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Indonesien: Mutige Kämpferin gegen Kinderbräute

PlayZwei Frauen auf einem Moped
Indonesien: Mutige Kämpferin gegen Kinderbräute | Bild: NDR

Kekait Daye, das Dorf der Witwen, liegt ganz versteckt am Hang an der Westküste Lomboks. Denn hier sind die Frauen unter sich. Frauen, die als Kinder verheiratet wurden, später dann aber vor ihren Männer geflohen sind. Witwen im eigentlichen Sinne sind sie also nicht, aber sie fühlen sich so.

Mit elf verheiratet

Ibu Raihan
Ibu Raihan wurde mit 13 schwanger. | Bild: NDR

Ibu Raihan, die im Dorf den Reis verkauft, musste mit elf heiraten. Ihr Vater zwang sie dazu, nachdem er sie mit einem Jungen am Strand sah, den sie kaum kannte. Sie ist eine der Mutigen im Dorf, denn sie spricht über das, was ihr passiert ist. Über das Elend, als wehrloses Kind ungewollt in eine neue Familie zu geraten, und mit nur 13 Mutter zu werden. "Vor allem die Schwiegermutter hat mich gequält. Ich durfte nicht duschen, ich durfte nicht essen. Was ich auch tat, es war falsch. Ich wollte mich umbringen, davonlaufen. Aber dann wurde ich mit 13 schwanger. Und da ging das nicht mehr. Ich blieb also. Für das Baby."

Sie erduldet ihr Schicksal, obwohl sie sich als Sklavin fühlt. Als ihre Schwiegermutter stirbt, beschließt Ibu Raihan, das Schweigen zu brechen. Mit ihrer Freundin Ulla zieht sie los, zunächst im Umkreis ihres Dorfes. Dann aber hört sie von einem Regierungsprogramm. Und ihr privates Engagement wird ab jetzt ein öffentliches. Für ein Taschengeld zieht sie nun durch die ganze Region, warnt vor der Kinderehe, wo immer sie hinkommt. Die Scheu, öffentlich über ihr eigenes Schicksal zu sprechen, hat sie überwunden: “Seht mich an. Ich bin ein schlechtes Beispiel. Wie gern hätte ich einen bunten Schulranzen getragen, etwas gelernt, um finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. All das aber werde ich nie mehr haben, und das nur, weil ich so dumm war, mich zu früh verheiraten zu lassen, mein eigenes Leben nicht gelebt habe."

Botschaft auch an die Jungen

Und dann zeigt sie mit Ullas Unterstützung ihren Film, der mit Amateuren gedreht wurde. Ihre Geschichte, wenn man so will, und gleichzeitig die so vieler Mädchen. Die des jahrelangen Erduldens von Wehrlosigkeit und Erniedrigung. Nur, dass Ibu Raihans Film ein Happy End hat – eine Botschaft auch für die Jungen im Publikum. Die Mutter erlöst ihre Tochter nämlich am Ende aus ihrem Elend und geißelt ihren Mann öffentlich als das, was er ist: Als feige und gewalttätig.

Die Vorführung ist ein voller Erfolg, Auch bei den Jungs, was beiden aus einem einfachen Grund besonders wichtig sind. "Weil selbst die kleinen Jungs noch immer viel mehr zu sagen haben, als die Mädchen hier", sagt Ulla. Und Ibu Raihan ergänzt: "Und gerade ihnen müssen wir sehr klar sagen, was wir nicht mehr wollen. Damit sich was ändert."

Schule verhilft Mädchen zur Ausbildung

Dewi Khalifah
Direktorin Dewi Khalifah versucht Mütter davon abzuhalten, ihre Töchter zu Kinderbräuten zu machen. | Bild: NDR

Als Kämpferinnen für die Rechte der Mädchen auf Lombok, so sehen sich die beiden jungen Frauen selbst. Und sie sind längst nicht mehr die einzigen: Auf die Nachbarinsel Sumenep gibt es ein in der Region bislang einzigartiges Projekt: Eine Schule, in der Mädchen, die als Kinder verheiratet wurden, umsonst eine Ausbildung bekommen. Die Idee dazu hatte Direktorin Dewi Khalifah, die ihnen so einen besseren Start ins Leben ermöglichen will. Mädchen, die ihr viel verdanken. Denn ihre eigenen Familien sind zu arm, um sie aus den viel zu früh geschlossenen Ehen wieder herauszuholen. Hier aber lernen sie ein neues Selbstbewusstsein, den Mut, für sich eine Zukunft zu erfinden. Darüber hinaus versucht die Direktorin da, wo es noch nicht zu spät ist, vor allem die Mütter davon abzuhalten, ihre Töchter zu Kinderbräuten zu machen.

Für Ibu Raihan wäre eine solche Schule die Rettung gewesen, so ein Projekt würde auch auf ihrer Insel gebraucht, sagt sie. Aber schon der Austausch mit den anderen Mädchen ist ein großer Schritt nach vorn, denn in weiten Teilen Indonesiens ist das Thema noch immer ein Tabu. "Das hier macht mich traurig und glücklich zugleich. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen, und noch einmal von vorne anfangen. Aber es ist schön, dass es jetzt so etwas gibt", sagt Ibu Raihan.

Dass der Islam den Frauen dabei im Weg stehe, hält Direktorin Dewi Khalifah übrigens für Unsinn: "Wo steht denn im Koran, dass wir Frauen nicht Unternehmerin sein dürfen? Mohammeds Frau war doch selbst eine Businessfrau." Unabhängigkeit dürfe für die Frauen Indonesiens nicht mehr länger ein Fremdwort sein. Denn nur mit ihrer Kraft könne das Land sich wirklich weiterentwickeln.

ARD Studio Singapur, Autorin: Annette Dittert

Stand: 23.09.2018 20:23 Uhr

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