SENDETERMIN So., 29.11.20 | 19:20 Uhr | Das Erste

Frankreich: Harter Brexit? – Die Angst der Fischer

PlayDrei Männer sortieren Fisch an Bord eines Schiffes.
Frankreich: Harter Brexit? – Die Angst der Fischer | Bild: NDR

Es gibt kaum einen Ort, an dem der Brexit so sichtbar wird wie in Boulogne-sur-Mer, dem größten Fischereihafen Frankreichs. 60 Prozent des Fangs der Fischer kommt aus britischen Gewässern. Wenn es bis zum 1. Januar keine Einigung beim Brexit-Abkommen zur Fischerei geben sollte, sind hier 5.000 Jobs in Gefahr.

Meter für Meter. Fischer Ludo und sein Kollege Romain lassen vorsichtig das Netz ins Wasser. Oben auf der Brücke steuert Kapitän Margollé die "Saint Jacques II" durch den Ärmelkanal und erklärt: "Wir haben das Netz um 9.50 Uhr ausgeworfen. Etwa um 12.50 Uhr holen wir es dann wieder rein." Margollé ist vor Calais unterwegs. Es ist viel los im Ärmelkanal. Nicht nur Fischerboote, sondern auch Frachtschiffe kreuzen. Nirgendwo sonst sind Großbritannien und Kontinentaleuropa näher beieinander. "Momentan sind wir ungefähr sieben Kilometer von Frankreich entfernt. Und gut 20 Kilometer von Großbritannien", sagt der Kapitän. Ludo und Romain holen das Netz ein. Gerade ziehen Schwärme von Tintenfischen durch das Gewässer. Alle paar Stunden wiederholen sie die Prozedur, rund um die Uhr. Ein Knochenjob. Gut eine Tonne fangen die Fischer zurzeit am Tag. Unter Deck wird sortiert.

Britische Gewässer besonders fischreich

Ein Mann auf der Kommandobrücke eines Schiffes.
Die französischen Fischer sind auf die Fänge in den britischen Gewässern angewiesen. | Bild: NDR

Die Fischer sind oft in britischen Gewässern unterwegs, die sind besonders fischreich. Fast die Hälfte ihres Fangs kommt von dort. Gibt es beim Brexit keine Einigung über die Fischerei, ist damit Schluss. Dann ist britischer Fang für sie Tabu. Für die Fischer geht um ihre Existenz: "Das wird ärgerlich. Wir fahren noch regelmäßig in britische Gewässer. Für uns wird das, wenn man ehrlich ist, beschissen“, sagt Margollé. Die Tour macht der Kapitän oft. Mehrere Hundert Kilometer, um vor der Küste Mittelenglands zu fischen. Allein 24 Stunden dauert die Anfahrt. Fanggebiete im Norden werden für ihn immer wichtiger: "Die Fischarten haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert. Es gibt zum Beispiel keinen Kabeljau mehr bei uns. Früher haben wir so große gefischt, oder noch größer. Das ist vorbei."

Essensvorbereitung in der Kombüse. Heute ist Ludo dran. Die Fischer wechseln sich jeden Tag mit Kochen ab. Es gibt frisch gefangenen Tintenfisch. Die Crew ist von Montag bis Freitag an Bord, manchmal bis Samstag. 24 Stunden Schichten. Nur am Wochenende sind sie zu Hause. Um 2 Uhr nachts ist das Schiff zurück in den Hafen. Kapitän Margollé kommt mehrmals in der Woche kurz nach Boulogne-sur-Mer, um den Fang abzuladen. Heute sind sie die ersten in der Schleuse. Die Fischer sind unsicher, wie es für sie weitergeht: "Großbritannien ist halt eine Insel. Es ist irre, was sie an Küste haben. Im Verhältnis dagegen haben wir in Frankreich quasi nichts", sagt Ludo.

Mit einem Kran hebt Kapitän Margollé bringt den Fang an Land. So wie er sind die Fischer aus Boulogne-sur-mer seit Generationen in britischen Gewässern unterwegs. Wenn das nicht mehr möglich wäre, würde es hier still. Boulogne-sur-Mer ist der größte Fischereihafen Frankreichs. Kapitän Margollé bereitet das Schiff für die Abfahrt vor. Er will weitermachen, komme was wolle.

Autorin: Friederike Hofmann, ARD-Studio Paris       

Stand: 29.11.2020 20:16 Uhr

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