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Gambia: Flucht um jeden Preis – Dörfer ohne Männer

PlayAmadou will weg aus Gambia
Gambia: Flucht um jeden Preis - Dörfer ohne Männer
Feiern im Dorf
Feiern im Dorf

Es herrscht Aufbruchsstimmung in Gambia. Nach 22 Jahren Diktatur hat das Land eine neue demokratisch gewählte Regierung. Auch hier in dem Dorf Kafuta ist die Freude darüber groß. Zum Feiern haben sich jedoch nur Frauen und Kinder versammelt. Denn in Kafuta gibt es kaum noch Männer. Die sind fast alle weg – auf dem Weg nach Europa.

Einer der Wenigen, die noch hier sind, ist Amadou. Seinen vollen Namen möchte er nicht nennen. Manchmal sitzt er den ganzen Tag mit seinem Vater auf der Veranda. Nutzlos fühle er sich dann, sagt er: "Immer wieder versuche ich eine Arbeit zu finden. Aber es gibt einfach keine Jobs. Jedes Jahr gibt es hunderte Schulabgänger. Und dann? Es gibt einfach viel mehr junge Menschen als Jobs bei uns."

Kleines Familieneinkommen

Amadous Schwestern verkaufen vor ihrem Haus Erdnüsse, Gambias einziges Exportprodukt. Die Familie verdient damit sprichwörtlich nur "Peanuts". Deshalb teilen sie sich das kleine Haus auch mit zwei anderen Familien, sagt Amadou: vier spärliche Zimmer für 15 Personen. So etwas wie einen Kleiderschrank besitzen sie nicht. Alles hat zwar seinen Platz und seine Ordnung, es sei trotzdem schwer, so würdevoll zu leben. Für den 20-jährigen Amadou ist das eine große Last. An manchen Tagen weiß er nicht, wie er eine Mahlzeit organisieren soll, sagt er. Als ältester Sohn ist er dafür zuständig, auch dafür, dass seine jüngeren Geschwister zur Schule gehen, dass seine Mutter nicht mehr so hart arbeiten muss. Nur dann ist er keine Enttäuschung für seine Familie.

Amadous Mutter
Amadous Mutter

Amadous Mutter: "Schauen sie sich doch um. Das ist doch kein Leben. Ich denke, er sollte gehen und uns dann Geld schicken. Wir unterstützen ihn, damit er von hier gehen kann."

Mit dem Segen des Marabous

Der Marabou
Der Marabou

Mit "gehen" meint Amadous Mutter die Flucht nach Europa. Und die ersten Schritte dahin führen durch dieses Hinterzimmer: Hier empfängt der so genannte "Marabou" zukünftige Migranten. Er ist eine Mischung aus Imam und Hexenmeister. Ohne seinen Segen wagt hier niemand die gefährliche Reise durch den "back way" – durch die Hintertür – wie sie die illegale Flucht nennen. Der Marabou gibt Amadou einen Zettel mit Koranversen. Der soll ihn davor bewahren, Grenzbeamten in die Hände zu fallen. Dann noch ein Kräuterwässerchen.

Amadou erklärt: "Wenn Du Dich damit wäschst, schützt Dich das vor Gefahren. Es sorgt dafür, dass Deine Reise bis nach Libyen ohne Probleme verläuft. In Libyen muss ich ihn dann noch mal anrufen. Dann wird er wird mich noch mal segnen, bevor ich das Meer überquere."

Schließlich erstellt der Hexenmeister ein Diagramm. Am Ende steht ein Datum: Amadou soll am 18. Februar seine Reise beginnen.

Hunderte junge Männer hat der Marabou bereits auf den Weg geschickt. Sein Segen muss teuer bezahlt werden. Dieses Telefon zum Beispiel hat ihm einer geschickt, der mittlerweile in Norwegen lebt. Der Marabou ist einer der reichsten Bewohner in Kafuta. Und so blutet ein Dorf nach dem anderen aus.

Das prächtigste Haus

Gemessen an der Zahl der Bevölkerung hat Gambia eine der höchsten Migrationsraten weltweit. Und die, die es nach Europa schaffen, treiben die anderen an. So ist es auch bei Amadou. Ein guter Freund von ihm lebt jetzt in Deutschland und schickt regelmäßig Geld nach Hause. Seine Eltern können dadurch dieses Haus bauen lassen. Es wird einmal acht Zimmer haben – das prächtigste und stabilste Haus im Dorf.

Amadou ist begeistert: "Mein Gott, jedes Mal wenn ich hier vorbeigehe, bin ich aufgeregt und ich denke: das will ich auch! Der ist so alt wie ich. Und wenn er das geschafft hat, dann schaffe ich das auch."

Arbeiten für die nächste Generation

Schüler in der Computerklasse
Schüler in der Computerklasse

Ein Fünftel der Wirtschaft des kleinen Landes basiert auf Zahlungen von Gambiern, die im Ausland leben und Geld nach Hause schicken. In Kafuta versucht die örtliche Schule wenigstens die nächste Generation im Land zu behalten. Die Kinder sollen hier auf das 21. Jahrhundert vorbereitet werden: Sie sollen kreativ sein und selber mal Jobs für sich und für andere schaffen.

Der Lehrer ist kämpferisch: "Wir wollen diese Fluchtbewegung ausmerzen, nicht stoppen, ausmerzen! Deshalb haben wir uns hier in Kafuta gedacht: wie können wir unserer Jugend helfen?"

Für die Kinder ist die Computer-Klasse das Highlight der Woche. Mittlerweile kommen sie sogar aus den Nachbardörfern. Nur ihre Mittel sind eher dürftig: sechs Computer für 350 Kinder. Trotzdem: es ist ein erster Schritt.

Ein Junge hofft: "Ich will nicht weggehen. Ich will in Gambia bleiben und hier arbeiten."

Die Fußballmannschaft ist verschwunden

Saleh
Saleh

Amadou ist nicht mal sein Hobby geblieben. Er hat leidenschaftlich gern Fußball gespielt. Doch nahezu seine ganze Mannschaft ist mittlerweile in Europa oder auf dem Weg dorthin gestorben. Das wäre auch fast Saleh passiert. Er hatte es bis nach Libyen geschafft. Doch als er das Mittelmeer überqueren wollte, wurde sein Boot von Rebellen angegriffen, die es auf das Geld der Flüchtlinge abgesehen hatten. Saleh hatte Glück im Unglück: als er angeschossen wurde, hat ihn die Kugel nur gestreift. Er wäre fast gestorben, erzählt er Amadou. Trotzdem kann er verstehen, dass sein Freund weg will. Saleh erklärt: "Wenn Du fliehst, gibt es zwei Möglichkeiten: Du stirbst oder Du überlebst. Du opferst Dein Leben. Aber wenn er gehen will, soll er gehen. Hier hat er keinen Job, kein Geld, er ist nutzlos. Und bevor er anfängt zu stehlen…"

Amadou scheint fest entschlossen: "Keiner kann mich aufzuhalten. Das ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe, um meiner Familie ein Haus zu bauen, meinen Geschwistern die Schule, die Schuluniform zu finanzieren. All das eben."

"Du opferst Dein Leben", hat Saleh gesagt: "mit 20, weil Du keine Alternative siehst."

Gestern, am 18. Februar, ist Amadou aufgebrochen.

Autorin: Shafagh Laghai, ARD Nairobi

Stand: 20.02.2017 00:22 Uhr

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