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Syrien: Pakt mit dem Teufel?

Abu Seif
Abu Seif | Bild: Bild: BR

Die kleine Schneiderei ist Abu Seifs ganzer Stolz. Vor zwei Jahren ist er mit Frau und Kindern aus Homs nach Ägypten geflohen. Nur mit den Kleidern am Leib, sagt er. Was er in 40 Jahren in Syrien aufgebaut hatte, musste er zurücklassen.

Es sei hart hier in Ägypten: eine Aufenthaltsgenehmigung kaum zu bekommen. Das bisschen Unterstützung von der Regierung reiche hinten und vorne nicht. Aber Syrer seien fleißige Leute.

Abu Seif, syrischer Flüchtling in Kairo:

»Als erstes haben wir uns hier in Ägypten nach Arbeit umgeschaut, meint er. Wir haben bei mehreren Fabriken gefragt, und uns dann Schritt für Schritt langsam hochgearbeitet. Wir haben uns quasi neu erfunden, denn was wir hatten, das haben wir alles verloren.«

Abu Seif sympathisierte mit der Revolution, wie sein Onkel, der zwei Monate nach ihm nach Kairo kam. Ihr Syrien, ihr Homs, das gebe es nicht mehr.

Radwan Hassan Agha, Flüchtling aus Homs:

»Zerstörung, totale Verwüstung, Vertreibung. Gott helfe Syrien. Ich glaube nicht, dass wir jemals zurückkehren.«

Die syrische Flagge vor zerstörten Häusern
Hauptsache zurückerobert | Bild: Bild: BR

So sieht es in Homs heute aus: Assad hat die Rebellen mit schweren Waffen vertrieben. Der Westen habe ihn gewähren lassen, und das habe viele einst gemäßigte Kämpfer radikalisiert, meint die Auslandsopposition.

Khaled Saleh, oppositionelle Syrische Nationalkoalition:

»Wenn einer mit brutaler Gewalt angreift, und niemand schert sich darum, dann hat das Folgen. Und leider hat die Terrorgruppe IS genau davon profitiert. Die Untätigkeit der Internationalen Gemeinschaft hat IS groß gemacht, und heute kontrollieren sie etwa ein Drittel der Rebellengebiete.«

IS-Kämpfer in einem Video
IS-Kämpfer in einem Video | Bild: Bild: BR

Und auch das Regime hat – so paradox es klingt – die IS-Terroristen gestärkt. Während Assad gemäßigte Kämpfer in Aleppo bombardierte, verschonte er die IS-Hochburg Al Raqqa. Der Terror hat Assad politisch genützt.

Heiko Wimmen, Stiftung Wissenschaft und Politik:

»Nicht erst der Islamische Staat, weitaus früher schon diverse Organisationen – genau diese Herausforderer haben gestützt, was das Regime immer wieder der eigenen Bevölkerung, der regionalen und der Internationalen Gemeinschaft gesagt hat: "Unser Gegner sind Terroristen, Islamisten. Wenn wir fallen, wird das hier ein Kalifat, wird das hier ein zweites Afghanistan oder ein zweites Algerien. Also: zu uns gibt es keine Alternative.“«

Nun scheint die Wirklichkeit Assad Recht zu geben. Bashar oder islamistische Barbarei – ein dritter Weg scheint ausgeschlossen. Das Regime bietet sich dem Westen als Partner an im Kampf gegen den Terror.

Präsident Assad mit einem Priester
Präsident Assad mit einem Priester | Bild: Bild: BR

Assad präsentiert sich als Schutzherr der Minderheiten, der Christen und Säkularen. Und damit rechtfertigt sein Regime jede denkbare Grausamkeit im Umgang mit allen Gegnern seiner Herrschaft.

Heiko Wimmen:

»Das Argument "Wir oder die Islamisten" war schon immer oder ist schon seit vier Jahrzehnten ein ganz wesentliches Argument, das das Assad-Regime, Vater und Sohn, benutzt haben, um sich selber zu legitimieren.«

Zurück in Ägypten, weit weg vom Krieg. Abu Seif und sein Onkel leben in einem Vorort von Kairo, in den sich viele Syrer geflüchtet haben.

Heute fahren beide nach der Arbeit in der Schneiderei in ein Café. Sie sind auch Musiker, und singen für andere Syrer die Lieder aus der alten Heimat.

Viele Syrer glaubten, dass Assad für Sicherheit und Stabilität stehe, meint Abu Seif, und dass alle seine Gegner Terroristen seien. Aber das sei falsch.

Abu Seif:

»Das Regime hat den Terror großgezogen. Aber leider hat der Schüler den Lehrer übertroffen, und im Irak hat sich der IS dann Waffen geholt und ist stark geworden. Das sind echte Terroristen. Ihr ganzer Glaube beruht darauf, dass sie die einzig wahren Muslime seien. Wir sind doch alles Ungläubige für die.«

Hinrichtungsstelle in Azaz
Hinrichtungsstelle in Azaz | Bild: Bild: BR

Wie es ist, im sogenannten Islamischen Staat zu leben, das können die Menschen im nordsyrischen Azaz erzählen. Im Frühjahr vertrieben gemäßigte Rebellen die Terroristen aus der Stadt. Am Anfang waren die Leute vom IS noch zurückhaltend, berichtet dieser Mann. Aber dann wurde es unerträglich. Es gab öffentliche Hinrichtungen. Auch Kinder mussten zuschauen.

Ein Mann:

»Hier mussten sich vier Männer hinknien. Dann haben sie sie festgehalten und enthauptet. Am Ende haben sie die Köpfe ausgestellt.«

Heiko Wimmen, Stiftung Wissenschaft und Politik:

»In einer idealen Welt – aus der Sicht von Herrn Assad – idealen Entwicklung gibt es irgendwann in Syrien nur noch zwei Kräfte: Assad und IS. Und wie die Wahl zwischen diesen beiden Kräften ausfallen wird und muss für jeden Syrer, der noch in Syrien bleiben und leben will, aber auch für internationale Akteure, ist- denke ich offensichtlich.«

Khalid Saleh, oppositionelle Syrische Nationalkoalition:

»Das Assad-Regime will sich jetzt als Partner empfehlen im Kampf gegen IS – und hat doch die letzten Gefechte gegen die Terroristen alle verloren. Jedes Mal – zuletzt beim Militärflughafen Tabka – hat das Regime im Staatsfernsehen erklärt, man habe alles unter Kontrolle – und 24 Stunden später hatten sie alles an IS verloren. Assad hat keine gute Erfolgsbilanz im Kampf gegen den Terror.«

Nach dem Fall von Tabka führen die IS-Terroristen ihre Propaganda im Internet vor. Triumphierend zeigen sie erbeutete Geschütze, Flugzeuge, Panzer und viele andere Waffen, auch deutsche. Ihr militärischer Erfolg macht die IS-Terroristen attraktiv für viele noch gemäßigte Rebellenkämpfer. Und ihre Gnadenlosigkeit auch: 160 gefangene syrische Soldaten sollen die Islamisten ermordet haben.

Abu Seif und viele andere syrische Flüchtlinge hier in Kairo trauen Assad längst nicht mehr zu, dass er den Terror, den er entfesselte, am Ende besiegen kann. Nur zufällig heißt das Café, in dem sie sich treffen "Café Roma" – aber eigentlich passt der Name.

Ahmed Abu Ammar, Flüchtling aus Damaskus:

»Syrien ist doch erledigt. Das ist vorbei. Und wenn das Land jemals wieder auf die Füße kommen sollte, dann habe ich meinen Kindern schon längst eine Zukunft in Europa aufgebaut.«

Sie alle wollen weiter, auch Abu Seif, am liebsten eben nach Europa. Syrien – das sei Geschichte. Dieses Land gebe es eigentlich gar nicht mehr.

Autor: Volker Schwenk, ARD-Kairo

Stand: 08.09.2014 10:02 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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