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Malediven: Urlaubsparadies als Terroristenheimat

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Malediven: Urlaubsparadies als Terroristenheimat | Bild: WDR

Paradiesische Gefühle stellen sich in Male, der Hauptstadt der Malediven, nicht unbedingt ein. Hier leben hundertfünfzigtausend Menschen. Früher war das Stadtbild noch bunter, jetzt dominiert immer mehr die Farbe Schwarz. Dazu gibt es ein strenges Bikiniverbot. Zum Mittagsgebet füllen sich die Moscheen. Der Islam ist die einzige erlaubte Religion, die Scharia ist Gesetz und die Regierung herrscht autoritär.

Den Anhängern eines weltoffenen Islam wird angst und bange. Aisha Hussain Rasheed, Koranexpertin, erklärt: "Manche hier sympathisieren mit dem Islamischen Staat, weil sie frustriert sind über die Unterdrückung im eigenen Land. Auch einige unserer Prediger fördern den IS mit ihren Reden."

Der Sog des IS beginnt bereits vor Ort

Unlängst gingen IS-Sympathisanten offen auf die Straße, auf den Plakaten standen Sätze wie "Die Scharia wird die Welt beherrschen". Etwa zweihundert Personen, gemessen an der Bevölkerungsgröße eine beachtliche Zahl, sollen für den IS in den Krieg gezogen sein. Und die Prägung passiert bereits vor Ort. Das berichtet die Menschenrechtlerin und Regierungskritikerin Shahindha Ismail vom Maledivisches Demokratie Netzwerk: "Es gibt Ausbildungslager für Erwachsene, sogar für Kinder, betrieben von Extremisten, die sie auf einsame Inseln bringen, um sie dort indoktrinieren, das dauert fünf Tage bis eine Woche lang."

Die Malediven: Traumziel vieler Touristen und gleichzeitig auch Terroristenheimat.
Sympathien für den sogenannten IS – vor allem junge Männer sollen von hier aus in den Krieg gezogen sein. | Bild: WDR

Wir suchen nach Verwandten und Freunden der IS-Kämpfer, finden auch mehrere, die uns ein Interview geben wollen, aber in letzter Minute sagen sie ab. Bis auf eine Frau, die allerdings verschleiert bleiben will und zudem darauf besteht, dass die Kamera unscharf bleibt. Ihr Sohn, berichtet sie, hing lange Zeit ziellos herum, bis er plötzlich religiös wurde: "Ich ahnte Schlimmes, als er immer wieder zu einem radikalen Mullah ging. Inzwischen ist er beim IS und ich habe ihn gebeten, zurück zu kommen. Stattdessen schickt er mir Geld, ungefähr vierhundert Dollar pro Monat."

Polizei untersagt "Weltspiegel"-Dreharbeiten

Eine andere Frau, deren Sohn als IS-Krieger umgekommen ist, verabredet sich mit uns. Doch statt der Mutter wartet die Polizei auf uns, nimmt uns mit aufs Hauptquartier, untersagt weitere Dreharbeiten in der Hauptstadt.

Also fahren wir auf eine mehrere Stunden entfernt liegende Insel. Himandhoo heißt sie, und unterscheidet sich radikal von den Luxus-Inseln, auf denen die Touristen sich verwöhnen lassen. Auf Himandhoo gibt es nur ein einziges Gästehaus. Die Menschen bleiben lieber unter sich. Sie leben einfach, überwiegend vom Fischfang. Man sagt, sie seien besonders offen für radikale Botschaften.

Malediven – eine tickende Zeitbombe?

Das zeigen diese Bilder einer islamistischen Demonstration, die bereits einige Jahre zurückliegt, brutal gestoppt vom Militär. Die Aufnahmen wurden ins Internet gestellt mit dem Hinweis: die Malediven, vor allem diese Insel, seien eine tickende Zeitbombe. Prediger sollen hier zum Dschihad, zum Heiligen Krieg aufrufen. Und einige sollen dem Ruf gefolgt sein.

Einige Bewohner sind klar gegen den Dschihad

Nicht allen gefällt das. Frömmigkeit ja, Militanz nein, findet ein Bewohner der Insel: "Die in den Dschihad aufbrechen, handeln falsch. Der Dschihad zerstört unsere Gemeinschaft."

Ein weiterer meint: "Die sich dem IS angeschlossen haben, vertreten einen falschen Islam. Denn der besteht darin, Leuten in Not zu helfen. Das ist Dschihad."

Angst vor der Polizei

Doch Namen will keiner nennen, aus Angst vor der Polizei. Wir werden unentwegt beobachtet. Leute telefonieren. Informieren sie die Behörden? Eine junge Frau lässt sich auf ein Gespräch mit uns ein. Wir haben sie spontan angesprochen, und es scheint, als hätte sie nur darauf gewartet, etwas loszuwerden. "Von den anderen Inselbewohnern werdet ihr nichts erfahren. Ich bin die einzige, die auch was erzählt. Wir hier befürworten den Dschihad. Ich auch. Mein eigener Bruder hat mitgemacht. Er wurde Märtyrer. So Gott will, kam er sofort in den Himmel, als er starb."

Einreiseverbot für 10 Jahre für das ARD-Team

Die Malediven: Traumziel vieler Touristen und gleichzeitig auch Terroristenheimat.
Es gilt ein strenges Bikiniverbot in der Hauptstadt Male im autoritär, islamisch geprägten Staat der Malediven. | Bild: WDR

Und dann ist das Interview plötzlich zu Ende. Gestoppt von der Inselpolizei, die mich und mein indisches Kamerateam festnimmt. Begründung: Wir hätten keine Dreherlaubnis. Wir werden verhört und zurück nach Male gebracht, unter Aufsicht eines Aufpassers der Polizei. An Land gibt es weitere Verhöre, dann folgt der Abtransport zum Flughafen auf der Ladefläche eines LKWs. Vor dem Abflug wird in unsere Pässe gestempelt, dass wir abgeschoben sind und die nächsten zehn Jahre nicht wieder kommen dürfen. In einem Radiointerview mit der ARD verteidigt die Außenministerin Dunya Maumoon vor wenigen Tagen die Maßnahme: "Sie wollten einige Leute gezielt als Extremisten darstellen, um dann zu sagen: Guckt her, so sind die Malediven."

Und das würde ja nicht zu diesen paradiesischen Bildern passen. Bildern, die zwar nicht lügen, aber wohl nicht die ganze Wahrheit sagen.

Autor: Markus Spieker, ARD Neu Delhi

Stand: 22.02.2016 10:53 Uhr

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