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Niederlande: Marengo-Prozess in Amsterdam – Drogenhändler unter Mord-Anklage

PlayEin Polizist steht an der Tür seines Dienstwagens.
Niederlande: Marengo-Prozess in Amsterdam – Drogenhändler unter Mord-Anklage | Bild: picture alliance / ANP

Sie müssen ihren Job unter Polizeischutz machen, manche von ihnen arbeiten anonym weil sie Morddrohungen erhalten: Verteidiger, Staatsanwälte, Richter. Das Gericht: ein Hochsicherheitstrakt. Er steht im Mittelpunkt: Ridouan Taghi. 100.000 Euro rief die Polizei für Hinweise auf. Bis zu seiner Festnahme in Dubai war er eine der meistgesuchten Personen Europas. Mit ihm stehen 16 Angeklagte vor Gericht. Es geht um viel Geld.

Es geht um eine Form von Gewalt, die die Niederlande bislang nicht kannte. Und es geht um die Frage: Wer hat eigentlich die Macht im Staat? "Ein abgeschlagener Kopf vor einer Shishabar wurde gefunden, ein Anwalt ermordet. Manchmal denke ich, sie haben sich einige Anregungen aus Kolumbien geholt", sagt Anwalt Vito Shukrala. Schießereien und Anschläge – wer sind diese Leute und wie konnten sie so bedeutend werden und die Niederlande so erschüttern?

Eine unscheinbare Anwaltskanzlei im Osten von Amsterdam: Vito Shukrala verteidigt Leute, die wegen Mordverdachts und Drogenhandel angeklagt sind. Auch Mitglieder der Moccromafia, benannt nach ihren Bossen, die oft aus Marokko kommen. Manche übernehmen ganze Nachbarschaftsviertel und zeigen, wer der Boss ist. "Die Leute sehen: Wenn ich bei einem Mord mitmache, kann ich auch Mercedes fahren, eine schicke Uhr, schöne Frauen und Champagner im Club haben. Das Geld kommt aus dem Handel mit Kokain", sagt Vito Shukrala.

Rotterdam: Organisierte Kriminalität arbeitet überall im Hafen

Ein Mann spricht in die Kamera.
Vito Shukrala verteidigt Leute, die wegen Mordverdachts und Drogenhandel angeklagt sind. | Bild: NDR

Im Hafen von Rotterdam landen jeden Tag rund 40.000 Container an. Nur ein Bruchteil davon wird kontrolliert. Die organisierte Kriminalität arbeitet überall im Hafen. Schätzungsweise 600 Tonnen Kokain, oft versteckt zwischen Südfrüchten, kamen vergangenes Jahr hier an. Antwerpen und Rotterdam sorgen zusammen für Kokain mit einen Marktwert von mindestens 50 Milliarden Euro. "Mit dieser Menge an Kokain kommt viel Geld herein und man kann sehr schnell, sehr reich werden. Und wenn jemand ein Psychopath ist, mit 400 oder 500 Millionen Euro zur Verfügung und du kannst ein paar Killer bezahlen, um zu tun was du willst, dann untergräbt das das ganze Regierungssystem", erklärt Vito Shukrala.
Bedeutet: Bestechung von Mittelsleuten bei Behörden und in Unternehmen. Die organisierte Kriminalität reicht in alle Bereiche.
"Am besten Läuft es smart ab. Du hast jemanden im Hafen, der weiß wo der Container ist und der das per Computer checkt. Dann hast du einen, der die Ware auf den Lkw packt. Du brauchst noch einen für die Papiere. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt", erklärt der Anwalt. Das meiste wird gar nicht entdeckt.

Und die Nachfrage wächst. Deshalb wollen verschiedene Mafiagruppen am großen Geschäft mitverdienen. "Das Problem ist: Wenn man sich gegenseitig Kokain klaut, kann man schlecht zu Polizei gehen und Anzeige erstatten. Du musst es selbst regeln und herausfinden, wo dein Kokain ist, wenn du ein Mafiaboss ist. Und was machst du dann? Du folterst gewisse Typen, um herauszufinden, wo dein Geld und deine Ware sind", sagt Vito Shukrala.

Ridoun Taghi und Komplizen: "gut geölte Tötungsmaschine"

Kopf eines Mannes mit Balken über den Augen, im Hintergrund Dubai.
Ridouan Taghi: Bis zu seiner Festnahme in Dubai eine der meistgesuchten Personen Europas.  | Bild: NDR

Im vergangenen Sommer gelang der Polizei ein wichtiger Schlag gegen die Mafia. Die Ermittler verfolgten wochenlang verschlüsselte Nachrichten – als die Abhöraktion aufzufliegen drohte, schlugen die Sondereinheiten mit Europol zu: Sie fanden Waffen, Drogen und nahmen europaweit Verdächtige fest. Und ein Fund überraschte sogar die Fahnder: eine eigens eingerichtete Folterkammer mit umgebauten Zahnarztstuhl.

Einer von Vito Shukrala Klienten war wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Den konnte man ihm nicht nachweisen, Vito verteidigte ihn erfolgreich. Auch deshalb hat der Anwalt einen Namen in der Unterwelt. Vito arrangiert für uns ein Treffen. Sein Klient will unerkannt bleiben. Ein freundlicher Typ, über die Anklage und den Mord will er nicht reden: "Die Jüngeren müssen besser nachdenken, in welche Probleme sie kommen können. Was machst du mit dem schönen Geld? Es kann dir das Leben nicht garantieren. Und was machst du mit dem schönen Spielzeug? Nichts – wenn du tot in der Kiste liegst."

Heute betreibt der Mann einen Autohandel – und noch ein paar andere Geschäfte, fügt er lachend hinzu. Warum verteidigt Vito Leute aus der Unterwelt? "Ich weiß, wie sie fühlen. Ich war eines dieser Kinder damals. Als ich zur Schule gegangen bin, wollten sie mich davon abhalten, zum Gymnasium zu gehen. 'Was willst du da? Du solltest nicht hier sein.' Manche haben nicht die gleichen Möglichkeiten. Ich sehe sie anders als die Polizei und die Staatsanwälte, die sie gerne beschreiben. Wenn sie vor Gericht sind und ich in ihnen den Teufel sehen, dass sie furchtbare Morde begangen haben. Aber es gibt auch eine andere Seite, es gibt auch eine gute Seite, niemand ist als schlechter Mensch geboren."

Doch wie viel Gutes steckt in Ridoun Taghi und seinen Komplizen? Die Staatsanwaltschaft bezeichnet sie als "gut geölte Tötungsmaschine". Taghis Anwältin Inesz Weski meint, ihr Mandant habe gar keine Chance mehr auf ein faires Verfahren. Vito sagt: "Die Regierung will zeigen, dass sie der Boss im Land ist und nicht die Mafia." Und er sagt auch: "Viel ist außer Kontrolle geraten." Der Prozess im Amsterdamer Sicherheitsgericht wird noch lange andauern. Taghi sagte im Verhör zynisch: "Gebt mir doch lebenslänglich." Seinen Platz in der Unterwelt dürften längst andere eingenommen haben.

Stand: 14.02.2021 20:13 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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