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Israel: Netanjahus Erfolg beim Impfen

PlayBenjamin Netanjahu (r), Ministerpräsident von Israel, wird im Schiba-Krankenhaus gegen Corona geimpft.
Israel: Netanjahus Erfolg beim Impfen | Bild: picture alliance/dpa/GPO | Amos Ben-Gershom

Ganz Israel kennt Ronit Levy aus dem Städtchen Afula. Als unermüdliche Unterstützerin von Langzeitpremier Netanjahu. Weil der von allen nur "Bibi" genannt wird, firmiert die Influencerin unter dem Künstlerinnen-Namen "Die Bibistin". Sie war sogar schon zu Hause bei Netanjahus eingeladen: "Ich bewundere und liebe ihn über alles. Er hat ein enormes Charisma."

Auch er ist eine lokale Berühmtheit: Roi Goldstein, Marketing-Experte aus Tel Aviv. Roi spielt eine Hauptrolle bei den Demos gegen den Regierungschef. Als Benjamin Netanjahu in Sträflingskleidung: "Das ist die einfachste Art zu zeigen, was ich denke. Ich denke, dass Netanjahu ins Gefängnis gehört. Ich muss das nicht auf ein Plakat schreiben. Ich ziehe mir das Kostüm über. Das bleibt allen im Gedächtnis.“

Netanjahu Corona-Impfung live zur besten Sendezeit

Benjamin Netanjahu (r), Ministerpräsident von Israel, wird im Schiba-Krankenhaus gegen Corona geimpft.
Zum Auftakt der Corona-Impfkampagne in Israel hat Netanjahu sich als Erster impfen lassen. | Bild: picture alliance/dpa/GPO | Amos Ben-Gershom

 Für oder gegen Netanjahu! Die israelische Gesellschaft ist polarisiert und zerstritten wie nie – über einen Politiker, der große, Ich-bezogene Auftritte liebt. Ende Dezember 2020 auf dem Flughafen Ben Gurion beginnt sein jüngster Wahlkampf. Netanjahu kommt persönlich aufs Rollfeld, um ein Frachtflugzeug in Empfang zu nehmen. Der Container mit Biontech/Pfizer-Impfstoff wird wie ein Staatsgast begrüßt: "Heute ist ein Feiertag, wir sehen das Ende der Pandemie. Noch müssen die Corona-Regeln eingehalten werden, aber das Ende ist absehbar." Medienwirksam beschwingt startet die Impfkampagne. Netanjahu hat mit Pfizer-Chef Bourla ein weltweit einmaliges Abkommen ausgehandelt. Pfizer liefert ausreichend Impfdosen für die israelische Bevölkerung, bekommt dafür anonymisierte Patientendaten über die Wirksamkeit. Die erste Spritze lässt sich Netanjahu live zur besten Sendezeit selbst setzen. Und verkündet als Abwandlung des berühmten Zitats von Neil Armstrong bei dessen Mondlandung: "Ein kleiner Picks für die Menschen. Ein großer Schritt für die Gesundheit von uns allen."

Für solche starken Worte und Auftritte lieben in seine Fans. Sie feiern ihn als "König von Israel". Als den Politiker, der als einziger Sicherheit und Zukunft des Landes gewährleisten kann. Aber auch Netanjahus Gegner gehen jede Woche auf die Straßen. Für sie ist der Premier ein Verbrecher, der als Regierungschef längst zurücktreten sollte, weil gegen ihn ein Korruptionsprozess läuft. Im Februar musste der 71-Jährige persönlich vor Gericht erscheinen. Erklären, ob er sich der Untreue, des Betrugs und der Bestechlichkeit schuldig gemacht hat. So soll er zwei Medienunternehmer, beide ebenfalls angeklagt, begünstigt haben. Im Gegenzug für positive Berichterstattung über sich und seine Familie. Außerdem soll er von reichen Freunden teure Geschenke angenommen haben.

Netanjahu spaltet die Israelis

Netanjahu bestreitet alle Vorwürfe. Seit Langem spricht er von einer "Hexenjagd" auf ihn – von einer vermeintlich linksgerichteten Justiz und Medienlandschaft. Seine Verteidigung also ein Angriff auf demokratische Institutionen. Das Echo wieder einmal zweigeteilt. "Ich glaube, dass diese Anklagen nur dazu fabriziert wurden, um Netanjahu politisch zu schaden und ihn loszuwerden", sagt Ronit Levy. Bei ihren Auftritten erhält Ronit regelmäßig den größten Applaus, wenn sie von der "Justiz- und Medien-Meute" spricht, die gegen Netanjahu putschen wolle.

Roi dagegen meint, dass Netanjahu aus Eigeninteresse die Demokratie gefährde. In der Protestszene hat er fast ikonische Bilder geschaffen. Als die Polizei die friedlichen Demonstrationen auflöste, wurde auch Roi festgenommen, saß im Polizeiwagen in seiner Paraderolle: als Netanjahu in Sträflingskleidung. "Er missbraucht das Gesetz für seinen Vorteil. Und dagegen kämpfe ich, um das zu stoppen."

Umfragen: Netanjahus rechtskonservative Likud-Partei liegt vorne

Demonstration gegen Netanjahu.
Die Gräben innerhalb der israelischen Gesellschaft sind schwer zu überbrücken.    | Bild: NDR

Laut Umfragen dürfte Netanjahus rechtskonservative Likud-Partei wieder stärkste Kraft werden. Aber für eine Regierungsbildung braucht er bei dem komplizierten israelischen Parteiensystem Koalitionspartner. Da könnte es knapp werden. Er wirbt deshalb nicht nur um die Parteien der Ultraorthodoxen, sondern geht sogar auf die arabischen Israelis zu, die er sonst regelmäßig beschimpft.

Netanjahu drückt aufs Gas bei der Impfkampagne. Führt einen Grünen Passes für Geimpfte und Genese ein. Rechtzeitig vor den Wahlen, nach einem Jahr Corona, verspricht er den Israelis die Rückkehr zur Normalität. Niemand soll daran zweifeln, dass dies allein ihm zu verdanken ist: "Ich persönlich habe alles dafür gegeben, dass wir nicht nur Weltchampions beim Impfen sind, sondern dass auch unsere Wirtschaft weltweit am schnellsten wieder wachsen wird." 

Am Wochenende vor der Wahl zieht Ronit, genannt "die Bibistin", nochmals los, um für Netanjahu zu werben. Die Fans versichern ihr: Das Pro-Netanjahu-Lager steht! Genauso wie das seine Gegner: Sie haben landesweit zu Anti-Netanjahu-Demonstrationen aufgerufen. Roi ist ständig im Einsatz. Wie immer die Wahl ausgeht: Die Gräben innerhalb der israelischen Gesellschaft werden schwer zu überbrücken sein.   

 Autorin: Susanne Glass, ARD Studio Tel Avi

Stand: 21.03.2021 20:34 Uhr

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