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Japan: Einsamkeit in der Mega-City

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Japan: Einsamkeit in der Mega-City | Bild: BR

Einmal im Jahr ist alles anders, wie verzaubert: Tokio im Rausch der kurzen Kirschblüte. Der beste Rahmen für ein Rendezvous. Zeit, das Brautkleid auszusuchen. Wer will jetzt schon alleine sein? Glückliche Momente zu zweit… Das hat sich Keisuke Jinushi schon lange gewünscht: Ein Picknick unter Kirschblütenzweigen. Das sind ihre Sachen. Gelöst lacht er in die Kamera. Gleich wird sie sich zu ihm legen, ihm zärtlich einen Keks in den Mund schieben. Er hat alles akribisch geplant; jeden einzelnen Schnappschuss. Nur das Wichtigste fehlt: die Freundin.

Keisuke Jinushi:

»Ich mache das, um die Fotos später bei Facebook zu posten. Ich möchte den anderen zeigen, dass ich auch glücklich bin. Wenn sie die Bilder sehen, denken sie, ich hätte jetzt eine Freundin.«

Es ist nur die Illusion von Zweisamkeit. Jinushi treibt einigen Aufwand dafür: Fake statt Flirt. Es kommt auf die passende Requisite an. In Wirklichkeit hatte der 30-Jährige noch nie eine feste Freundin.

»Es wäre schön, mal mit einer Frau zusammen zu sein. Aber irgendwie passiert mir das nie. Vermutlich hat das mit Schüchternheit zu tun. Keine meldet sich. Na gut, dann melde ich mich eben auch nicht. Am Ende wartet man nur, wie beim Angeln.«

Keisuke Junishi:
Keisuke Junishi: | Bild: Bild: BR

Allein unter fast 40 Millionen. So viele Bewohner hat der Großraum Tokio. Aber wo ist der oder die eine? Glücklich an der Seite eines Partners – dieser Lebensentwurf gerät zum Auslaufmodell. Heiraten? Für die wenigen Jungen in einer alternden Gesellschaft ein fast unwirklicher Gedanke. Dutzende Brautkleider, aber kein Paar, das sie anschauen will. Ein Brautmodengeschäft mit Fotostudio in Tokio. Kyoko Sasaki ist jetzt 34 – Zeit für ein Hochzeitsfoto, findet sie. Die Aufmachung bekommt sie hier. Dem richtigen Mann ist sie noch nicht begegnet.

Kyoko Sasaki:

»Es ist ein bisschen wie bei der Wohnungssuche. Man hat gewisse Standards, auf die man nicht verzichten kann und will. Wenn man älter ist als 30, ist es nicht mehr so einfach wie früher.«

Kyoko Sasaki
Kyoko Sasaki | Bild: Bild: BR

Der Traum in Weiß zum Ausprobieren, ein Testlauf für umgerechnet etwa 250 Euro. Kyoko hat die klassische Variante gewählt, mit Perlenkette und Diadem. Solo-Wedding heißt die Geschäftsidee: Hochzeit ohne Partner.

Hirokazu Sakai, Geschäftsführer:

»Der Bedarf an Hochzeitskleidern sinkt immer weiter. Dabei sehen die Frauen darin doch so schön aus. Deshalb bieten wir jetzt auch diesen Service an. So konnten wir unsere Palette erweitern.«

Megumi Furukawa und Ryusuke Kawada
Megumi Furukawa und Ryusuke Kawada | Bild: Bild: BR

Zur Kirschblüte werden die Japaner gesellig: Feiern im Park, heute vor allem im Kollegenkreis. Familien sieht man immer seltener. Der Anteil der Single-Haushalte ist in Tokio auf 50 Prozent gestiegen. Vor allem die jungen Männer gehen immer häufiger allein durchs Leben. Tete-a-Tete im Shopping-Center. Es sieht aus wie ein Date. Megumi Furukawa verkauft das Gefühl von Nähe. Der Mann neben ihr ist 26 und zahlt für ihre Gesellschaft. Körperkontakt findet nicht statt.

Megumi Furukawa:

»Es kann sein, dass ein Kunde eher eine ruhige Art erwartet. Ein anderer möchte, dass ich mich lebhaft ausdrücke, mehr girlymäßig. Das ist je nach Anlass unterschiedlich. Ich wähle die passende Attitüde.«

Ihren Service nennt sie Support, Unterstützung. Er ist Angestellter bei einer großen Firma, hat wenig Freizeit. Die Miet-Freundin lässt ihn nie warten. Über seine Scherze lacht sie immer.

Ryusuke Kawada:

»Vorher muss ich zum Beispiel nicht lang überlegen: "Wo gehen wir wohl hin? Wo ist es nicht so voll?" Ich muss mir auch keine Gedanken machen, ob das Wetter passt. All diese Sorgen hab ich nicht.«

Es ist so einfach: Gefühlte Nähe für 30 Euro die Stunde plus Fahrtkosten. So muss Alleinsein nicht Einsamkeit bedeuten. Die Dienstleisterin würde ihm nie nachlaufen. Die Geburtenrate in Japan fällt und fällt. Die Politik ist ratlos. Es liegt nicht nur an der Wirtschaftskrise. Die japanische Jugend verweigert sich den familiären Normen der Älteren. Keisuke Jinushi ist eigentlich ganz froh, dass seine Facebook-Freundin gar nicht wirklich existiert.

Keisuke Jinushi:

»Ich möchte meine Zeit so nutzen, wie ich will, und so arbeiten, wie ich will. Es ist sehr angenehm, dass keiner sich einmischt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es einfach schön, wenn man so lange schlafen kann wie man will.«

Kyoko Sasaki im zweiten Durchgang ihrer Solo-Hochzeit, diesmal in Pfirsich-Farben. Es werden viele schöne Bilder, hofft sie. Das Fotoalbum will sie später den Kolleginnen zeigen. Hauptsache einmal das Brautkleid tragen, so lange sie noch jung und schön ist. Träume werden zusammengekehrt. Allein leben in Tokio: Es muss nicht Einsamkeit bedeuten. Freundschaft und Liebe sind anstrengend. Manchmal genügt der schöne Schein.

Autor: Ulrich Mendgen, ARD-Tokio

Stand: 14.04.2015 17:44 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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