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Indien: Fachkräfte bleiben zuhause

PlayFrauen an Schreibtischen unterhalten sich.
Indien: Fachkräfte bleiben zuhause | Bild: NDR

Teammeeting bei Hala Mobility, einem Startup mit Sitz in der südindischen Millionenmetropole Hyderabad. Srikanth Reddy leitet das Unternehmen. 29 Jahre ist er alt, hat in Italien und Spanien studiert, dort seinen Doktortitel gemacht – sich dann aber bewusst für eine Rückkehr nach Indien entschieden. "Ich hatte einen attraktiven Job. Einen Job, der gutes Geld bezahlt hat und mit dem ich ein sorgenfreies Leben hätte führen können. Was ich aber wollte, ist wirklich etwas bewegen. Ich wollte etwas schaffen, das ein großes Problem löst."

Sein drei Jahre altes Unternehmen setzt auf nachhaltige Mobilität. Mehr als 2.500 Elektroroller verleiht er bereits an Kunden wie zum Beispiel Lieferboten. Für den Standort Indien hat er sich vor allem aufgrund des riesigen Kundenpotentials entschieden. "In Indien leben zurzeit etwa 1,4 Milliarden Menschen. Für alle möglichen Probleme benötigen diese Menschen Lösungen. Darin liegen große Möglichkeiten. Denn wir als junge Generation können diese Probleme angehen und so dafür sorgen, dass Indien wieder eine weltweite Supermacht wird."

Indiens Volkswirtschaft wächst schnell

Kaum eine Volkswirtschaft wächst zurzeit so schnell wie die indische. Schon in vier Jahren soll Indien Deutschland und Japan überholt haben. Das Wachstum zeigt sich in den vielen jungen Unternehmen, auch in dem von Srikanth Reddy. "Im November 2020 haben wir mit zwei Fahrzeugen angefangen. Am Ende des Jahres waren es schon 20. Dann 100, dann 200 – und auf einmal waren wir bei 1.000. Letztes Jahr stiegen die Investoren ein. Mit ihnen sind wir um 400 Prozent gewachsen."

Eine Million Dollar wurden bisher investiert, knapp 80 Leute arbeiten inzwischen für Reddy. Viele von ihnen kommen aus kleinen Dörfern, die in den großen Städten nach Perspektiven suchen. So wie der Mechaniker Shravan Kumar. "Ich lerne hier viel. Ich bin es aus meinem Dorf gewohnt, dass mir Dinge befohlen werden, hier aber wird es mir erklärt. Ich sehe viele Entwicklungsmöglichkeiten und habe schon eine Menge beigebracht bekommen. Das alles wäre bei mir im Dorf unmöglich gewesen. Der Unterschied zwischen der Stadt und meinem Heimatort ist wirklich riesig."

Technologischer Fortschritt auf dem Land noch nicht angekommen

Ein Unterschied, den er seinem Chef zeigen will. Gemeinsam fahren sie nach Saidapur, einem 4.000-Einwohner-Dorf außerhalb Hyderabads. Eigentlich wollte Kumar seine Familie und sein Dorf nicht verlassen - wegen des neuen Jobs blieb ihm aber keine andere Wahl. "Bevor ich nach Hyderabad ging, um dort Mechaniker zu werden, wollte ich hier in meinem Dorf ein eigenes Unternehmen gründen. Ich hatte die Idee, eine kleine Werkstatt zu eröffnen. Aber das ging alles nicht. Denn keiner hat mich wirklich ernst genommen. Ständig wurde alles hinterfragt. Schließlich wurde mir damit der Mut genommen."

Auf dem Land - auch hier in Saidapur - spüren sie vom technologischen Fortschritt der vergangenen Jahre immer noch nicht viel. Shravans Familie lebt von der Landwirtschaft, muss mit umgerechnet etwa 150 Euro pro Monat auskommen. Seine Mutter beklagt, dass sich die indische Politik um Dörfer wie ihres nicht wirklich gekümmert hat. "Schauen Sie doch. Hier im Ort hat sich nichts geändert. Alles ist, wie es früher schon war. Die Regierung hat versprochen, dass sich Dinge verbessern würden - nichts ist passiert. Selbst gebildete Menschen können hier keinen gut bezahlten Job finden. Deshalb ist mein Sohn ja in die Stadt gezogen."

Suche nach Perspektiven für die Landbevölkerung

Ein Mann spricht.
Srikanth Reddy hat in Europa studiert und hat jetzt sein eigenes Unternehmen. | Bild: NDR

Ein Leben, mit dem Unternehmer Reddy ansonsten kaum in Verbindung kommt. Zwei Drittel aller Inder leben allerdings in diesem Alltag. Im modernen Indien suchen sie nun dringend nach Perspektiven für die Landbevölkerung. "Ob es der Weg in die Stadt ist, eine Verbesserung der generellen Lebensumstände... auch Menschen aus kleinen Dörfern müssen ihre Träume verwirklichen können. Da gibt es noch eine große Lücke, die es zu schließen gilt."

Ein Ort, an dem unter anderem dafür Lösungen entwickelt werden sollen, ist das "T-Hub"-Zentrum in Hyderabad. Ein vom Bundesstaat finanziertes Projekt, das Start-ups wie das von Reddy schon ab der Gründung berät und unterstützt. Anthony Anish – einer der Geschäftsführer des T-Hub – freut sich, dass inzwischen viele Jungunternehmer nach Perspektiven für die Menschen auf dem Land und in den Dörfern suchen. "Unternehmen, die sich zum Beispiel mit Agrartechnologie und Nachhaltigkeit beschäftigen, zieht es schon jetzt in kleinere Ortschaften. Zahlreiche Start-ups arbeiten dort an Problemen, die abseits der Städte entstehen. Ich kann ihnen sagen, dass wirklich eine ganze Menge Energie hineingesteckt wird, um Lösungen für die Dorfbewohner Indiens zu entwickeln."

Hyderabad als Silicon Valley Indiens

Für wegweisende Ideen und Technologien wie beispielsweise künstliche Intelligenz haben sie sich in Hyderabad große Ziele gesetzt. Sind es zurzeit noch knapp über 300 Start-ups, die im Innovationszentrum arbeiten, sollen es in den nächsten fünf Jahren mehr als 20.000 werden. Unternehmer wie Reddy sehen sich und ihr Land als wirtschaftliche Supermacht der Zukunft. "Es dauert nicht mehr lange, dann werden wir in Hyderabad als Silicon Valley Indiens gelten. Oder noch besser: Wir werden unsere eigene Marke erschaffen. Wir müssen uns mit niemandem vergleichen. Hyderabad und Indien im Allgemeinen werden in Zukunft das Zentrum von Innovation sein", sagt Srikanth Reddy.
Indien wächst. Nicht nur die Bevölkerung und die Wirtschaftskraft, sondern auch das  Selbstbewusstsein von mehr als 1,4 Milliarden Menschen.

Autor: Oliver Mayer, ARD-Studio Neu Delhi

Stand: 03.09.2023 20:13 Uhr

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