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USA: Politische Erpressung legt Weltmacht lahm

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USA: Politische Erpressung legt Weltmacht lahm | Bild: BR
Ted Cruz
Ted Cruz | Bild: BR

Die Veteranen aus Texas sind da. Überschwänglich der Empfang. Sogar der Senator ist gekommen, um die betagten Gentlemen in der Hauptstadt zu begrüßen. Jahrelang haben viele von ihnen auf diesen Tag hingefiebert. Und doch ist die Freude über den großen Bahnhof gedämpft. Alle wissen, Ted Cruz, der neue Liebling der Tea Party, missbraucht den Besuch der alten Herren für seine Politshow.

Ted Cruz, republikanischer Senator, Texas:

»Wenn es nach mir ginge, dann hätten wir keinen Shutdown. Gerade heute habe ich den Senat wieder aufgerufen, alle Denkmäler und Nationalparks wieder zu öffnen. Aber leider sperren sich Harry Reid und seine Demokraten dagegen.«

Ausgerechnet der radikale Republikaner und neue mächtige Mann im Kongress gibt sich als Retter der Veteranen. Obwohl er der Partei die harte Linie diktiert, die überhaupt erst zum Finanzkollaps geführt hat. Auch deshalb ärgern sich viele hier, dass der junge Senator Politik macht mit den Veteranen.

John Northington

»Es ist der Gipfel der Heuchelei, dass er hierher kommt. Dass der sich nicht schämt. Die Abgeordneten sollten lieber den Haushalt beschließen und die Regierungsbehörden endlich wieder öffnen.«

Willkommen in Absurdistan. Nirgendwo kann man in diesen Tagen den Wahnsinn des Shutdowns besser erleben als an dem Ehrenmal für die Kriegsopfer - offiziell geschlossen. Doch wer wollte den Veteranen ihre vielleicht letzte Chance nehmen, das Denkmal zu besuchen, das zu ihren Ehren gebaut wurde?

Ein Ranger:

»Es kommt darauf an, wie man geschlossen definiert. Wir sind zwar geschlossen, aber wir halten niemanden auf.«

Frage:

»Gibt es denn keine Polizei?«

Der Ranger:

»Natürlich, 24 Stunden jeden Tag.«

Frage:

»Und die tun nichts?«

Der Ranger:

»Das kommt darauf an, wie man "tun" definiert.«

Nancy Biegel
Nancy Biegel  | Bild: BR

Nancy Biegel verfolgt das Haushaltsdrama mit Entsezen. Als Hausmeisterin verdient die 55-Jährige gerade so viel, dass es reicht für Miete und Essen. Eine Krankenversicherung kann sie sich nicht leisten. Dass die Tea Party das ganze Land in Geiselhaft nimmt, um die Gesundheitsreform zu blockieren, macht sie wütend. Die Reform sei doch längst beschlossene Sache, ärgert sie sich.

Nancy Biegel:

»Die haben Angst, dass wir kleinen Leute uns jetzt auch eine Krankenversicherung leisten können, weil sie glauben, sie müssten uns etwas von ihrem Reichtum abgeben.«

Nancy hatte Darmkrebs. Doch sie wagt es nicht, zur Nachsorge zu gehen. Zu teuer. Und was, wenn der Arzt wieder etwas entdeckt? Wie soll sie das bezahlen?

Obamacare, die Gesundheitsreform, könnte ihr Leben radikal verändern. Im Internet haben Nancy und Luis schon nach Angeboten für eine Krankenversicherung gesucht, doch der Ansturm war zu groß. Jetzt wollen sie es im Gesundheitszentrum versuchen. Ab dem 1. Januar wäre sie abgesichert, wenn die Republikaner es nicht verhindern.

Nancy Biegel:

»Jetzt sehe ich endlich Licht am Ende des Tunnels. Da wollen die Republikaner mich zurückschubsen. Ich wäre am Boden zerstört, wenn sie mir die Hoffnung nähmen. Keine Ahnung, was ich dann tun soll.«

Gerne gibt sie dem Präsidenten Schützenhilfe. In dieser Woche war Nancy eingeladen im Weißen Haus, gemeinsam mit anderen, die verzweifelt auf die Krankenversicherung hoffen. Mit solchen Bildern will Obama Druck machen in dem festgefahrenen Streit.

Barack Obama, US-Präsident:

»Horrende Prämien haben Nancy Biegel gezwungen, sich zu entscheiden, ob sie ihre Miete oder ihre Krankenversicherung zahlen kann. Ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand den Ruf Amerikas durch den Dreck zieht, nur weil die Konservativen noch immer unter ihrer Wahlniederlage leiden.«

Nancy Biegel und Barack Obama umarmen sich
Nancy Biegel und Barack Obama umarmen sich | Bild: BR

Herzlich sei er gewesen, der Präsident, so Nancy. Doch egal wie emotional die Appelle – die Regierung bleibt dicht.

Das Ansehen des Hohen Hauses auf dem Tiefpunkt, und alle befürchten, dass dies erst der Anfang ist. In zwei Wochen erreicht Amerika die Schuldengrenze – die wirtschaftlichen Folgen unabsehbar. Trotzdem tobt im Kongress ein Kampf um Ehre und Ego.

Diese beiden Männer liefern sich einen Showdown nach dem anderen: John Boehner und Harry Reid.

Der demokratische Fraktionschef im Senat setzt darauf, dass die Republikaner sich intern so zerfleischen, dass sie am Ende nachgeben. Die Taktik des ehemaligen Boxers: Draufhauen.

Harry Reid, Demokratische Partei, Senat:

»Das sind Anarchisten: Boehner und seine Bande von Tea-Party-Radikalen. Bananenrepublikaner.«

John Boehner
John Boehner | Bild: BR

Die Attacken sollen ihn weich kochen: John Boehner, der Sprecher im mehrheitlich republikanischen Repräsentantenhaus. Er lässt sich von Radikalen wie Ted Cruz auf der Nase herumtanzen. Zu lange schon, sagen selbst eigene Parteifreunde. Es soll heftig rumoren in der Fraktion.

John Boehner, Republikanische Partei, Repräsentantenhaus:

"Das ist kein verdammtes Spiel,“ gibt sich Boehner nach außen kämpferisch, "Die Amerikaner wollen nicht, dass die Regierung geschlossen bleibt, und ich auch nicht. Wir wollen nur eins: Endlich miteinander reden, damit die Menschen gerecht behandelt werden unter Obamacare.“

John Boehner ist für viele zur Hassfigur geworden. Mit jedem Tag Stillstand wächst die Wut im Land – und bisher vor allem gegen die Republikaner:

Herr Boehner, lassen sie endlich abstimmen, dann geht der Haushalt morgen durch. Lasst die Leute endlich wieder zur Arbeit gehen.

Die Veteranen aus Texas – am Ziel ihrer Träume. Wer für Amerika gekämpft hat, lässt sich nicht von ein paar Schildern und Sperren aufhalten.

"God bless America!“ – Gott segne Amerika, schmettern sie - und alle hoffen, dass er bald ein Erbarmen hat mit den Streithähnen in Washington.

Autorin: Marion Schmickler / ARD-Washington D.C.

Stand: 15.04.2014 11:01 Uhr

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