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Libyen: Land am Abgrund

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Libyen: Land am Abgrund | Bild: ARD

Raketen für den Kampf gegen islamistische Milizen in Bengasi. Seit Tagen greifen die Islamisten dort einen Militärflughafen an, der noch von diesen Männern, den Soldaten der neu gewählten Regierung gehalten wird. Die Regierungstruppen haben einen Trumpf: die Reste der Luftwaffe Gaddafis, die nach der Revolution von 2011 übrig geblieben sind: sechs Helikopter und ein Dutzend älterer Kampfflugzeuge.

In Libyen tobt noch kein Bürgerkrieg, aber es regiert das Chaos, und es ist schwer zu erklären, wer eigentlich gegen wen kämpft. Es gibt zwei Parlamente, zwei Regierungen und jeden Tag Tote.

Wir sind uns auf dem Weg zu General Khalifa Haftar, dem vermutlich derzeit wichtigsten Mann der gemäßigten Kräfte in Libyen.

Khalifa Haftar
Khalifa Haftar | Bild: Bild: BR

Sein Hauptquartier ist an einem geheimen Ort. Khalifa Haftar kämpft für die neue moderate Regierung. Niemand hat ihn beauftragt. Er führt ein Bündnis alter Offiziere im Kampf gegen Islamisten. Wir mussten das Land doch schützen, meint Haftar.

Khalifa Haftar:

»Wir haben doch nicht einen Diktator verjagt, um jetzt die Diktatur der Islamisten zuzulassen! Gaddafi wurde gestürzt, damit ein gerechter, demokratischer Staat entstehen kann.«

Das neue Parlament dieses demokratischen Staates sitzt in Tobruk, weit weg von Haftars Hauptquartier. Dieser Mann, Ashraf Majar, Salafistenführer aus Bengasi, kämpft auch für die moderate Regierung und gegen die Islamisten. Ein islamischer Fundamentalist ist auch er, aber Majar akzeptiert die Regeln der Demokratie. Für uns ist das schwer zu verstehen, doch die Allianzen in Libyen sind so kompliziert wie der ganze Konflikt.

Ashraf Majar
Ashraf Majar | Bild: Bild: BR

Ein Checkpoint an der Außengrenze von Tobruk. Zur Zeit fährt Majar häufig in die Stadt, etwa um dort Ausrüstung für seine Männer zu organisieren. Der Salafist sagt, die Islamisten in Tripolis und Bengasi seien längst von Al Kaida und den Terroristen des Islamischen Staates unterwandert. Und sie beschmutzten den Islam, weil sie Menschen abschlachten, die einfach nur Demokratie wollen.

Ashraf Majar:

»Wir brauchen schnell moderne Waffen und wir brauchen auch Luftschläge gegen diese Extremisten, wie in Syrien und im Irak. Worauf wartet die Weltgemeinschaft eigentlich noch? Muss erst das ganze libysche Volk vernichtet werden?«

Tobruk, die Hafenstadt weit im Osten des Landes, ist ein Zufluchtsort geworden für Flüchtlinge aus Tripolis wie diese drei. Im August übernahmen in der Hauptstadt islamistische Milizen die Macht, sie hätten geplündert und gemordet. Da mussten sie fliehen. Viele der Kämpfer seien Dschihadisten aus dem Ausland, von Al Kaida und der Terrormiliz IS.

Intisar Mohammed, Islamistengegnerin:

»Sie werden von Orten angezogen, an denen es innere Konflikte gibt – wie bei uns. Offene Grenzen, viele Waffen, das ist das geeignete Umfeld. Da können sich Extremisten wie die Terrormiliz IS prächtig vermehren.«

Fürs Internet bereiten sie Bilder vor, Beweise für Gräueltaten der Islamisten in Tripolis, behaupten sie. Grausame Bilder, die wir so nicht zeigen wollen, sollen den Westen wachrütteln: Europa könne dann gar nicht anders als eingreifen.

Ali Al Shaibi, Islamistengegner:

»In Europa sind die Leute schließlich humaner als hier.«

Ageila Saleh Eissa Obeidi
Ageila Saleh Eissa Obeidi | Bild: Bild: BR

Er hat noch Hoffnung, das Abrutschen Libyens in den Bürgerkrieg ließe sich verhindern: Der Präsident des vom Ausland anerkannten neuen libyschen Parlaments.

Ageila Saleh Eissa Obeidi, Parlamentspräsident und Übergangs-Staatspräsident:

»Wir brauchen keine ausländischen Luftschläge. Wir haben jetzt einen Dialog zur Versöhnung begonnen. Und bald wird Ruhe im Land einkehren. Dann wird auch die Armee Libyen und seine Bevölkerung schützen können.«

Zurück bei den Männern von General Haftar und dem, was bald die neue Libysche Armee sein soll. 40 Jahre alt sind die Panzer, aber noch ganz gut, sagt man uns. Den Versöhnungsdialog des Präsidenten aus Tobruk lehnen die Islamisten übrigens ab. General Haftar sagt: Reden kann man mit denen sowieso nicht. Man kann sie nur bekämpfen.

Khalifa Haftar:

»Wir brauchen ganz schnell Hilfe. Sonst bleibt das Böse nicht bei uns in Libyen. Es wird sich weiter in unsere Nachbarländer ausbreiten und von dort aus nach Europa.«

Und dann gibt es noch einen Tapferkeitsbeweis für unsere Kamera: Haftars Männer fürchten sich nicht und sind bereit, im Kampf gegen die Islamisten zu sterben. Das will der Soldat uns wahrscheinlich mitteilen.

Auch in Libyen scheint die Politik am Ende. Jetzt sollen die Waffen entscheiden.

Autor: Volker Schwenck, ARD Kairo

Stand: 06.10.2014 00:17 Uhr

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