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Indien: Wettlauf um Corona-Impfstoff

PlayGlasröhrchen mit einem sich in der Entwicklung befindlichen Impfstoffes gegen COVID-19
Indien: Wettlauf um Corona-Impfstoff | Bild: dpa / picture-alliance

Die Zeit drängt. Bis Mitte August will Indien den ersten eigenen Corona-Impfstoff auf den Markt bringen. Ein Prestige-Projekt der Regierung – denn Präsident Mohdi will gute Nachrichten verkünden zum nationalen Feiertag, dem Unabhängigkeitstag am 15. August. Dringend nötig, angesichts exponentiell steigender Corona-Zahlen und einem kolossal überforderten Gesundheitssystem. Seit gerade einmal 5 Wochen wird der Impfstoff an Menschen getestet. Der Student Neveet gehört zu derzeit 375 Probanden, die ihn injiziert bekommen. "Ich will meinem Land dienen" sagt er. "Das ist meine Pflicht als Bürger".

Doch Ärzte und Wissenschaftler warnen: Das Tempo könne zu Lasten der Probanden gehen. Indien hat die Genehmigungsfrist für Impfstofftests an Menschen radikal verkürzt. Nach erfolgreichen Tierversuchen prüften die Behörden bisher zwei bis drei Monate, ehe sie die klinischen Studien genehmigten. Jetzt entscheiden sie in 2 bis drei Tagen. Den Freiwilligen Navneet haben die Ärzte beruhigt: "Sie haben mir versichert, dass die Tierversuche abgeschlossen sind und wenn irgendetwas mit mir passiert, werden sie auf mich aufpassen."

Risiko für Testpersonen?

Mehrmals am Tag meldet sich die Klinik bei Navneet. Eine Nachricht vom Krankenhaus. Er muss berichten, wie es ihm geht. Hat er Husten, Fieber oder andere Corona-Symptome. An Navneet wird Indiens erster eigener Corona-Impfstoff getestet: Covaxin. Indien will das weltweite Rennen um den Impfstoff gegen Covid-19 gewinnen. Ein Prestige-Projekt der Regierung – doch wie hoch ist das Risiko für die Probanden wie Navneet? "Wenn wir es nicht an Menschen ausprobieren, können wir es nicht auf den Markt bringen. Ich habe von vielen gehört, das alles ist ein Risiko. Die sehen das so, aber für mich ist es eine Chance etwas für mein Land zu tun."

Junger Mann schaut auf sein Handy
Navneet ist freiwilliger Teilnehmer der Studie für einen Corona-Impfstoff | Bild: SWR

Viel Geld bekommt er für die Impfstofftests nicht, umgerechnet sieben Euro. Der Student hat sich freiwillig gemeldet. Seine Mutter hat er anfangs nicht eingeweiht. Sie hätte es ihm vielleicht verboten. Jetzt unterstützt sie ihren Sohn. "Sie haben mir versichert, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Die Tierversuche seien problemlos gewesen, zu 100 Prozent sicher. Und sie wollen auf mich aufpassen, falls nur die geringste Kleinigkeit passiert."

Verkürztes Genehmigungsverfahren

Universitätsklinik Rohtak, 70 Kilometer von Neu-Delhi. Die staatliche Klinik ist eine von zwölf, die die Impfstofftests durchführen müssen. Im Eiltempo. Innerhalb von nur fünf Wochen sollten die Ärzte die klinischen Studien abschließen. Die Anweisung kam von einer Behörde des Gesundheitsministeriums. In diesem internen Schreiben, das uns vorliegt, heißt es: "Es ist geplant die Impfung für den allgemeinen Gebrauch spätestens bis 15. August zur Verfügung zu stellen." Und: "Nichtteilnahme wird geahndet". Indiens Premierminister macht Indiens Anspruch ganz klar: "Ich bin mir sicher", sagt Narendran Modi, "dass Indien eine wichtige Rolle bei der Impfstoff-Entwicklung und -Produktion spielen wird, wenn das Serum vorliegt."

Savita Verma, Leiterin Impfstoffstudie zu Covaxin
Savita Verma leitet die Impfstoffstudie zu Covaxin | Bild: SWR

Im Universitätsklinikum Rohtak leitet Savita Verma die Impfstofftests. Indien brauche dringend ein Serum, so die Ärztin. Aber einen sicheren Impfstoff innerhalb von nur fünf Wochen auf den Markt zu bringen sei unmöglich. Filmen dürfen wir die Tests nicht. Sie zeigt uns den Raum, in dem die Freiwilligen aufgeklärt werden. "Wir informieren sie hier über ihre Rechte, falls irgendetwas passieren sollte – während oder auch nach den Tests." Dann führt sie uns in den Raum, wo Covaxin gespritzt wird. Mehr will sie uns nicht zeigen. Auf die Frage, wie hoch das gesundheitliche Risiko für die aktuell 375 Freiwilligen sei, sagt sie: Über Details dürfe sie nicht sprechen. Nur so viel: Alles sei sicher. Den Teilnehmern werde ein abgeschwächter Corona-Virus injiziert. "Wir bekommen sehr gute Rückmeldungen von den Freiwilligen. Sie sind sehr motiviert. Wir sehen nur sehr wenige Abwehrreaktionen bei ihnen und hatten keine schwerwiegenden Komplikationen."

Um sich beim Impfstoff-Wettrennen in Position zu bringen, hat Indien die Genehmigungsverfahren für Impfstofftests verkürzt. Es waren zwei bis drei Monate, jetzt sind es zwei bis drei Tage. Indiens Wissenschaftsgemeinde übt heftige Kritik an dem Plan, das Serum im Eilverfahren auf den Markt zu bringen. "Aus ethischer Perspektive sind viele von uns beunruhigt", sagt Anant Bhan vom Zentrum für Ethik der Yenepoya-Universität in Mangaluru. "Im globalen Rennen um den Impfstoff, an dem sich Indien beteiligt, sollten wir keine Abkürzungen nehmen, wir brauchen einen angemessenen Zeitraum, um den Impfstoff zu prüfen."

Steigende Infektionszahlen

Sozialarbeiterin befragt Hausbewohner
Sozialarbeiterinnen sollen herausfinden, wer im Ort infiziert ist | Bild: SWR

Aber das Land braucht ein Gegenmittel. Die Infektionszahlen steigen rasant. Das kleine Ärztehaus in der Nähe von Rohtak hat in dieser Woche 22 neue Infektionen festgestellt. Landesweit gibt es über zwei Millionen Fälle. Mit einem Impfstoff will Indien zuerst medizinisches Personal und Sozialarbeiterinnen wie diese Frauen schützen. "Sind alle im Haus in Ordnung? Hat jemand Fieber oder Husten, eine Erkältung?" Sie sollen herausfinden, wer im Ort infiziert ist. Sie versuchen die Dorfbewohner zu beruhigen und sie zu beraten. "Wir sagen ihnen, dass sie auf Abstand achten sollen und das Haus sauber halten", erklärt die Sozialarbeiterin Santhosh Hooda. "Sie sollen Desinfektionsmittel nutzen und Masken tragen." Doch die sind zu teuer für die meisten Dorfbewohner. Die Familien haben dringendere Sorgen. "Fünf Familienmitglieder haben seit drei Monaten keine Arbeit mehr", beklagt die Landarbeiterin Preeti Satweer. Armut und Hunger breiten sich aus. Und die Angst vor der Zukunft.

Nach den Großstädten werden auch Indiens ländliche Gebiete mit Wucht von der Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen getroffen. Genau deshalb macht Navneet bei der Impf-Studie mit. Und auch seinen Vater hat er überzeugt. Auch er ist Freiwilliger. "Indien soll den weltweit ersten Impfstoff haben. Das ist das einzige, was wir wollen. Dafür sind wir zu allem bereit." Die Klinik ruft an, vereinbart den nächsten Termin mit Navneet. Für ihn ist klar, es muss gut gehen – für ihn und für sein Land.

Autorin: Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Stand: 09.08.2020 22:09 Uhr

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