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Griechenland: Heimunterbringung ohne Schutz?

PlayEin junger Mann vor einem Gebäude
Griechenland: Heimunterbringung ohne Schutz? | Bild: BR

Wir fahren in die Region Evros, 800 Kilometer entfernt von Athen Richtung türkischer Grenze, eine dünn besiedelte, abgelegene Gegend. Hier sollen minderjährige Kinder aus Deutschland untergebracht sein. Das erzählen die Leute vor Ort, aber sie wissen nicht, was das für Kinder sind.

In dem kleinen Ort Makri treffen wir eine Frau auf der Straße: "Die deutschen Kinder wohnen hier, in diesem Haus, wo eine alte Dame wohnt. Sie sind hier."

Ein abgelegener Ort

Nur eine Sandpiste führt nach Koila. Im Winter ist der Ort durch Schnee von der Außenwelt abgegrenzt. Abgeschieden vom problematischen Umfeld, oft ist eine solche Unterbringung im Ausland die letzte Chance. In diesem Anwesen sollen die Jugendlichen wohnen. Nach längerer Diskussion lässt uns der Betreuer, Nikos, rein. Auf dem Hof sehen wir die deutschen Kinder. Der Betreuer sagt: "Die Kinder kommen über das deutsche Jungendamt. Das Jugendamt aus Deutschland entscheidet, wann, welche Kinder, wieso und wohin kommen werden. Denn wie Sie sagten, gibt es auch andere Heime, wir sind nicht das einzige. Der Antrag auf Betriebsgenehmigung wurde schon seit vielen Jahren bei der Gemeinde gestellt. Die Tatsache, dass die Gemeinde mit der Sache nicht vorankommt und die Verantwortung dem einen und dem anderen gibt, ist nicht ein Problem der Einrichtung. Dies ist eine Sache der Gemeinde selbst."

Die Betriebsgenehmigung ist aber entscheidend dafür, dass die griechischen Behörden der Unterbringung von Jugendlichen zustimmen.

Nachfragen in Deutschland

Wir fragen bei dem Träger der Einrichtung nach, der Firma Coccius mit Sitz in Leimen. Wir wollen wissen, ob und warum in Koila deutsche Jugendliche untergebracht sind und mit welcher rechtlichen Grundlage – eine vage Antwort. Fehlt der Unterbringung etwa sowohl die Betriebserlaubnis, als auch die Zustimmung zur Unterbringung von Jugendlichen durch die griechischen Behörden?

Wir wollen von der Gemeindeverwaltung in Alexandroupoli wissen, unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen dieses Heim betrieben wird. Niemand steht für ein Interview zur Verfügung, aber schriftlich gibt der Bürgermeister Auskunft: "Die Einrichtung wurde ohne die Lizenz für die Unterbringung von Minderjährigen betrieben."

Keine Genehmigung durch Griechenland

Die zuständige griechische Stelle gibt auf unserer Nachfrage, ob einer Unterbringung von deutschen Jugendlichen in Evros zugestimmt worden ist, die überraschende schriftliche Auskunft: "Bis dato erhielt keiner der eingereichten Anträge die Genehmigung des zuständigen Staatsanwalts für Minderjährige in Athen."

Warum bringen deutsche Jugendämter Minderjährige nach Griechenland, womöglich, ohne dass die nötigen Genehmigungen vorliegen? Wir haben bei zahlreichen Jugendämtern nachgefragt, können aber nicht herausfinden, von welchen Jugendämtern die Kinder geschickt wurden.

Ob es den Kindern gut oder schlecht geht können wir nicht sagen. Auch, weil die Einzelfälle strengen Datenschutzbestimmungen unterliegen. Vieles deutet darauf hin, dass in Griechenland Jugendliche aus Deutschland ohne nachprüfbare Rahmenbedingungen untergebracht werden – ausgerechnet gefährdete Jugendliche.

Autorin: Anja Miller, ARD Rom / Mitarbeit: Angie Saltampasi

Stand: 18.07.2021 20:37 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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