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Italien: Wie beeinflusst die Corona-Krise die Regionalwahlen?

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Italien: Wie beeinflusst die Corona-Krise die Regionalwahlen?  | Bild: imago/ZUMA Press / Andrea Ronchini

Eigentlich sollten die sieben Regionen in Italien im Frühjahr wählen – doch dann kam der Lockdown und nun wird gewählt: Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf das Wahlverhalten aus?

Es brodelt in den Dörfern. So idyllisch die Natur, so aufgewühlt ist die politische Landschaft in der Toskana. Sie war lange Stammland der Sozialdemokraten, die hier PD Partito Democratico heißen – aber jetzt: ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der rechten Lega. Das macht Federico Gelli schwer zu schaffen. Er ist aktiver Sozialdemokrat, hatte viele politische Ämter inne. Zuletzt fehlte dem Arzt aber die Zeit, sich zu engagieren, denn er ist auch Covid-19-Krisenmanager für die Region. Nicht nur in der Toskana liege das Problem seiner Partei, sondern auch bei der Regierung in Rom: "Regieren bedeutet, kritisiert zu werden. Wir regieren in Rom mit der Fünf-Sterne-Bewegung – das war weiß Gott nicht unser Traum der vergangenen Jahre. Dass alles bringt uns in Schwierigkeiten im Wahlkampf hier auch in unserer Region." Die Toskana gehört zu den reichen Regionen, hier gehe es vielen Leute noch recht gut. Aber der Arzt sieht ein, nach jahrzehntelangem "Durchregieren", verspüren die Leute offensichtlich den Wunsch nach einem politischen Wechsel.

Rechtspopulist Salvini begeistert auch die Jüngeren

Matteo Salvini
Matteo Salvini sehen seine Anhänger als Macher. | Bild: imago/ZUMA Press / Andrea Ronchini

Keine 300 Kilometer Richtung Osten: Murano in der Region Venetien. Die kleine Insel ist auf der ganzen Welt berühmt für ihre Glasbläserei. Auch hier wird gewählt. Es regiert die rechtspopulistische Lega und die Zeichen stehen auf Wiederwahl. Der polternde Lega-Chef wird beim Besuch auf der Insel gefeiert: Matteo Salvini.

Familie Moretti produziert seit 1870 Glas, aber keiner weiß, wie lange noch. Der Rechtspopulist kann sogar die Jüngeren begeistern. Salvini trifft das Bauchgefühl vieler Italiener. Dennoch sind die Morettis skeptisch, was die Lega angeht. Aber die Partei hat sich in der schlimmsten Phase der Pandemie um die Wähler gekümmert der Präsident der Region sogar persönlich: "Als er uns alle zu Hause angerufen hat, waren wir sprachlos. Er hat uns ermutigt ruhig zu bleiben, wir würden Masken bekommen, damit hat er auch versucht, sich beliebt zu machen", sagt Silvia Celotto.
Alberto Moretti ergänzt: "Politiker reden viel und machen dann weniger als versprochen. Aber eine kleine finanzielle Unterstützung hat es gegeben." Das rettet nicht, macht aber Mut. Alberto führt das Unternehmen mit seinem Bruder: Hohe Steuern, Bürokratie und die Konkurrenz aus China haben ihnen in den vergangenen Jahren das Unternehmerleben schwergemacht.

Wahlkampfthema: Gesundheitsversorgung

In einem Krankehausflur hängt ein Bild mit Krankenhauspersonal.
Die Menschen hoffen, dass es keinen zweiten Lockdown gibt. | Bild: NDR

In Italien krankt es an fast allem, die Wirtschaft ist das große Thema, aber mit der Pandemie wurde erstmals ein anderes zum Wahlkampfschlager: die Gesundheitsversorgung. Das Pflegepersonal, sie waren die Helden des Landes und am Ende bleibt die Frage: Was wollen wir? Privatkliniken wie in der Lombardei, wo die Lega regiert oder staatliche Versorgung für alle, wie bei Federico Gelli.

"Endlich haben alle verstanden, dass es einen Personalmangel gab, bei Pflegenden und ÄrztInnen. Wir konnten 800 Leute während der Pandemie einstellen und das war eine überlebenswichtige Entscheidung. Es ist wichtig das Gesundheitssystem flächendeckend zu verbessern. Es muss überall funktionieren, nicht nur in den Regionen, wo es bisher schon funktioniert hat", sagt Federico Gelli. Nicht nur Federico Gelli in der Toskana, sondern überall in Italien hoffen die Menschen, dass es keinen zweiten Lockdown gibt – das würde wohl kaum einer gut verkraften.

Menschen wünschen sich Aufschwung, keine leeren Versprechungen

Zwei Männer stehen nebeneinder und schauen in die Kamera.
Die Brüder Moretti wünschen sich Aufschwung. | Bild: NDR

In Venetien in Murano bei den Morettis beispielsweise stehen die Öfen schon viel zu lange still. Als kleines Familienunternehmen ohne Angestellte hoffen sie dennoch die Krise irgendwie zu überleben: "Wir hatten schon Angst. Das ist unser Beruf, unsere Leidenschaft. Wir versuchen die Zähne zusammenzubeißen" , sagt Nicòla Moretti. Alberto Moretti fügt hinzu: "Wir hoffen, dass wir weitermachen können. Wir blicken positiv auf Arbeit und Leben."

Die Krise beeinflusst jeden einzelnen. Welche Partei auch immer das Ruder übernimmt. Die Brüder Moretti wünschen sich Aufschwung, keine leeren Versprechungen, damit ihnen nicht auch die letzte Hoffnung genommen wird.

Autorin: Ellen Trapp, ARD Rom

Stand: 20.09.2020 21:07 Uhr

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