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Haiti: Menschengemachte Katastrophe?

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Haiti: Menschengemachte Katastrophe? | Bild: SWR

Wieder ein Hurrikan, wieder Hunderte Tote, wieder die Ernte zerstört, die Wellblechhütten niedergewalzt. Wieder Hunderttausende, die in Notunterkünften dürftig versorgt werden. Es ist als würde sich in Haiti alle paar Jahre die Geschichte wiederholen. Das karibische Land wird regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht.

Aber warum ist Haiti so schutzlos? Warum gelingt es keiner Regierung, nachhaltig das Land aufzubauen? Warum werden die haitianischen Eliten immer reicher, während der Großteil des Volkes bitterarm bleibt? Warum grassieren in dem bettelarmen Land Korruption und Ineffizienz?

Zerstörte Hotelanlage
Zerstörte Hotelanlage in Port Salut. | Bild: SWR

12 Stunden lang hat Matthew sich hier ausgetobt. Als er endlich abzog, lag der Südwesten Haitis in Trümmern. Was der Sturm stehen gelassen hatte, riss die von ihm ausgelöste Sturmflut mit oder die Erdrutsche nach den starken Regenfällen, die solche Wirbelstürme fast immer mitbringen. Port Salut hatte einen schönen Strand und eine kleine Promenade. Eins der Hotels hier gehört Jean Louis. Zehn Bungalows hatte er, direkt am Meer, fünf davon existieren nicht mehr, die anderen sind unbewohnbar. "Hier stand mein schönstes Haus, mit fünf Zimmern. Jetzt liegen noch ein paar Steine davon auf der Erde. Es ist einfach weg, zerstört."

Vielfach keine Hilfe von außen

Während viele seiner Nachbarn den Ort verlassen haben oder tatenlos mit ihrem Schicksal hadern und auf Hilfe von außen warten, hat er sofort mit dem Wiederaufbau begonnen. Jean Louis hat keine Wahl, weil er den Kredit für sein Hotel abbezahlen muss. Wenn er nicht in sechs Monaten wiedereröffnen kann, ist er pleite. "Ich hoffe ich kann das alles stemmen, ohne Gottes Hilfe geht das nicht. Er wird entscheiden, ob es danach besser oder schlechter sein wird." Jean Louis gehört zu einer ganz kleinen Mittelschicht Haitis, deshalb muss er jetzt nach dem Sturm wenigstens nicht hungern, so wie viele andere.

Haiti ist bitterarm und hier auf dem Land leben die meisten in wackligen Holzhütten. Die Menschen essen jeden Tag Reis und Bananen und trinken Wasser aus Flüssen, in denen ihre Fäkalien schwimmen. Jetzt leiden sie Hunger, weil der Sturm die Ernte vernichtet hat. Ohne Hilfe von außen, können die Menschen es nicht schaffen. Aber an ganz vielen Orten ist die Hilfe bis heute nicht angekommen.

Leben unter freiem Himmel

Haitianer begutachten Sturmschäden
Kein Haus in Roche Jaboin ist verschont geblieben. | Bild: SWR

Auch nicht in Roche Jaboin. Das Dorf liegt eine knappe Autostunde von der nächsten richtigen Straße entfernt. Wir sind die ersten Fremden, die nach dem Hurrikan hier her kommen. Von Hilfe keine Spur, sagt Gilbert Conseillant der Fischer. Tausend Menschen leben hier, jetzt unter freiem Himmel, Matthew hat keines ihrer Häuser verschont. Es sind 40 Grad und es gibt keinen Schatten, weil die meisten Bäume auch umgefallen sind. Das Wasser im Brunnen ist salzig und die Lebensmittel sind aufgebraucht. Die Katastrophennacht hat sich für immer in ihren Köpfen eingebrannt. "Hier an der Kirche sieht man es am besten. Das Meer stieg immer weiter bis zu den Hügeln dort hinten. Als wir begriffen, dass unser Dorf überspült wird, sind wir alle dorthin gerannt und haben die Nacht da oben verbracht."

Als sie am Morgen zurückkamen, gab es ihr Dorf nicht mehr. Am Fundament der Kirche ist zu sehen, dass die Sturmflut eineinhalb Meter Boden abgetragen hat. Sand war hier an der Kirche vorher keiner und da wo der Sandstrand war, ist jetzt nackter Fels. Drei Dorfbewohner starben, darunter auch die Mutter des Fischers. Wenn nicht schnell etwas passiert, sagt er, dann werden schon bald die nächsten sterben.

Manche verdienen am Leid der Haitianer

Das Leiden zieht sich nicht erst seit Erdbeben und Hurrikan durch Haitis Geschichte. Fast die gesamte Bevölkerung besteht aus Nachfahren von Sklaven. Deren Unterdrückung endete auch nicht nach der Befreiung vor zweihundert Jahren. Denn es folgten Diktaturen und die Bevormundung durch andere Länder – Frankreich, Spanien, die Vereinigten Staaten von Amerika. Heute gilt Haitis Regierung, die sich diese Woche am Nationalfeiertag in der Öffentlichkeit zeigte, als eine der korruptesten weltweit. Und hunderte von internationalen Hilfsorganisationen helfen dem Land zwar in der Not, manche von ihnen verdienen aber auch viel Geld an dem Leid der Haitianer. "Wer hilft, hat ja erst mal einen gutem Vorsatz", meint Daniel Rouzier, Vizepräsident von 'Food for the poor.' "Aber die Leute oder die Länder die helfen, nehmen sich nicht die Zeit herauszufinden, was der wirkliche Bedarf ist. Schlimmer noch, es gibt mittlerweile die Unart sich an der Armut der anderen zu bereichern. Das beruht auf einer Verschwörung mancher Helfer mit den Mächtigen dieses Landes."

Zerstörte Häuser auf Haiti
12 Stunden hat Hurrikan "Matthew" gewütet.  | Bild: SWR

Für die vom Hurrikan betroffenen Menschen hat das verheerende Folgen. Denn wegen solcher Geschäfte mit der Not ist die Spendenbereitschaft für Haiti zurückgegangen. Von Profit auf Kosten seines Volkes will der Präsident nichts hören. "Wer glauben Sie schafft Arbeit?", fragt der Übergangspräsident Haitis Jocelerme Privert. "Haitis Elite schafft Arbeit! Und warum sollte ein armes Volk im Interesse der Elite sein? Wer soll die Produkte kaufen, die die Reichen produzieren? Die Elite will Geld verdienen und das kann sie besser, wenn die Armen etwas Geld haben. Sie auszunutzen wäre kontraproduktiv."

Es bleibt nur die Hoffnung

In Wahrheit gibt es aber kaum Arbeit in Haiti und wenn ist sie schlecht bezahlt. Ginge es der Unterschicht besser, könnte auch sie stabilere Häuser bauen, wären Naturkatastrophen weniger ausgeliefert und nicht so sehr auf fremde Hilfe angewiesen. Aber jetzt brauchen die Menschen Hilfe. Lebensmittel als Sofortmaßnahme, aber so schnell wie möglich Hilfe zur Selbsthilfe. Saatgut, damit sie sich wieder selbst ernähren können, keine Zelte sondern Baustoff, um die Häuser wieder aufzubauen oder Geld, um neue Boote zum Fischen zu kaufen.

Einige aus dem Dorf von Gilbert Consellaint wollen nicht hierbleiben. Glauben, sie schaffen es nicht, es wieder aufzubauen oder haben Angst vor dem Meer. Der Fischer selbst glaubt, das Leben wollte ihn herausfordern, weglaufen kommt für ihn nicht in Frage. "Das Meer kann mir keine Angst machen, dafür hat es mir schon viel zu viel gegeben. Ich brauche nur ein neues Boot, damit ich meine Familie wieder ernähren kann. Ich weiß, dass es lange dauern wird, denn diesmal war es wirklich schlimm." Ihm und einer Million anderen Haitianern ist nur ihre Hoffnung geblieben. Ohne Haus, ohne Arbeit ohne Geld und ohne Hilfe haben sie nichts anderes, worauf sie ihre Zukunftspläne bauen können.

Ein Film von Peter Sonnenberg (ARD-Studio Mexiko). 

Stand: 25.10.2016 14:57 Uhr

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