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Kenia: Die Perlenmädchen

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Kenia: Die Perlenmädchen | Bild: WDR

Sie sind schön, sie sind bunt, sie sind der Inbegriff der Samburu-Kultur in Kenia. Doch der prächtige Perlenschmuck hat eine Schattenseite. Viele Mädchen leiden unter den Perlen. Es sind Geschenke von jungen Samburu-Kriegern. Doch diese Geschenke haben ihren Preis: Die Männer dürfen dafür mit den Mädchen Sex haben, wann immer sie wollen. So ist die Tradition. Dagegen kämpft eine Frau: Josephine Kulea ist selber Samburu. Im abgelegenen Norden Kenias ist sie oft unterwegs. Ihr Ziel: Mädchen wie diese vor dem sexuellen Missbrauch zu retten. Die Dorfgemeinschaft beruft eine Versammlung ein. "Was möchtet Ihr denn?“, fragt Josephine die Mädchen. Nailashu, ein Perlen-Mädchen, sagt: "Ich möchte in die Schule gehen und später einen eigenen Beruf haben, ich möchte selber Geld verdienen.“

Frauen haben nicht viel zu sagen

Nailashu ist 9 und war noch nie in der Schule. Kein Perlen-Mädchen kann lesen oder schreiben. Gemeinsam mit einem Regierungsbeamten versucht Josephine Kulea, die Väter der Mädchen zu überzeugen, dass der Schulbesuch der ganzen Familie nützen würde. Doch das ist nicht so einfach. Die Samburu pflegen ihre Tradition sehr. Und in der haben Frauen normalerweise nicht viel zu sagen. Etwa 80% aller Samburu sind Analphabeten. Josephine Kulea glaubt fest daran, "dass es der ganzen Dorfgemeinschaft nützt, wenn die Mädchen etwas lernen. Und dass es die Familien besser macht. Sonst leidet die Gesundheit der Mädchen, ihre Zukunft, ihre Kinder. Der Armutskreislauf wiederholt sich ständig.“

Alte Traditionen werden in Frage gestellt

 Kenia: Die Perlenmädchen
Bunte Perlenketten tragen junge Mädchen - eine Art ,,Besitzurkunde'' für Männer, die mit den minderjährigen Mädchen Sex haben. | Bild: Das Erste

Heute muss Josephine ohne die Mädchen wieder abreisen. Sie konnte die Samburu-Männer mit ihren Ideen vom Schulbesuch nicht überzeugen. Auf dem Viehmarkt in Maralal, einer der größten Städte in Nordkenia, verkaufen Samburu-Krieger, die sogenannten Morans, ihre Tiere. Davon leben sie seit Jahrhunderten. Doch im modernen Kenia werden die Traditionen der Nomadenvölker mehr und mehr in Frage gestellt. Eine Gratwanderung für die Gesellschaft.

Das Samburu-Mädchen Rosila besucht das katholische St. Marys-Internat. . Vor vier Jahren sah ihr Leben ähnlich aus wie das der Mädchen im Dorf. Rosila wurde von ihrem Vater mit einem viel älteren Mann verheiratet – als 9-jährige. Sie erzählt: "Eines Tages kam dieser Mann zu uns nach Hause. Er hatte Zucker und Geld dabei. Mein Vater sagte: das ist dein Ehemann. Ich hatte Angst und habe geweint. Aber mein Vater hat gesagt: Du wirst mit ihm mitgehen.“ Am Tag der Hochzeit wurde die kleine Rosila beschnitten, verstümmelt.

Was zählt ist Aufklärung

 Kenia: Die Perlenmädchen
Dieses Mädchen konnte gerettet werden und geht jetzt zur Schule. | Bild: Das Erste

Nach der sogenannten Hochzeit sind sich Rosila und Josephine Kulea zufällig in der Stadt begegnet. Das war für das Mädchen die Rettung. In der Schule musste Rosila erst lernen, wie man einen Stift hält. Mit 9 Jahren. Inzwischen ist sie Klassenbeste. Doch einzelne Mädchen zu retten ist nicht genug. Was zählt ist vor allem Aufklärung. Daher hat Josephine Kulea Männer und Frauen zu einem Gedankenaustausch eingeladen. Dass die Tradition gegen das kenianische Gesetz verstößt, ist vielen Samburu nicht bewusst. Ein Anwalt erklärt, dass Beschneidung von Frauen, Sex mit Minderjährigen und Heirat unter 18 in Kenia verboten ist. Das hören viele zum ersten Mal.

"Die meisten wissen nicht einmal, dass wir in diesem Land eine Verfassung haben. Sie haben zwar dafür gestimmt, aber sie wussten nicht, was das bedeutet. Was wir heute versuchen zu vermitteln ist schlicht der Inhalt der Verfassung,“ sagt Josphine Kulea. "Was wir beobachten ist, dass die Leute nur etwas ändern, weil sie Angst haben, verhaftet zu werden. Aber im Geheimen machen sie mit allem weiter. Wir versuchen ihnen zu sagen, dass wir nicht gegen die Samburu-Tradition per se sind. Wir wollen die guten Seiten der Tradition erhalten und die schlechten unterbinden.“

Rosila ist jetzt in Sicherheit

In ihrem Internat ist Rosila in Sicherheit. Ihr Vater und der sogenannte Ehemann waren ein Jahr im Gefängnis. Danach hat sich ihr Vater bei ihr entschuldigt. Zu Hause wohnen möchte Rosila trotzdem nicht mehr. "Wenn ich alleine bin, dann denke ich manchmal daran und hoffe, dass ich alles irgendwann vergessen kann. Ich will weiterkommen im Leben und mich auf meine Zukunft konzentrieren, “sagt Rosila. Die Mädchen essen heute schnell, denn gleich müssen sie noch lernen. Rosila hat jetzt eine Zukunft, doch tausende Samburumädchen werden noch immer als Kinder verheiratet, sexuell missbraucht, verstümmelt – und mit Perlen geschmückt.

Autor: Sabine Bohland, ARD Nairobi

Stand: 22.02.2016 13:29 Uhr

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