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Indien – Stoßtrupp der radikalen Hindus

PlayMänner in Uniform und mit Stöcken marschieren
Indien – Stoßtrupp der radikalen Hindus | Bild: imago

Ihr Auftritt ist Furcht einflößend. Hunderte Männer in Reih und Glied. Ihre Uniform: weißes Hemd und braune Hose. Bewaffnet mit einem Bambusstock. Und sie fühlen sich als die wahren Inder. Sie verbreiten Hass auf alle Nicht-Hindus. Der RSS ist die größte Freiwilligenorganisation der Welt und ihr erklärtes Ziel ist es, Indien zu einem reinen Hindu-Staat zu machen.

Die größte Freiwilligenorganisation der Welt

Kurz nach Sonnenaufgang marschieren sie in ganz Indien, jedes Jahr am Gründungstag des RSS. Vier Millionen Mitglieder, ausschließlich Männer. Die massive Präsenz auf Indiens Straßen – eine Machtdemonstration. Stolz nennt sich der RSS die "größte Freiwilligenorganisation der Welt". Der Zweck: Paramilitärische Übungen und stramm stehen für das Vaterland. "Der RSS will der Gesellschaft Disziplin einimpfen", erklärt der Chef-Ideologe des RSS J Nandakumar. "Für diese Disziplin braucht es körperliche Ertüchtigung. Und auch Marschieren. All das ist notwendig."

RSS-MItglieder marschieren vor einer Tribüne
Kritiker sehen eine Nähe des RSS zum Faschismus  | Bild: SWR

Ewige Treue der göttlichen Hindu-Nation", schwören sie der safranfarbenen Hindu-Flagge. Denn es geht dem RSS nicht nur um Fitness. Er ist der Stoßtrupp der regierenden Hindu-Nationalisten. Premierminister Modi war lange Zeit RSS-Funktionär. Für die Organisation ist der Hinduismus viel mehr als eine Religion unter anderen. Sie sehen ihn als übergeordnete Staatsideologie, der alle Inder folgen müssten. "Für den RSS sind alle Inder Hindus", so der Chef-Ideologe des RSS. "Unsere Organisation sieht das so: Jeder einzelne, der hier lebt und der Indien als seine Heimat betrachtet, sollte seine Wurzeln anerkennen. Und das bedeutet eben, dass alle hier Hindus sind. Egal, welche andere Religion sie noch angehören. Egal, ob sie Thomas, Peter oder Mohamed heißen." 

Andere Religionen sollen sich unterordnen

Andere Religionen sollten sich unterordnen. Vor allem die Muslime. Dabei haben auch sie seit Jahrhunderten in Indien ihre Spuren hinterlassen, wie das weltberühmte Taj Mahal, um das seit einigen Jahren eine absurde Debatte geführt wird. Hardliner vom RSS würden das Grabmal gerne abreißen und die jahrhundertelange muslimische Herrschaft ganz ungeschehen machen. "Genauso wie die Deutschen die Berliner Mauer eingerissen haben, muss dieses Gebäude zurückverwandelt werden, in einen Hindutempel", fordert Surendra Jain von der RSS Auslandsorganisation. "Erst dann kann es ein Symbol der Liebe sein."

Videosequenz: Mann wird mit Stock verprügelt
Die Gewalt gegen Nicht-Hindus nimmt zu  | Bild: SWR

Hindu-Schlägertrupps verprügeln Muslime. Seitdem die Hindu-Fundamentalisten 2014 an die Macht kamen, nehmen auch solche Vorfälle zu. Mehr als 40 Menschen wurden gelyncht. Weil sie angeblich Kühe schlachteten – für Hindus ein Frevel. Öffentlich distanziert sich der RSS von solchen Taten. Doch liberale Stimmen wie der Oppositionspolitiker Shashi Tharoor werfen der Organisation vor, nicht nur wegen der Uniformen an faschistische Schlägertrupps zu erinnern. "Der Hindu-Nationalismus stammt aus genau derselben Zeit wie der Faschismus und die Nazibewegung – den 1920er Jahren", erklärt der Parlamentsabgeordnete der Kongresspartei Shashi Tharoor. "Sie gehört zur selben Gruppe der völkischen und rassistischen Ideologien. Der Ideologe, der den Begriff Hindu-Nationalismus prägte, bezeichnete Hindus oft als Rasse. Das ist Quatsch. Hindus sind keine Rasse, Hindu sind eine Religionsgruppe. Aber diese Art zu denken aus den 1920er Jahren durchdringt bis heute das Gedankengut des RSS."

Hindu-Ideologie schon in der Schule

Antreten zum patriotischen Gesang. Einer der RSS Schwerpunkte ist Jugendarbeit. In einer von 30.000 Schulen, die die Organisation in ganz Indien unterhält. Neben dem normalen Lehrstoff sollen die Schüler hier vor allem lernen, was die Hindu-Nationalisten in Indien als Leitkultur ansehen. "Wir müssen unsere Kultur bewahren", fordert Brijumohan Mandal, der Schulbeauftragter des RSS. "Die christliche Kultur zum Beispiel kommt aus dem Ausland. Und deshalb müssen wir den Kindern unsere Werte vermitteln. Sie sollen unsere Helden verehren und die kulturellen Werte dieses Landes respektieren." Zu diesen Werten gehört auch, dass nur die Jungs zum Fahnenappell antreten.

Schüler in Schule
Patriotischer Gesang in den Schulen, die der RSS unterhält  | Bild: SWR

Der 15jährige Ankit Takur geht in die neunte Klasse. Der Eid der ewigen Treue für die heilige Hindu-Nation geht ihm fließend über die Lippen. Als Internatsschüler wächst er im geschlossenen Weltbild des RSS auf. "Für den RSS zählt nicht das Individuum. Denn das kann sich verändern. Deshalb grüßen wir die Hindu-Fahne. Die behält ihre Farbe und verrät uns nicht." Wie die meisten seiner Mitschüler gehört Ankit zu den "Tribals", Stammesmitglieder der Ureinwohner Indiens. Seine Eltern können nicht lesen oder schreiben. Ankit ist froh, dass der RSS ihm eine Ausbildung und Zukunft bietet. "Keiner hier im Internat hat die Garantie, einen Regierungsjob zu bekommen. Aber wenn das nicht klappt, werden die meisten bestimmt Funktionäre des RSS. Wenn es andere Jobs gäbe, würde das vielleicht anders aussehen."

Männer des RSS mit Stöcken
Auch Premierminister Modi war lange Zeit RSS-Funktionär | Bild: SWR

Zurück bei der Geburtstagsparade des RSS in Nagpur. Der Vorsitzende lobt seinen alten Weggefährten Premierminister Modi dafür, dass der die RSS Ideologie in Regierungspolitik umsetze. Etwa die Abschaffung von Sonderrechten für Muslime in Kaschmir. Der RSS sieht Indien auf einem guten Weg in Richtung Hindustan – einem hinduistischen Staat. "Es schmerzt, zu sehen, dass der Hinduismus auf das Weltbild von britischen Hooligans reduziert wird", meint Shashi Tharoor. "Denn das ist es ja: Mein Team muss gewinnen. Und ich hau dir auf den Kopf, wenn du ein anderes Team unterstützt. Das ist es, was der RSS und sein Hindu-Nationalisten wollen. Das ist ein Verrat an der Toleranz des echten Hinduismus." Doch der RSS hat derzeit Zulauf. Ein "neues Indien" wollen sie schaffen mit einer überlegenen Hindu-Mehrheit. Der RSS ist der Stoßtrupp dieser Mehrheit. Bereit, die Minderheit einzuschüchtern und viele Inder befürchten, dass er auch bereit wäre loszuschlagen, wenn der Befehl käme.

Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

Damit beschäftigt sich auch der Weltspiegel-Podcast: "Hindu-Nationalisten auf dem Vormarsch" in der ARD Audiothek, bei Spotify und iTunes.

Stand: 15.12.2019 21:19 Uhr

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