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Bangladesch: Die Angst vor dem Hunger

Arbeiterinnen vor geschlossener Textilfabrik
Die Fabriken sind zu weil viele Aufträge storniert werden | Bild: imago

Die "Nähstube der Welt" steht still. Die großen Modehäuser habe Bestellungen im Wert von 1,4 Milliarden Euro storniert – wegen Corona. 1.000 Fabriken haben dicht gemacht. Damit hat ein ganzes Heer von Näherinnen seinen Job verloren. Viele Menschen in Bangladesch leben von der Hand in den Mund – auch Tagelöhner stehen jetzt ohne jedes Einkommen da. Sich und ihre Familien können sie nicht mehr ernähren, Hunger ist für sie deutlich konkreter als die Angst vor der Krankheit. Den Hunger spüren sie schon jetzt.

Seit drei Wochen kein Einkommen mehr

Amirul Islam hält seine alte Fahrrad-Rikscha in Schuss. Sie ist sein wertvollster Besitz. Doch auch das Rad hat er schon mit 50 Euro beliehen. Für Tagelöhner wie ihn ist die Corona-Krise eine Katastrophe. Seit drei Wochen hat er kein Einkommen mehr. Seine Kunden – vor allem Textilarbeiter sind arbeitslos, können sich die Rikscha nicht mehr leisten, hinzu kommt die Ausgangssperre. Das geliehene Geld ist längst schon aufgebraucht. "Wenn’s gut läuft, habe ich noch eine Mahlzeit am Tag. Abendessen gibt’s schon seit drei Wochen nicht. Ich sehe zu, dass ich für die Kinder ein paar Kleinigkeiten bekomme, dann gehe ich ins Bett. Morgens ist der Hunger am Schlimmsten."

Rikschafahrer mit Rikscha
Die arbeitslosen Textilarbeiter können sich keine Rikscha mehr leisten | Bild: SWR

Seine Frau Hasina beschäftigt die beiden Töchter Swarna und Tahmina. Die Familie bewohnt ein einziges Zimmer in einem Armenviertel in Dhaka. 60 Euro Miete im Monat. Auch die können sie momentan nicht bezahlen. Es ist ein schwacher Trost, dass es keinem in der Nachbarschaft besser geht. Zehntausende Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Hilfslieferungen kamen bisher nicht hierher. Alle leben nur noch von Geld, das sie sich irgendwo geliehen haben. Lange wird das nicht mehr gehen. "Als Mutter bricht es mir das Herz, dass ich den Kindern nichts zu essen geben kann", klagt Hasina Begum. "Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das bedrückt. Aber wo soll ich das Essen denn hernehmen, wenn weder mein Mann noch ich arbeiten gehen können."

Mehr Angst vor dem Hunger als vor dem Corona-Virus

Am Nachmittag schwingt sich Amirul doch auf seine Rikscha. Vielleicht kann er ja irgendwo einen Fahrgast finden. Das ist illegal. Aber er hofft darauf, dass die Polizei ihn nicht behelligt. Normalerweise wimmelt es um diese Zeit hier von Menschen. Der Großraum Dhaka hat fast 20 Millionen Einwohner. Bis zu zehn Euro am Tag hat Amirul an guten Tagen verdient – vor Corona. "Ich habe wahnsinnige Angst. Deshalb gehe ich auch nur nach draußen, wenn ich gar kein Geld mehr habe. Ich will mich nicht mit dem Virus anstecken. Denn wenn ich Fahrgäste habe, sitzt man ja dicht beieinander. Aber was soll ich machen? Ich muss doch irgendwie überleben."

Leere Fabrikhalle
Die Produktion steht still  | Bild: SWR

Noch größer als die Angst vor dem Virus ist aber die Angst vor dem Hunger. Die Regierung lässt Lebensmittel verteilen. Aber das reicht nie für alle. Dort wo Hilfslieferungen ankommen, bilden sich sofort Menschentrauben. Die Stimmung im Land hat sich komplett gedreht. Noch vor wenigen Wochen waren die Menschen optimistisch. Bangladeschs Wirtschaft boomte – vor allem die Textilindustrie, die zweigrößte der Welt. Jetzt sind die Fabriken verwaist. Normalerweise produzieren in dieser Firma 20.000 Näherinnen T-Shirts für H&M, Zara und andere Ketten. Aber die brauchen zurzeit keinen Nachschub. Insgesamt wurden Aufträge in Höhe von 1,4 Mrd. Euro wurden innerhalb weniger Tage storniert. "Wenn unsere Kunden nicht bald wieder bestellen, haben wir ein Problem", sagt Rakibul Hasan, Manager bei Babylon Garments. "Wenn wir dann nicht produzieren und liefern dürfen, haben wir auch ein Problem. Die Regierung hat angeordnet, dass wir Arbeiterinnen weiterbezahlen. Das tun wir. Aber dafür müssen wir Kredite aufnehmen."

Vorwurf an europäische Firmen

Nicht alle Fabriken halten sich an die verordnete Lohnfortzahlung. Immer wieder protestieren Näherinnen spontan. Sie kämpfen für ihren ohnehin knappen Lohn. Häufig nicht mehr als 100 Euro im Monat, so hoch ist der Mindestlohn. "Ich weiß, während der Corona-Krise sind Versammlungen verboten" sagt die Näherin Moni Akhtar. "Wir sind trotzdem gekommen. Wir brauchen unser Geld, um zu überleben."

Näherinnen protestieren
Näherinnen verlangen Lohnfortzahlung | Bild: SWR

Die Industriellen sehen die Schuldigen im Westen. Die ließen das arme Land jetzt im Stich. Die Krise werfe Schwellenländer wie Bangladesch um 20 Jahre in der Entwicklung zurück. "Es ist nicht fair, einfach die Bestellungen zu stornieren", meint Mohamad Hatem vom Verband der Strickwaren-Produzenten. "In dieser Situation. Wir bitten die Firmen: ‚Überlegen Sie sich das bitte noch einmal.‘ Und vor allem sollten sie bereits bestellte Produkte bezahlen. Sonst kollabiert unsere gesamte Industrie."

Rikscha-Fahrer Amirul Islam hat doch noch ein paar Taka verdient. Davon geht er einkaufen: Ein paar Linsen, Reis, Eier. Das muss eine ganze Weile reichen. Die nächsten Tage will er nicht raus. Zuhause macht sich Hasina gleich an die Arbeit. Das erste richtige Essen seit drei Tagen. "Keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Das Schlimmste wäre Quarantäne. Wovon sollen wir leben, wenn ich in diesem Zimmer gefangen bin? Wie lange will dieser Corona-Virus uns das noch antun?" Heute zumindest können sich alle satt essen. Auch die kleine Swarna muss nicht hungrig ins Bett. Wieder einen Tag gemeistert.

Autor: Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

Stand: 20.04.2020 08:44 Uhr

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