenhüter. Dabei müssten wir viel mehr davon essen, sagt ausgerechnet der Rinderzüchter: "Ich hasse es, Tiere einfach zu töten und wegzuwerfen. Ich wünschte, wir könnten das Fleisch besser nutzen. Es hat viel Eiweiß, wenig Kalorien und die Haut ist extrem reißfest. Das wäre viel nachhaltiger, als sie zum Teil einfach nur verrotten zu lassen."

Tierschützer wie Manfred und Helen sagen: Die Zahl von derzeit geschätzten 42 Millionen Kängurus im Land sei maßlos übertrieben. Die Regierung wolle es nur der mächtigen Farmerlobby recht machen. Australien ist einer der weltweit größten Exporteure von Rindfleisch. Im Namen des Profits würden Millionen Kängurus einfach abgeschlachtet: "Kängurus werden zu Unrecht für so viel Schäden verantwortlich gemacht. Sie fressen viel weniger als Kühe. Wir können mit unseren Wildtieren koexistieren, wenn wir das wollen. Wir müssen doch auch nicht aus allem Geld machen, nur weil wir es können", sagt Manfred.

Farmer Martin und Jäger Rob besprechen den Einsatzplan für die Nacht. Martin hat wegen der langen Trockenheit bereits Dreiviertel seiner Zuchtrinder verkauft. Das Leben der Kängurus oder das Überleben seiner Farm? Über diese Entscheidung muss er nicht lange nachdenken.

Autorin: Sandra Ratzow, ARD Singapur

Stand: 27.10.2019 20:26 Uhr

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