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Bangladesch: Untergehende Insel

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Bangladesch: Untergehende Insel | Bild: ARD

Bhola ist Bangladeschs größte Insel. Sie befindet sich in einem riesigen Strom, der vom Himalaya kommt und in den Ozean fließt. 1,7 Millionen Menschen leben derzeit auf Bhola. Sie verlieren langsam ihr Zuhause. Die Insel ist flach und ragt gerade mal vier Meter aus dem Wasser. Zu wenig in Zeiten des Klimawandels.

Ganze Teile der Insel sind schon weggebrochen
Ganze Inselteile brechen weg und versinken im Meer

Der Meeresspiegel steigt und die Insel säuft langsam ab. In den letzten zwei Jahren haben zwanzigtausend Familien, die in Küstennähe wohnen, ihre Häuser und ihre Arbeit verloren und sind ins Landesinnere gezogen. Die Insel bröckelt ab und wird in einigen Jahrzehnten ganz überflutet sein. ARD-Korrespondent Markus Spieker (ARD-Studio Neu-Delhi) über Menschen, deren Schicksal in den Händen anderer liegt.

Einen Moment Geduld. Sind nur noch ein paar hundert Meter. Und da sind wir auch schon: Sieht DAS nicht paradiesisch aus? Bitte genau hingucken und einprägen. Denn in ein paar Jahren wird das alles hier verschwunden sein. Und zwar unter Wasser. Bereits überschwemmt ist sein Grundstück und sein Haus. Mohammad Hassan hat alles verloren, selbst das Fischerboot gehört ihm nicht, er arbeitet als Angestellter. "Mein Leben ist gerade echt brutal. Sechsmal bin ich in den letzten Jahren auf ein neues Grundstück umgezogen, um und wurde es überschwemmt. Ich habe kein Geld mehr, ich und meine Familie müssen oft hungern. Wir gehen durch eine schlimme Phase."

Regierung verspricht angebliche Hilfe

Hassan lebt auf Bhola, der größten Insel des Landes. Sie befindet sich in einem riesigen Strom, der vom Himalaya kommt und in den Ozean fließt. Bis zum Ende des Jahrhunderts soll der Wasserspiegel um bis zu vier Meter steigen. Verheerend für die Insel, die durchschnittlich nur vier Meter über dem Meer liegt – und katastrophal für Fischer Hassan. "Uns wird anadauernd von der Regierung versprochen, dass wir Hilfe bekommen. Aber bis jetzt ist nichts passiert. Man lässt uns einfach untergehen. "Hassan hat gehört, dass der Klimawandel schuld daran ist, dass Bholas Küste erodiert und die Insel irgendwann komplett von Wasser bedeckt sein wird.

Noch stehen die Hütten am Strand: Vor allem Fische werden verkauft, für die meisten Inselbewohner die Haupteinnahmequelle.
Noch stehen die Hütten am Strand – doch wie lange geht es noch gut?

Er hat es von ihm gehört, Mizanur Rahman, der örtliche Umweltexperte. Mit seinem Verein COAST kümmert sich Rahman um die Opfer des Klimawandels, in dem er sich die Probleme der Leute anhört und über neue Entwicklungen informiert. Meistens hat er keine guten Nachrichten. "Die Häuser in der Nähe des Strandes sind nicht mehr zu retten, auch die Moschee hinter mir nicht. Die Fluten kommen mit einer solchen Wucht, dass der vielleicht schon in zwei Wochen unter Wasser steht." In den letzten zwei Jahren haben zwanzigtausend Familien ihre Häuser und ihre Arbeit verloren und sind ins Landesinnere gezogen. Seiner Kundschaft hinterher wird in Kürze auch dieser Ladenbesitzer ziehen. "Ich hab schon ein Haus verloren und dann mit einem Kredit diesen Laden gekauft. Ich spätestens zwei Monaten muss ich auch hier raus."

Haupteinnahmequelle der Inselbewohner: Fische

Aber mit welchem Geld sollen die Menschen einen Neuanfang bezahlen? Das fragt sich dieser Mann, der ein paar Kühe und Ziegen besitzt – aber kein Weideland mehr, alles unter Wasser. "Ich bin total pleite. Das Grundstück war mein Hauptbesitz. Mein Haus ist futsch und kann nicht einfach woanders wieder aufgebaut werden. Und die Preise für gutes Land steigen immer weiter." Wenig von dieser Verzweiflung spürt man weiter weg von der Küste. Hier wird der Boden in den nächsten Jahrzehnten noch weitgehend trocken bleiben Es ist Markttag. Vor allem Fische werden verkauft, für die meisten Inselbewohner die Haupteinnahmequelle. Insgesamt leben eineinhalb Millionen Menschen auf Bhola.

Bewohner wollen Vieh und Äcker nicht aufgeben

Doch allmählich beginnt der Exodus. Jeden Tag legen vom Haupthafen von Bhola die Fähren in Richtung der Hauptstadt Dhaka ab – unter anderem mit Passagieren an Bord, die sich dort eine neue Existenz aufbauen wollen, meistens eine unterhalb der Armutsgrenze. Denn Bangladesch ist arm und überbevölkert. Doppelt so viele Menschen wie in Deutschland leben hier – und das auf halber Fläche, die nun auch noch schrumpft. Doch die meisten Menschen wollen ihr Vieh und ihre Äcker nicht aufgeben. Sie setzen ihre Hoffnung auf den Bau stabilerer Dämme, nicht wie derzeit aus Erde und Bambusstöcken, sondern aus Stein und Beton. Die Kosten dafür, wenigstens die am meisten gefährdeten Küstenstreifen zu befestigen, werden auf rund fünfzig Millionen Euro geschätzt. "Wir haben zusammen mit Experten einen Plan entwickelt und der Regierung vorgelegt", erklärt Mizanur Rahman. "Wenn wir das Geld bekommen und die Dämme befestigen können, dann wird das die Dörfer dahinter zumindest eine Zeit lang schützen."

Keine Jobs ohne Bestechung

Hinter dem Damm hat sich auch Fischer Hassan eine notdürftige Unterkunft gefunden, eine Bambushütte. Er lebt hier mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Heute gerade er gerade mal so viel verdient, wie es für alle fünf zum Sattwerden reicht. Was passiert, wenn er auch diese Hütte räumen muss, mag er sich gar nicht ausmalen. "Am meisten Angst habe ich um meine Töchter. Wie finde ich jemanden, der sie heiratet? Wie finde ich Arbeit für sie? Ohne Bestechung kriegt man hier gar keinen Job, und ich habe dafür kein Geld, Und wenn ich sterbe – wer kümmert sich dann um sie?" Die Dörfler wissen, dass es irgendwo weit weg große Klimakonferenzen gibt und dass es dort auch um Hilfe für Bangladesch geht. Vielleicht, so hofft Fischer Hassan, kommt davon irgendwann auch bei ihm etwas an. Bevor es zu spät ist.

Stand: 09.07.2019 01:12 Uhr

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