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Bolivien: Streit auf der Sonneninsel

PlayTrotz einzigartiger Inka-Ruinen fehlen die Touristen. Nicht wegen der Pandemie, sondern wegen eines handfesten Streits unter Ureinwohnern.
Bolivien: Streit auf der Sonneninsel | Bild: WDR

Die Wolken hängen tief – am Titicaca-See auf 4.000 Metern. Auf der Isla del Sol, der Sonneninsel, tummeln sich sonst unzählige Touristen. Jetzt aber sind die geheimnisvollen Inka-Ruinen verwaist. Und das hat ausnahmsweise mal nicht mit der Pandemie zu tun. Die Männer aus dem Dorf Challapampa beten für die Rückkehr der Touristen an diesen Ort. "In diesem Tempel hier waren Jungfrauen die Weihepriesterinnen. Es gab tägliche Zeremonien. Für den größten Gott der Inkas: die Sonne", erzählt Touristenführer, Jorge Huanca Mendoza.

Ein gewaltssamer Konflikt zwischen Nachbarn

Der Grund für die Leere: Ein handfester Streit zwischen diesen Männern aus Challapampa und ihren Nachbarn aus dem Dorf Challa. Auf der Sonneninsel liegen sich die Ureinwohner untereinander in den Haaren. "Ich bin voller Groll, Wut und Schmerz. Denn vor vier Jahren haben unsere Nachbarn aus Challa nur hundert Meter von diesem heiligen Ort entfernt Hütten gebaut. Damit begann das ganze Problem", sagt Archivar Luis Choque Choque aus Challapampa.

Das hier ist Challapampa – und dort drüben: Challa. Dazwischen verlaufen die Fronten und die sind verhärtet, erzählen die Männer aus Challapampa. Sie zeigen uns den Ort, wo alles begann. Hier hatten ihre Nachbarn aus Challa Hütten gebaut, um darin Touristen zu beherbergen. Doch über Nacht wurden diese Unterkünfte mit 1-A-Sicht auf die Ruine zerstört. Luis Choque Choque erzählt: "Unsere Nachbarn aus Challa behaupten, wir hätten die Hütten zerstört. Wir weisen diesen Vorwurf aber zurück. Das muss irgendwie über Nacht passiert sein." "In jedem Fall stellen diese Hütten unserer Nachbarn aus Challa einen unzulässigen Eingriff in die heilige Inka-Stätte dar. Darum dreht sich der Konflikt", sagt der Touristenführer.

Jede Seite sieht sich im Recht

Die Sonneninsel – ein heiliger Ort. Ein Paradies auf dem Dach der Anden. Jahrhundertelang hatten die Ureinwohner hier in Eintracht gelebt. Doch damit ist es nun ein für alle Mal vorbei. Längst sind Anwälte und Richter involviert. In Challapampa hat sich bereits ein ganzer Stapel Akten angehäuft. Doch das ist nicht alles. "Unsere Nachbarn aus Challa haben uns mit Booten verfolgt und angegriffen: mit Dynamit, Stöcken und Steinen. Bis unsere Boote mit den Touristen umkehren mussten", erzählt der Archivar aus Challapampa.

Die geheimnisvollen Inka-Ruinen auf der Isla del Sol sind verwaist
Die geheimnisvollen Inka-Ruinen auf der Isla del Sol sind verwaist | Bild: WDR

Es war wochenlang wie im Wilden Westen: Verfolgungsjagden, Angriffe und Verletzte am Titicaca-See. Natürlich blieben bald schon die Touristen fern. Was sagen die Menschen in Challa zu all dem? Wir fahren rüber und treffen in einem Hostel Francisco Mamani, den Besitzer. Er sagt: Challa sei, vor dem Streit, benachteiligt worden: "Jahrelang hatten nur die da drüben aus Challapampa vom Touristenstrom zu den Ruinen profitiert. Für uns blieben kaum Touristen übrig. Das hat zu dem Streit geführt und dem Ergebnis, dass seit Jahren nun gar keine Touristen mehr kommen."

Früher hatte Francisco wenigstens ab und an Gäste hier in Challa bewirtet. Seit dem Streit aber dient der Speisesaal nur noch als Abstellkammer. Dennoch hält Franciscos Gemeinde Challa ihre See-Blockade aufrecht. Das Ziel: Die Nachbarn in Challapampa vom Tourismus abschneiden. Mürbe machen. Der Vize-Bürgermeister sieht Challapampa als Verursacher des Streits. Man sei von den Nachbarn angegriffen worden und habe sich entsprechend gewehrt. "Warum sollte ich lügen: Ja, wir haben Challapampa mit Dynamit angegriffen und mit Stöcken, Steinen und Flaschen. Uns stört eben, dass unsere Hütten an der Ruine zerstört wurden", sagt Vize-Bürgermeister, Mario Mamani.

Ein Streit mit schweren Folgen

Wer welche Schuld trägt – kaum mehr auszumachen. Sicher ist nur: Wo sich früher hunderte Touristen tummelten – geschlossene Restaurants. Hotels stehen halbfertig in der Landschaft. Anstatt Besucher zu bewirten, Krisensitzung in Challapampa. Die Bauern hier hatten große Hoffnungen auf den Tourismus gesetzt. Er sollte sie von der Armut befreien. So der Plan. "So viele Familien haben Kredite bei Banken aufgenommen. Um zu investieren – zum Beispiel in neue Gebäude oder die bequemen Hotel-Betten, die die Touristen so schätzen. Jetzt aber stehen überall Hotel-Ruinen herum", sagt der Bürgermeister von Challapampa.

Die Sonneninsel – ein heiliger Ort, ein Paradies auf dem Dach der Anden
Die Sonneninsel – ein heiliger Ort, ein Paradies auf dem Dach der Anden | Bild: WDR

Auch Valeria Choque leidet unter dem Ausbleiben der Touristen. Dabei macht sie den besten Fisch im Dorf. Zumindest heute kann sie uns als Kamerateam bewirten – Wir sind ihre ersten Gäste seit Langem: "Wir befinden uns wie im Krieg mit Challa. Dabei haben wir hier doch kaum ein Auskommen ohne den Tourismus. Challa hat unsere Gäste angegriffen. Deshalb sind alle Hotels und Restaurants geschlossen. Wir haben viel Geld verloren."

Dunkle Wolken über der Sonneninsel. Und vorerst keine Lösung in Sicht. Keine Touristen, nirgends. "Ich wünsche mir, dass die neue Generation, unsere Kinder, auf unsere heiligen Orte besser Acht gibt und niemand mehr hier illegal irgendetwas baut", sagt Luis Choque Choque. Der Streit um den Tourismus, ums Geld, liegt wie ein Schatten über der Isla del Sol – und den Urvölkern, die hier jahrhundertelang in Frieden gelebt hatten.

Autor: Matthias Ebert / ARD Studio Rio De Janeiro

Stand: 28.03.2021 20:03 Uhr

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