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Spanien: Nächtliche Raubzüge auf Plantagen

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SPANIEN: Nächtliche Raubzüge auf Plantagen | Bild: Das Erste
José Carlos Martínez
José Carlos Martínez | Bild: BR

José Carlos Martínez, Landwirt:

»So würde man normalerweise eine Artischocke pflücken. Wenn die Diebe nachts kommen, dann machen sie das so: Sie nehmen nur dieses Stück hier mit. Wenn Du dann am nächsten Tag kommst und siehst, wie dein Feld aussieht – ich kann gar nicht sagen, wie ich mich da fühle…«

Eigentlich hatte José Carlos uns nur zeigen wollen, was passieren kann. Zwei Tage, nachdem wir mit ihm auf seinen Feldern bei Valencia unterwegs waren, war aus der Demonstration schon Ernst geworden: Diebe haben ihm genau dieses Feld in der Nacht abgeräumt: Sie klauen Gemüse und Früchte. Sie zerstören bei ihrer illegalen Ernte die Pflanzen. Sie richten immense Schäden an.

Im vergangenen Jahr haben die Täter allein in der Region Valencia Waren und Werkzeuge im Wert von 20 Millionen Euro mitgehen lassen – Tendenz steigend.

José Carlos Martínez:

»Diesen Sommer hatte ich ein Feld mit Wassermelonen. Melonen sind groß und einfach zu transportieren. Die sind eine leichte Beute für die Diebe. Meine Familie und ich, wir haben zur Erntezeit auf dem Feld campiert. Denn wenn du nicht 24 Stunden drauf aufpasst, dann ist die Ernte weg.«

Ein Polizist der Policia Local
Ein Polizist der Policia Local | Bild: BR

Als wir mit José Carlos auf dem Weg zu einem anderen Feld sind, kreuzt ein Polizeiauto unseren Weg:

"Ich habe den Lieferwagen gesehen“, sagt der Polizist, "da wollte ich mal schauen.“

Weil auf dem Acker immer mehr geklaut wird, hat die kleine Gemeinde Alberic beschlossen, wieder Streifen in die Plantagen zu schicken – zum ersten Mal seit 30 Jahren.

José Carlos Martínez, Landwirt:

»Das ist eine ganz gute Art, den Dieben auf die Spur zu kommen. Die Polizisten kennen uns, die wissen, wer sich normalerweise auf den Feldern bewegt. Wenn sie irgendein fremdes Auto sehen, dann halten sie es an, kontrollieren es. Das hilft uns schon sehr.«

Auch dieses System könnte helfen. Auf der interaktiven Karte sind 1,5 Millionen Ackerparzellen in der Autonomen Region Valencia erfasst. Sie soll die Polizisten bei der Überwachung der Felder unterstützen. Erdacht haben sie das Instrument hier - im kartographischen Institut. Ein Jahr lang haben sie daran gebastelt. Seit zweieinhalb Monaten funktioniert es.

Emilio Forcén Tárrega, Kartographisches Institut Valencia:

»Wir können uns jede Parzelle einzeln angucken. Hier zum Beispiel sehen wir, dass da Khakis wachsen, und, ganz wichtig, von wann bis wann sie reif sind. Außerdem findet man hier Lagerhäuser, Brunnen für die Bewässerung und Bauernhöfe. Und wozu das alles? Damit die Guardia Civil weiß, wo Gefahr droht und sie dort gezielt kontrollieren kann.«

Diese Karten hat das Institut auch anderen Regionen angeboten. Bis jetzt hat aber noch keine zugegriffen. Dabei könnten sie die auch bei der Guardia Civil in der Provinz Toledo gut gebrauchen.

Polizeikontrolle
Polizeikontrolle | Bild: BR

Das zum Beispiel ist keine übliche Verkehrskontrolle. Hier suchen die Polizisten gezielt nach Diebesgut, das von den Feldern der Umgebung stammen könnte. Im Schutz der Dunkelheit sind die Täter besonders aktiv. Ein Lieferwagen zwischen den Äckern kurz vor Mitternacht – der ist verdächtig. Der Blick in den Transporter aber zeigt: Alles in Ordnung, der gute Mann hat nichts geklaut. Er wohnt um die Ecke und hat nur die Abkürzung über die Felder genommen.

Marcos Fernández, Guardia Civil:

»Auch wenn wir niemanden auf frischer Tat ertappen, ist es für die Täter lästig. Sie wissen, dass wir auch hier Autos anhalten, nach den Papieren fragen. Das macht es ihnen schwerer, auf den Feldern zu stehlen.«

Wie sinnvoll der Polizeieinsatz ist, das sehen wir bei Tage. Ein Feld beim Dörfchen Lillo. Hier bauen sie Wein in Spalieren an. Die Trauben lassen die Diebe in Ruhe, denn hier gibt es eine wertvollere Beute.

José María González Barajas
José María González Barajas | Bild: BR

José María González Barajas, Weinbauer:

»Auf diesem Feld haben sie 1500 von diesen Metallpfosten geklaut. Und da hinten, auf der anderen Seite, ist es genau dasselbe. Die kommen immer wieder nachts und schleppen tausende Pfosten weg.«

Zwei Euro kostet so ein Pfahl. Gesamtschaden beim jüngsten Diebstahl: 3000 Euro – ein herber Verlust.

José María González und Juan Sánchez produzieren auf ihrem Hof bei Toledo Wein, keine Spitzentropfen, sondern einfache Landweine. Die werden auch nicht auf Flaschen gezogen, sondern im Fass verkauft. Reich wird man davon nicht. Umso mehr schmerzt es da, wenn mal eben Material im Wert von mehreren tausend Euro verschwindet.

Die Diebe werden in den seltensten Fällen gefasst. Wer hinter den flächendeckenden Diebstählen steckt, bleibt für alle ein Rätsel.

José María González Barajas, Weinbauer:

»Wir haben keine Ahnung. Manchmal denken wir, dass es Leute aus dem Ausland sind, vielleicht welche, die hier arbeiten und die Pfosten dann klauen, weil sie zu Hause selbst Wein anbauen. Oder vielleicht sind es Schrotthändler. Kann auch sein, dass es einfache Leute wie wir sind, die keine Arbeit haben und deshalb klauen. Ganz ehrlich: Wir haben keinen Schimmer, weil kaum einmal jemand geschnappt wird.«

Was die Bauern überall in Spanien aufregt: Wer Gemüse und Obst klaut, der begeht in der Regel nur eine Ordnungswidrigkeit. In den Knast muss kaum einer.

José Carlos Martínez:

»Nach dem geltenden Gesetz muss man für mehr als 400 Euro stehlen, damit es eine Straftat ist. Das heißt, wenn die Diebe zu viert losziehen, dann können sie für 1600 Euro klauen, ohne dass sie angeklagt werden. Das ist lächerlich und empörend.«

Und so startet José Carlos auch an diesem Abend nach der Arbeit des Tages zur Nachtschicht: Felder überwachen, damit die Diebe es zumindest nicht so leicht haben, Beute zu machen.

Autor: Jörg Rheinländer, ARD-Madrid

Stand: 15.04.2014 10:52 Uhr

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