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Polen: Das Dorf ohne Jungen

PlayKleine Mädchen in Feuerwehruniformen
Polen: Das Dorf ohne Jungen | Bild: NDR

Wenn der katholische Priester Joachim Augustyniok auf der Kanzel um Gottes Beistand bittet, dann hat er jedes Mal noch einen ganz einfachen Extra-Wunsch: Er bittet um männliche Babys für sein Dorf. Pfarrer Augustyniok predigt in Miejsce Odrzańskie, zwei Stunden entfernt von Warschau, einem 300-Seelen-Ort in Oberschlesien. Und dieser Ort ist besonders: Seit zehn Jahren sind alle Neugeborenen weiblich. Kein einziger Junge wurde geboren. Warum? Niemand weiß es. Der Gemeindevorsteher Rajmund Frischko stellt inzwischen eine Belohnung in Aussicht für diejenigen, die das Rätsel lösen können, aber alle Experten sind ratlos. In Miejsce Odrzańskie werden einfach keine Jungs mehr geboren. Viele Aufgaben, die traditionell eher in Männerhand liegen, müssen jetzt von Frauen und Mädchen erledigt werden. So gründete die freiwillige Feuerwehr jüngst beispielsweise eine reine Mädchen-Brigade.

"Ohne Jungs ist es besser"

Antreten bei der Jugendbrigade der Freiwilligen Feuerwehr von Miejsce Odrzańskie – Routine für Malwina, Magdalena, Jennifer und ihre Freundinnen. Zwei Mal pro Woche üben sie für den Ernstfall, sie wollen mindestens so gut werden wie ihre großen Vorbilder, die Feuerwehrmänner. Nur Jungs sucht man in dieser Nachwuchsbrigade vergeblich. Die neun Mädchen quetschen sich für eine Übung in das alte Einsatzfahrzeug. Auf dem Sportplatz brennt ein Gartenhäuschen. Die Jugendfeuerwehr muss ran und löschen wie die Großen. Außerdem gibt es Verletzte, die die Mädchen bergen und versorgen müssen. Und auch wie man einen Menschen wiederbelebt üben sie. Dass sie unter sich sind, finden die Mädchen gut. "Es ist doch schön und ohne Jungs ist es noch besser", sagt die neunjährige Jennifer Wieczorek. Jungs würden immer schreien und bis sie anfangen, würde es immer sehr lange dauern. "Mädchen sind einfach höflicher und hören aufmerksamer zu, was man zu ihnen sagt. Jungs dagegen machen immer mehrere Sachen gleichzeitig", ergänzt ihre zehnjährige Mitstreiterin Malwina Kicler. Tomasz Golasz, der Feuerwehrchef, erzählt: "Es kommen Ideen aus ganz Polen, wie man das hinkriegt einen Jungen zu zeugen. Ich denke, man muss es halt so lange versuchen bis es endlich klappt. Und so denken alle Dorfbewohner hier. Es gibt allerdings auch Paare bei uns, die schon drei Töchter haben und nicht mehr probieren wollen."

Männlicher Nachwuchs durch Gebete und Aberglaube

Bei vielen Bewohnern ist die Sorge ist groß, dass das 1679 gegründete Dorf ausstirbt. Viele junge Familien sind weggezogen, es gibt zu wenig Arbeit. Gut 20 Kilometer entfernt in Kędzierzyn-Koźle arbeitet Frauenarzt Jerzy Zygmunt. Er behandelt in seiner Praxis rund 6.000 Frauen im Jahr, auch Frauen aus Miejsce Odrzańskie. Deshalb wird er auch immer wieder um Rat gefragt, wie man das Geschlecht des Babys beeinflussen kann. "Es gibt lauter volkstümliche Bräuche. Wenn man beispielsweise einen Jungen möchte legt man eine Axt unter‘s Bett, und wenn es ein Mädchen werden soll ein Blümchen. Aber es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass das funktioniert." Offensichtlich hat es nicht funktioniert – der männliche Nachwuchs bleibt aus. Das bekommt auch die katholische Kirche zu spüren. Der Sonntagsgottesdienst in der Gemeinde "Zur Heiligen Dreifaltigkeit" zählt zum Pflichttermin für die allermeisten Dorfbewohner. In der Messe sind es vor allem Mädchen, die sich engagieren, als Messdienerinnen. Dass einfach kein Junge mehr nachkommt ist natürlich auch Priester Joachim Augustyniok nicht entgangen. Er bittet deshalb in seiner Predigt um göttlichen Beistand. Sollten die Gebete der versammelten Dorfgemeinde tatsächlich bald erhört und dem Ort endlich wieder ein Junge geschenkt werden, dann will sich auch die Gemeindeverwaltung erkenntlich zeigen. "Nachdem uns die Information erreicht hatte, dass in dem Dorf nur Mädchen auf die Welt kommen, hatte ich eine Idee: Ich möchte den Eltern, die einen Jungen zur Welt bringen, ein Geschenk machen. Das soll eine Überraschung sein, wenn ein Junge geboren wird", erklärt Gemeindeverwalter Rajmund Frischko.

"Mädchen sind das Glück des Dorfes"

Doch der Mädchenüberschuss muss gar kein Nachteil sein – ganz im Gegenteil. Frauenarzt Jerzy Zygmunt hat seine eigene Vision von der Zukunft des Dorfes: "Diese Mädchen sind die Zukunft und das Glück des Dorfes. Denn jetzt werden viele nette Jungs aus den benachbarten Dörfern zu ihnen kommen und umgekehrt - und alles wird so laufen wie es überall in der Welt läuft." Doch bis dahin ist es für die Jugendfeuerwehr noch ein weiter Weg. Sie wird auf Jahre hinaus eine reine Mädchen-Brigade bleiben, was die Mädchen allerdings nicht stört. Denn sie glauben fest daran, sowieso besser zu sein, als die Jungs.

Autoren: Dirk Lipski / Magda Karpinska, ARD-Studio Warschau

Stand: 04.09.2019 15:22 Uhr

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