Volker Schwenck über seine Reise in den Jemen

Das Tor zur Altstadt von Sanaa. Die jemenitische Metropole mit ihrer einzigartigen Architektur wurde 1988 UNESCO-Weltkulturerbe.
Das Tor zur Altstadt von Sanaa. Die jemenitische Metropole mit ihrer einzigartigen Architektur wurde 1988 UNESCO-Weltkulturerbe. | Bild: Das Erste

Der Jemen war einmal ein beliebtes Ziel für Bildungsreisen. Das ist lange vorbei. Wie riskant war Ihre Reise in das Land?

Eine Reise in ein Krisenland ist so sicher wie die Vorbereitung gut ist. Wir haben Kontaktpersonen im Jemen, die dafür gesorgt haben, dass wir willkommen waren. Die Regierung schickte uns zwei Soldaten zur Bewachung, die Huthis stellten vier bewaffnete Kämpfer. Das ist eigentlich schon alles: man kommt als Gast und vertraut sich dem Schutz einer Gruppe an. Dann ist es zwar mit der völlig unabhängigen Berichterstattung erst mal vorbei, aber Reisen auf eigene Faust kann lebensgefährlich sein und bringt oft auch keinen erheblich größeren Erkenntnisgewinn. Andererseits wird man, wenn man von einer Seite begleitet wird, natürlich zum Ziel für die jeweils andere Seite - wir haben uns aber stets sicher gefühlt.

Wie sind die Dreharbeiten verlaufen?

Gut - bis zum frühen Nachmittag. Ich wüsste gerne, wie der Jemen aussähe, wenn es kein Kat gäbe. Kat ist eine Volksdroge, um die sich der ganze Tagesablauf im Jemen dreht. Spätestens mittags mussten wir für unsere Begleiter Kat besorgen, sonst wurden die spürbar unruhig. Ab 15:00 Uhr ist eigentlich nichts mehr sinnvoll planbar, weil die Leute Kat kauen und ihre Ruhe wollen. Ein schon zugesagtes Interview wurde abgesagt, weil Kat wichtiger war als die ARD. Ich habe Kat nicht probiert, aber es verleiht wohl Hochgefühle; entspannt einerseits und macht andererseits wach, so dass die Leute nachts schlecht schlafen. Das ist der Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit nicht gerade zuträglich. Abgesehen davon verliefen die Dreharbeiten reibungslos: an und für sich sind die Jemeniten außerordentlich freundliche Menschen.

Kann man Kat nicht verbieten?

Unmöglich. Kat verbraucht viel Wasser, was in einem so trockenen Land wie dem Jemen ein großes Problem ist. Trotzdem wird überall Kat angebaut. Viele Jemeniten werden krank, weil Kat mit Pestiziden behandelt wird, aber alle kauen weiter. Wer Kat verbieten will, wird eine echte Revolution auslösen.

Sie beschreiben den Konflikt im Jemen als "sehr kompliziert". Was macht den Konflikt aus?

Der Konflikt ist vielschichtig und nicht einfach in einem Gut-Böse-Schema darzustellen, was Fernsehen eigentlich überfordert. Man darf nicht vergessen: der Jemen, wie wir ihn heute kennen, ist ein junger Staat, es gibt ihn erst seit 1990, und seither reiht sich ein Konflikt an den nächsten. Die Zentralregierung ist eher schwach, im Jemen geben starke Familien und Stämme den Ton an und die lassen eine Zentrale nur so weit gewähren, wie es ihren eigenen Interessen dient.

Ex-Präsident Saleh hatte sich durch geschickte Versorgung der Stämme mit Macht und Pfründen 33 Jahre lang halten können. Die Folge waren Korruption und Vetternwirtschaft, und diese   politische Struktur wurde mit der Revolution 2011 nicht beseitigt. Als Saleh abtreten musste, drängten die Muslimbrüder an die Macht. Die Huthis bekämpfen die Islamisten seit jeher und behaupten, die hätten mit Al Qaida zusammengearbeitet - einem erbitterten Feind der Huthis. Jemens Regierung gilt als pro-westlich, weil sie die USA bei der Bekämpfung von Al Qaida unterstützen - das lehnen die Huthis auch ab. Und dann haben auch noch Saudi-Arabien und der Iran, dem nachgesagt wird, die Huthis zu unterstützen, im Jemen ihre Finger im Spiel. Und im Süden des Landes wird eine Separatisten-Bewegung stärker, die den Jemen am liebsten wieder aufteilen will… das meine ich mit kompliziert.

Volker Schwenck
Volker Schwenck | Bild: BR

Das kleinste Problem ist derzeit übrigens der Konflikt Schiiten gegen Sunniten, das sagen alle im Yemen. Das kann sich aber ändern. Noch geht es vor allem um Macht und politische Teilhabe, sollte es einmal um Religion gehen, dann stehen dem Jemen schlimme Zeiten bevor.

Aus welchen Motiven heraus ist die Rebellenbewegung der Huthi entstanden?

Der Name "Huthis" leitet sich vom Gründer der Bewegung ab, Hussein Badr Al-Din Al-Huthi. Er war ein schiitischer Politiker, der für seine Heimatprovinz Sadah und gegen den Einfluss der Salafisten kämpfte. Das klingt nach religiösem Fundamentalismus,  aber wenn man Huthis fragt, dann ging und geht es vor allem darum, dass die Zentralregierung in Sanaa die Nordprovinz systematisch vernachlässigt hat und über die Förderung der sunnitischen Salafisten in der Region schiitische  Bewegungen schwächen wollte. Der Grund dafür war historisch:  Im Norden hatte von 1918 bis zur Revolution 1962 ein schiitischer König geherrscht - ein Aufstand des schiitischen Norden sollte um jeden Preis verhindert werden. Er kam dann aber trotzdem.

Ein Gründungsdatum der Bewegung gibt es nicht; die Legende sagt, dass Al-Huthi 2002 zum ersten Mal auf einem Berg "Gott ist der Größte, Tod für Amerika, Tod für Israel, Verflucht seien die Juden, Sieg dem Islam" ausgerufen haben soll - seither das Motto der Huthis.

2004 begann Al-Huthi den bewaffneten Kampf gegen die Regierung. Es folgten sechs Jahre Krieg mit vermutlich mehr als 10.000 Toten. Al-Huthi selbst kam schon drei Monate nach Beginn der Revolte ums Leben, seither führt sein Bruder die Bewegung.

Die Huthis stellten sich 2011 gegen Präsident Saleh auf die Seite der Revolution, jetzt sagen sie, sie wollten die Revolution vollenden. Also auch mit den korrupten Strukturen aufräumen, was bei einem Teil der Bevölkerung gut ankommt. Die Huthis geben ihre Stärke mit drei Millionen an (bei 25 Mio. Einwohnern), nur noch ein Fünftel seien Schiiten - es hätten sich auch viele Sunniten der Bewegung angeschlossen. Das ist aber schwer nachzuprüfen.

Im Süden des Landes kämpfen die Huthi gegen Al-Kaida. Gibt es eine Aussicht, dass die Huthi doch noch gemeinsam mit dem Westen gegen islamistische Terrorgruppen kämpfen?

Kämpfen ja, aber nicht gemeinsam. Die Huthis lehnen amerikanische Drohnenschläge gegen Al Kaida ab. Sie sagen, die USA träfen ausschließlich Zivilisten. Das ist nicht ganz richtig, die US-Drohnen töten schon auch Al Kaida-Kämpfer, was natürlich den Huthis nützt. Aber diese US-Schläge kosten regelmäßig auch sehr viele Unbeteiligte das Leben. Die Huthis gehen noch weiter: sie behaupten, die USA würden Al Kaida wissentlich verschonen. Das ist eine im arabischen Raum oft zu hörende Theorie. Der sogenannte Krieg gegen den Terror sei nur ein Vorwand für eine aggressive amerikanische Außenpolitik, die sich regelmäßig in den Ländern der Region einmischt.  Für die Huthis ist die Politik des Westens und besonders der USA eher die Wurzel allen Übels in der Region.

Was unterscheidet die Huthi wesentlich von islamistischen Gruppen?  

Der Begriff "Islamismus" ist mittlerweile ziemlich ungenau, da gehören gemäßigte Gruppen, die Gewalt ablehnen, genau so dazu wie die islamistische Terroristen des sogenannten "Islamischen Staates". Letztlich wollen Islamisten einen Staat, der sich auf die Lehren des Islam und die Scharia beruft - das ist aber in den meisten arabischen Ländern sowieso der Fall. Selbst in der 2013 modernisierten Verfassung Ägyptens - wo gegen islamistische Gruppen wie die Muslimbrüder mit eiserner Hand vorgegangen wird - gibt es explizit einen Bezug auf die Prinzipien der Scharia. "Islamismus" wird heute oft gleichbedeutend mit "Islamistischem Extremismus" verwendet, man denkt an Al Kaida und IS. Die Huthis kämpfen gegen beide. Sie selbst bezeichnen sich als konservative, aber moderate Mainstream-Muslime und sagen, sie wollten einen zivilen, demokratischen Staat. Wir haben sie als offen und gastfreundlich gegenüber uns Fremden erlebt. Dass ich ein Christ bin, spielte für sie keine Rolle. 

Sehen Sie Hoffnung für das Land? Wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Manche fürchten ein Wiederaufflammen offener Kämpfe in der Hauptstadt Sanaa, aber derzeit ist es relativ ruhig.  Es hängt jetzt davon ab, was die Huthis mit ihrer Macht anfangen. Polizei und Armee arbeiten mit den Huthis zusammen, das garantiert eine gewisse Stabilität und Sicherheit zumindest in Teilen des Landes - die Kämpfe gegen Al Kaida und mit Al Kaida sympathisierenden Stämmen im Süden weiten sich gerade aus.

Der Jemen ist ein schwacher Staat, der eben erst eine de facto-Diktatur abgeschüttelt hat. Er ist schon lange instabil. Wir dürfen  nicht den gleichen Fehler machen wie 2011 und geordnete demokratische Verhältnisse quasi über Nacht erwarten. Ich glaube, dass der Geist von 2011 noch nicht tot ist. Es wird viel diskutiert in Sanaa, auch mit Kritik an den Huthis wird nicht gespart. Es gibt Demonstrationen von Islamisten, die nicht niedergeknüppelt werden. Die meisten sagen frei ihre Meinung, auch in die Kamera. In Ägypten, wo es ja auch einen „Frühling“ gab, ist das ganz anders. Den Jemen zu einem funktionierenden und eher demokratischen Staat zu machen, ist ein politisches Mammutprojekt, das   Jahrzehnte dauern wird. Jetzt wäre schon viel gewonnen, wenn es in Sanaa und im Norden weiterhin weitgehend friedlich bliebe.

Danke an ARD-Korrespondent Volker Schwenck für die ausführlichen Antworten.

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