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Bangladesch: Bedrohte Blogger

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Bangladesch: Bedrohte Blogger | Bild: SWR

Parvez Alam tut das, was viele junge Menschen auf der ganzen Welt tun. Er schreibt einen Internet-Blog. Sein Thema: Gewalt und Religion. Er weiß, dass er damit provoziert. Kaum ein Tag, an dem er nicht beschimpft und bedroht wird. Von Islamisten. Bei den Worten allein bleibt es nicht. Allein dieses Jahr sind bereits vier bekannte Blogger in Bangladesch brutal ermordet worden.

Aber Parvez will trotzdem weiterschreiben und sich nicht einschüchtern lassen. Er kämpft für einen säkularen Staat, in dem es möglich sein soll, auch religiöse Auswüchse zu kritisieren. Eine Reportage von Markus Spieker, ARD Neu Delhi.

Parvez Alam tut das, was viele junge Menschen auf der ganzen Welt tun. Er schreibt einen Internet-Blog. Sein Thema heute – wie in so vielen Nächten: Gewalt und Religion. Er weiß, dass er damit provoziert. Kaum ein Tag, an dem er nicht beschimpft und bedroht wird. "Mir haben Leute immer wieder gesagt: du bist als nächstes dran. Aber ich habe nie ernsthaft daran gedacht, deshalb mit dem Bloggen aufzuhören."

Eine Liste mit 84 Namen

Abgesperrter Tatort
Es gibt eine Liste mit 84 Namen von säkularen Bloggern, die im Visier der Islamisten stehen.  | Bild: SWR

Sein Name befindet sich auf einer angeblichen Liste mit 84 Bloggern, deren Tötung radikale Islamisten angekündigt haben. Sie bezichtigen die Blogger des Atheismus. Aus Sicht der Islamisten ein todeswürdiges Verbrechen. "Dabei schreibe ich doch nichts gegen den Islam, sondern nur gegen den Salafismus, also die fundamentalistische Form des Islam. Die ist unserem Land eigentlich fremd. "Der Preis, den Parvez zahlt, ist hoch. Seinen Job als Journalist musste er aufgeben, aus Furcht, auf dem Weg zur Arbeit abgefangen zu werden. "Ich erlaube mir keine Routine mehr, wie zu Beispiel, jeden Morgen zur selben Zeit aus dem Haus zu gehen oder abends zur selben Zeit nach Hause zu kommen. Sowas mache ich nicht mehr."

Auf der Todesliste befindet sich ebenfalls Arif Jebtik. Er kommt ins Hotel, will nicht zu Hause interviewt werden, will sein privates Umfeld geheim halten. Aber auch er will sich nicht einschüchtern lassen. Er bloggt weiter gegen diejenigen, die aus Bangladesch eine religiöse Diktatur machen wollen. "Wir haben Angst, dass es bald weitere Morde geben wird. Aber man kann das, was man glaubt und wofür man steht, ja nicht ändern, nur weil jemand einen töten will."

Abgedeckte Leiche eines ermordeten Bloggers
Seit Anfang des Jahres sind vier Blogger ermordet worden.  | Bild: SWR

Sein Freund Avijit Roy ist bereits tot. Ermordet während einer Buchmesse. Kurz vorher hatte Arif ihn noch gewarnt. "Ich hab ihm gesagt, komm‘ nicht zu oft zur Buchmesse, das ist zu gefährlich. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe eine Stunde später die Nachricht von seiner Ermordung bekommen." Der Tatort liegt neben der Universität. Ein Professor beschreibt die perfide Taktik der Mörder. "Wissen Sie, das ist so abgelaufen", erklärt Shafiul Alam Bhuiyan. "Sie haben ihn eingelullt. Stunden vor der Tat haben sie ihn angesprochen, ihn in ein Gespräch verwickelt und ihn den ganzen Tag lang über die Buchmesse begleitet. Sie haben sich als seine Fans ausgegeben." Und dann, als es dunkel geworden war, fielen sie mit Macheten über ihn her.

Mit Macheten niedergemetzelt

Der 26. Februar und der Beginn einer Mordserie. Am 30. März wurde der Blogger Washiqur Rahman in Dhaka auf dem Weg zur Arbeit zu Tode gehackt. Dasselbe Schicksal erlitt am 12. Mai, in einer anderen Stadt in Bangladesch, der Blogger Ananta Bijoy Das. Auch hier tauchten die Täter unerkannt unter. Und am 7. August wurde Niloy Neel in seinem eigenen Apartment überfallen und nieder gemetzelt, wieder mit Macheten. Diesmal wurden mehrere Verdächtige festgenommen. Polizeilich bekannte Islamisten.

Shawat Hussain
Die islamistische Organisation Hifazat-e-Islam distanziert sich von den Taten. | Bild: SWR

Aber wer steckt nun wirklich hinter den Morden und der Todesliste? Sind es Einzeltäter oder ein terroristisches Netzwerk? Fast zehn Millionen Menschen leben in Dhaka, neunzig Prozent sind Muslime, und nicht wenige sind offen für fundamentalistische Botschaften. Vor allem im alten Teil der Stadt, wo die Armut groß und die Frömmigkeit tief ist. Hier hat die größte islamistische Organisation ihren Sitz: Hifazat-e-Islam: "Beschützer des Islam". Vor wen der Islam geschützt werden muss, ist klar: vor der weltlich ausgerichtete Regierung des Landes– und vor den Bloggern mit ihren freimütigen Texten. Mit den Morden will man freilich nichts zu tun haben. "Wir verurteilen jede Form von Selbstjustiz", erklärt Shawat Hussain, Sprecher von "Hifazat-e-Islam”. "Wir sind gegen die Anwendung von Gewalt." Doch dann folgt eine unmissverständliche Drohung an die Adresse der Blogger und an die der Regierung. Wenn die Blogger ungehindert weiter machten wie bisher, könne man für nichts garantieren. "Wir sind für das friedliche Zusammenleben aller Gruppen in Bangladesch. Es sind die Blogger, die mit ihrer Hetze das Klima vergiften. Wenn der Staat nichts dagegen unternimmt, dann könnte das tatsächlich zu Gewalt führen."

Bangladesch hat eine lange säkulare Tradition

Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigt sich am Tag nach dem Interview. Im Anschluss an das Freitagsgebet in der Hauptmoschee von Dhaka formiert sich ein Protestzug, nicht spontan, sondern organisiert von den "Islam-Beschützern". Diesmal geht es nicht gegen die Blogger, sondern gegen einen Politiker, der sich abfällig über Mekka-Pilgerfahrten geäußert haben soll. Sie halten dagegen, sie sind zwar nur ein paar Dutzend, erreichen über das Internet aber Millionen. Dhakas säkulare Blogger treffen sich wenige Stunden nach der Islamisten-Demo in einem Hinterhof. Und geben sich optimistisch. "Bangladesch hat eine lange säkulare Tradition, wie der ganze indische Subkontinent", sagt Arif Jebtik. "Wenn überhaupt werden die Fundamentalisten nur vorübergehend an Einfluss gewinnen. Die breite Masse werden sie nicht überzeugen."

Parvez Alam
Parvez Alam  | Bild: SWR

Ein paar Stunden lang scheint die Todesliste weit weg. Doch später am Abend sitzen die Blogger wieder vor ihren Monitoren, jeder alleine mit seinen Texten und seiner Angst. "Ein paar Monate hat Angst mein Leben dominiert", sagt Parvez Alam "Aber allmählich gewöhne ich mich daran." Was Parvez und seine Mitstreiter tröstet ist ihr eigener Glaube an eine historische Mission. "In Europa hat es ja auch lange gedauert, viele hunderte Jahre, bis die Gesellschaften säkularisiert waren und Religion das öffentliche Leben nicht mehr beherrscht hat."

Stand: 09.07.2019 06:22 Uhr

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