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Burundi: Warum Bürger zu Flüchtlingen werden

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Burundi: Warum Bürger zu Flüchtlingen werden | Bild: ARD

"Mein Schatz, mein Engel – du bist am Leben. Das ist jetzt alles was zählt." Christianne will ihrem Sohn wieder Lebensmut geben, sagt sie. Patrice wäre fast zu Tode gefoltert worden. Jetzt kann er weder schlafen noch richtig essen – so traumatisiert ist er.

Um sechs Uhr kommt die Polizei

Patrice erzählt: "Es war morgens um sechs, ich war gerade auf dem Weg zur Kirche, als die Polizei kam und mich mitgenommen hat. Sie haben mich zum Geheimdienstgebäude gebracht und gesagt, ich solle zugeben, dass ich an den Demonstrationen teilgenommen habe. Sie haben meine Brille zerbrochen und mir ins Gesicht geschlagen. Sie haben mich nackt auf Erde geworfen, gefesselt und sie haben mich getreten. Wenn ich geschrien habe, haben sie mir einen Stein oder ein Tuch in den Mund gestopft."

Patrice und Christianne
Patrice und Christianne | Bild: Bild: BR

Patrice ist wahrscheinlich nur am Leben, weil seine Familie ihn freikaufen konnte. Umgerechnet 200 Euro hat ein Beamter für ihn verlangt - ein Vermögen für die Familie, die oft nicht mal genug Geld für etwas zu Essen hat. Jetzt sind sie auch noch tief verschuldet. Und das alles, weil sie im falschen Viertel der Hauptstadt Bujumbura wohnen. Denn hier in ihrem Viertel hat alles angefangen.

Protest wird unterdrückt

Im April letzten Jahres: Hunderte Menschen gehen auf die Straße und demonstrierten – friedlich, gegen eine korrupte Regierung, gegen den Präsidenten. Der hatte gerade angekündigt, für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen, obwohl die Verfassung Burundis nur zwei Amtszeiten vorsieht. Die Polizei reagiert schnell und brutal. Die Demonstrationen werden niedergeschlagen, Menschen getötet, Bujumbura brennt.

Der Präsident bei der Wahl
Der Präsident bei der Wahl | Bild: Bild: BR

Und Präsident Pierre Nkurunziza? Mit Gewalt und Manipulation bleibt er an der Macht. Im Jogginganzug radelt er zur Pseudo-Wahl. Dabei hatten sich viele in der Bevölkerung den Wandel so herbeigesehnt, vor allem weil die Menschen so arm sind, sagt Christianne. In ihrem Hof baut die Familie ein wenig Mais an, um sich etwas dazu zu verdienen. Der Vater arbeitet als Gärtner – für 30 Euro im Monat. Ein Standardlohn in Burundi. Das reicht aber hinten und vorne nicht. Und auch für junge Menschen wie Patrice sind die Zukunftsaussichten schlecht.

Patrice erzählt: "Aber ich bin nicht zu den Demonstrationen gegangen, weil ich wusste, wenn die mich da sehen, dann bekomme ich Probleme."

Polizeigewalt gegen die Menschen

Die Probleme hat er trotzdem bekommen, so wie Hunderte andere. In den Vierteln, in denen damals demonstriert wurde, sucht die Polizei ständig nach so genannten "Verrätern" und nach Waffen, als Rache dafür, dass auch Polizisten getötet wurden. Jetzt wird aufgeräumt, auch im Zentrum der Hauptstadt Bujumbura: überall schwer bewaffnete Polizisten. Der Alltag ist nur oberflächlich, nichts ist mehr normal. Und unter den Sicherheitskräften seien auch Killer-Milizen, getarnt in Uniformen, erzählen uns die Menschen unter vorgehaltener Hand. Nur wenige trauen sich, mit uns zu reden.

Umfrage auf der Straße
Umfrage auf der Straße | Bild: Bild: BR

Ein Mann sagt uns: "Wir haben Angst. Jede Nacht hören wir Schüsse, von Montag bis Sontag. Aber Sie sind ja jetzt selber hier. Bitte machen Sie die Augen auf und berichten Sie über unsere Wirklichkeit." Zu ihrer Wirklichkeit gehören die Toten: "Jede Nacht sterben unsere Brüder, unsere Söhne", klagen sie. So wie Alexandre, 26 Jahre alt, Jura-Student und der ganze Stolz seiner Familie. Er war in einer Bar mit ein paar Freunden, hat sein Examen gefeiert, als die Männer in Polizeiuniform kamen. Wer sie wirklich waren? Niemand hier wird versuchen, es herauszufinden. Alexandre war Hutu, so wie der Präsident, und Mitglied der Regierungspartei. Aber er wollte Dinge ändern, er wollte ein gerechteres Burundi. Das hat gereicht, damit sein Name auf der schwarzen Liste landet.

Eigentlich ist der Konflikt in Burundi politisch. Es geht nicht darum, ob jemand Hutu oder Tutsi ist. Es geht nur darum: für oder gegen den Präsidenten. Wer gegen ihn protestiert hat, muss jetzt um sein Leben fürchten. Hutu und Tutsi gleichermaßen.

Menschen auf der Flucht

Doch auf beiden Seiten setzten Hardliner alte Mechanismen wieder in Gang. Gerüchte. Hetze. Dunkle Erinnerungen, deshalb sind ganze Straßenzüge in Bujumbura mittlerweile verlassen. Die Angst vor Gewalt hat bereits mehr als 200.000 Burundier zu Flüchtlingen gemacht.

Schwerbewaffnete Polizisten
Schwerbewaffnete Polizisten | Bild: Bild: BR

Der blutige Bürgerkrieg liegt erst zehn Jahre zurück. Und der Frieden ist noch zerbrechlich. Das erzählt uns auch Zedi. Und dass er bei den Demonstrationen mitgemacht hat. Seine gesamte Familie sei jetzt deshalb geflohen, in das Nachbarland Ruanda. Er ist zurückgeblieben, um auf das Haus aufzupassen. Aus Angst möchte er sein Gesicht nicht zeigen: "Ich komme eigentlich nur zum Schlafen hierher. Und selbst das ist gefährlich. Wenn die Polizei mich sehen würde, würden sie mich erschießen. Aber es geht hier nicht um Ethnien: Hutu, Tutsi – wir sind vereint. Es geht nur um Präsident Nkurunziza. Er und seine Clique sind Diebe. Sie bereichern sich und wir haben nichts: keine Jobs, nichts zu essen, kein Geld."

Weg aus Burundi!

Und keiner, der ihnen hilft. Christianne und ihr Sohn Patrice finden im Moment nur Trost in der Kirche, sagen sie. Patrice wollte eigentlich mal Arzt werden. Doch jetzt hat er nur einen Wunsch – weg aus Burundi: "Ich wünsche mir, Flüchtling zu werden. Jeder hier hat Angst zu sterben. Und was würdest Du Dir an meiner Stelle wünschen? Wenn Du den Tod kommen siehst und Du nur nicht weißt, wann es passieren wird."

"Das Leben geht weiter", sagt Patrice dann noch: "Bis es nicht mehr weiter geht." Burundi droht in einer Welle der Gewalt zu versinken. Und kaum etwas davon dringt nach außen.

Autorin: Shafagh Laghai, ARD Nairobi

Stand: 10.07.2019 13:46 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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