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Brasilien: Liebesgedichte gegen Corona-Krise

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Brasilien: Liebesgedichte gegen Corona-Krise | Bild: ARD

Als die Pandemie begann, brach für Maria Delgado und die anderen Frauen in Brasiliens malerischem Hinterland eine Welt zusammen. Sie sind traditionelle Bäuerinnen, Viehzüchterinnen und Weberinnen und berühmt für ihren Stoff, den sie als Wandteppiche oder Tischtücher selbst produzieren und in ganz Brasilien verkaufen. Wegen der Corona-Krise brachen ihre Verkäufe ein. Doch dann haben die Frauen sich etwas überlegt: Im Internet versprachen sie jedem Käufer ein maßgeschneidertes persönliches Geschenk mit einem Gedicht für den/die Liebste als Bonus. Plötzlich sprangen die Verkäufe an.

Seitdem melden sich Männer und wollen etwas für ihre Frauen kaufen. Dann fragt Maria die Männer nach allem aus: Wie lang sind sie schon zusammen, was sind die Hobbys der Ehefrau und was ihre Leidenschaften. Danach beginnen die Bäuerinnen zu dichten und senden das fertige poetische Ergebnis als gesungene Whats-App-Nachricht an die Beschenkte – zusammen mit dem Wandteppich. Denn die Bäuerinnen – alles Nachfahren von Sklaven – leben seit Jahrhunderten mit der Tradition gesungener Lieder als Vermittlung uralter Geschichten an die Kinder. Mittlerweile sind nach einem Jahr bereits 6.000 Gedichte zusammengekommen. Und es werden immer mehr – sie kommen mit dem Weben gar nicht mehr hinterher.

Eine wichtige Verbindung zu ihren Vorfahren

Beim Pflücken ihrer Bio-Baumwolle fühlen sich die Frauen aus Vale do Jequitinhonha ihren Vorfahren ganz nahe. Sie ernten und singen die alten Lieder – genauso wie früher die Sklaven. Auch jetzt, während der Pandemie. "Die Virus-Krise war schwierig für uns. Denn wir konnten nicht durchgehend gemeinsam ernten und singen. Jetzt wurden wir immerhin geimpft und machen weiter, weil wir geschützt sind", sagt Bäuerin, Maria do Carmo. Viele in der Region schämen sich für ihre Abstammung von Sklaven. Für diese Frauen ist es aber ein wichtiges Erbe. "Die Tradition und die Kultur von früher wollen wir bewahren. Bislang gelingt uns das. Ich bin glücklich, dass wir noch immer genauso ernten wir unsere Vorfahren", erzählt Silvana Guimarães.

Brasilien: Diese Weberinnen verknüpfen Tradition mit neuester Technik
Brasilien: Diese Weberinnen verknüpfen Tradition mit neuester Technik | Bild: WDR

Vale do Jequitinhonha liegt im Hinterland des Bundesstaats Minas Gerais. Seit jeher eine trockene, arme Gegend. Ihre Baumwolle befreien sie erst von Samen, um sie anschließend zu spinnen – auch das per Hand. "Wir stellen alles her: Betttücher, Geschirr- und Handtücher. Auch die Anzüge für unsere Männer – das alles weben seit jeher wir Frauen. Manchmal spinnen 15 Frauen gleichzeitig", sagt Ana Tavares Guimarães. Zu Beginn der Pandemie war jedoch der Verkauf ihrer Web-Stoffe eingebrochen. Ein Problem für die Spinnerinnen in Vale do Jequitinhonha. Sie mussten irgendwie Geld verdienen. Auf die Lösung kamen sie bei der Arbeit an den Arueiras-Bäumen, deren Rinde sie zu einem Farbstoff verarbeiten.

"Wir machen ja alles mit Freude. Wenn jemand traurig ist, dann singen wir, um die Stimmung zu heben. Mit dieser Tradition geht es uns besser", sagt Baumwollspinnerin, Marli Gonçalves. Mit guter Laune kommen auch Ideen. Sie starten im Internet eine Kampagne: Ihr Gesang soll helfen, den Verkauf anzukurbeln. Genauso wie ihre Traditionen: das Spinnen per Hand, das Färben mit der Arueira-Rinde und vor allem ihre uralten Liedverse: "Uns fiel ein, dass wir unsere Lieder verkaufen könnten. Damit sind wir erfolgreich und kommen gut durch die Pandemie."

Und ihre Idee zündet: Viele Männer melden sich per Sprachnachricht, bestellen Stoffe für ihre Frauen – und dazu: ein gesungenes Gedicht. Melancholische Verse vom Leben auf dem Land gehen jetzt per Sprachnachricht an die Beschenkten. Der Erfolg stellt sich sofort ein. Sogar Menschen aus Deutschland, Frankreich und Portugal bestellen Stoffe und Gedichte von den Nachfahren der Sklaven aus Vale do Jequitinhonha. Mehr als 700 Stoffe haben sie bislang verkauft. Ein Vielfaches mehr als früher. Und dazu: 7.000 gesungene Gedichte. "Das macht uns richtig glücklich. Dass wir jetzt Stoffe nähen, die wir dann sogar ins Ausland versenden, lässt mein Herz vor Freude hüpfen. Unsere Stickereien werden von Ausländern geschätzt. Wie schön, dass wir jetzt so viel verkaufen, weil es den Menschen gefällt", erzählt Maria Aparecida.

Mit Liedern aus der Krise befreit

Tradition und Dichtkunst: ein Verkaufsschlager. Mittlerweile haben die Frauen aus dem Vale do Jequitinhonha jede Menge zu tun. Immer neue Aufträge trudeln ein. Stets mit der Bitte um ein Lied für die Beschenkten – zum Beispiel für den Partner am Tag der Verliebten. Dann geht wieder ein Päckchen auf Reisen, zum Beispiel nach Rio de Janeiro. Zu Dayse Posato, die von ihrem Ehemann ein Geschenk zum Geburtstag bekommt. Zur Überraschung gehört auch ein gesungenes Gedicht, extra für sie geschrieben. "Dayse, du wirst geliebt und bist gut zu allen Menschen", lautet diese Strophe, die ihr zu Herzen geht. "Das ist so schön. Ein Gedicht per Post. Mein Mann hat ihnen Anregungen dazu gegeben. Ich stelle mir jetzt vor, wer diese Frau ist, die mir das geschickt hat. Und wie sie das singt", sagt die Beschenkte.

Brasilien: Für die Frauen im Vale do Jequitinhonha Hat die Pandemie Vorteile gebracht
Brasilien: Für die Frauen im Vale do Jequitinhonha Hat die Pandemie Vorteile gebracht | Bild: WDR

Diese Frau sitzt 1.000 Kilometer entfernt auf einem Stein. Und sendet bereits das nächste Gedicht mit ihrem Handy. Gesungene Freude – gerade während der Pandemie ein besonderes Geschenk, auf das viele Menschen weltweit geradezu sehnsüchtig warten. Denn die alten Sklavenlieder – sie tragen Hoffnung in sich – gerade in schwierigen Zeiten.

"Ich als Dorfälteste fühle mich glücklich, dass unsere Kultur jetzt so geschätzt wird", sagt Geralda Soares. Für die Frauen im Vale do Jequitinhonha hat die Pandemie durchaus Vorteile gebracht. Und das mit gesungenen Gedichten.

Autor: Matthias Ebert/ARD Studio Rio de Janeiro

Stand: 19.12.2021 19:22 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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