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Indonesien: Die wilden Reiter von Sumba

Indonesien: Die wilden Reiter von Sumba

Eine Insel wie ein Wunder. Die Natur: Wild und ungezähmt. Und so auch die Menschen auf Sumba. Die meisten sind Christen. Aber viele glauben bis heute an Feuervögel und Krokodilmenschen und an Marapu, den Geist der Vorfahren. Archaisch ist das Denken und archaisch sind manche Sitten. Etwa das Pasola-Fest. Einmal im Jahr, wenn der heilige Nyale-Wurm an den Küsten der Insel auftaucht, findet das traditionelle Reitertreffen statt.

Pasola-Kämpfer zweier Clans gehen aufeinander los, schleudern hoch zu Ross dem Gegner ihre Speere entgegen. Nur wenn Blut fließt, so ist der Glaube, wird der Boden fruchtbar und die kommende Ernte reich werden. Nicht selten endet das Fest in purer Gewalt und Chaos. Und doch sagen die Menschen danach: Wir gehen als Freunde auseinander. Bis zum nächsten Pasola.

Eine Reportage von Philipp Abresch (ARD-Studio Singapur).

Speere fliegen durch die Luft. Fäuste schwingen durch die Nacht. Es gibt nur eine Regel: Blut muss fließen. Beim Pasola – dem Erntefest. Am Strand von Wanokaka haben sich hunderte junge Männer versammelt. Zum Faustkampf.  Auch Dedi ist, wie jedes Jahr, dabei. Das Kräftemessen ist ein uraltes Ritual - am Vorabend der großen Reiterschlacht. "Ich kann nicht anders", sagt der Pasola-Reiter Hona Dedi. "Ich muss kämpfen. Alle meine Freunde sind auch mit dabei. Also kämpfe ich auch."

Männer nachts am Strand
Das Kräftemessen ist ein uraltes Ritual – am Vorabend der großen Reiterschlacht.

Auf einem Hügel haben sich die Ratu versammelt, die Schamanen. Gegen Mitternacht, als der Mond über die Klippen guckt, haben die alten Männer das Signal geben: zum Kampf mit den Fäusten. Blut soll fließen, ein menschliches Opfer – für eine reiche Ernte. "Je mehr Blut, umso fruchtbarer der Boden. Umso besser die Ernte. Wenn viel Blut fließt", sagt der Schamane Bapak Rato Woraledda, "dann haben alle zu essen."

Die Kämpfer haben ihre Hände mit Grass umwickelt. Manche verstecken Metall unter den Bandagen. Dann fließt noch mehr Blut. So einfach, so brutal die Sitten. Um zwei Uhr nachts kocht das Blut über –  am Strand von Sumba. Aus einem alten Polizei-Karabiner fällt ein Warnschuss. "Das wird ein bisschen brutal jetzt" sagt der Hona Dedi. "Weil alle gegen alle kämpfen. Da muss jemand dazwischen gehen."

 Der heilige Wurm gibt das Zeichen

Mann am Meer im Wasser.
Im seichten Wasser suchen die Menschen auf Sumba nach dem Nyale-Wurm. Er gilt als heilig.

Im Morgengrauen branden riesige Wellen an die Strände Sumbas. Im seichten Wasser suchen Männer, Frauen, Kinder nach dem Nyale Wurm. Er gilt als heilig. Einmal im Jahr strandet der Wurm an den Küsten der Insel. Ein Zeichen aus der Ahnenwelt, glauben die Menschen. "Immer wenn der Wurm hier auftaucht", sagt Hona Dedi, "ist die Zeit gekommen für das Pasola, das Reiterfest. Und alle im Dorf machen sich bereit."

Die Natur hätte es sich schöner nicht ausdenken können: Sumba – eine Flugstunde von Bali entfernt, im Osten Indonesiens. Die meisten sind einfache Bauern, Reis, Mais, Zuckerrohr, etwas Viehzucht. Eine Insel – wie von der Welt vergessen: wild und ungezähmt. Unter den Bambusdächern herrschen Sitten wie vor hunderten von Jahren. Die Menschen auf Sumba sind Christen. Aber manche hier glauben bis heute an Feuervögel und Krokodils-Menschen. Vor allem an Marapu – den Geist der Vorfahren. Auch ein Huhn muss dran glauben. Auf seine Art. Vor jedem Pasola-Kampf – so will es das Stammesrecht – opfert die Familie ein Tier. Einen Büffel, ein Schwein, ein Huhn. "Alles steht im Blut geschrieben", sagt der Schamane Rehi Pati. "Diesmal stehen die Zeichen gut. Marapu wird uns beschützen."

Es endet immer in Chaos und Gewalt  

Dorfbewohner
Die Familien bitten um Beistand für den Kampf.

Von überall her kommen die stolzen Pasola-Reiter. Im Dorfkral bitten die Familien um Beistand für den Kampf. Die Schiedsrichter, hoch zu Pferd. Man geht mit der Zeit: die orangen Westen sind gesponsert von einer Bank. Tausende Menschen sind auf dem Weg zum Pasola-Feld. Schon morgens früh ist es brennend heiß. Stickig und schwül. Eine Spezialeinheit der Polizei hat sich in Stellung gebracht. Noch als Zuschauer. Dann beginnt der Kampf. Die Reiter beider Clans preschen aufeinander zu. Im richtigen Moment schleudern sie dem Gegner ihren Speer entgegen. Ein gefährliches Spiel, voller Athletik. Früher hatten die Speere Spitzen aus Metall. Das Schlachtfeld muss rot gewesen sein vor Blut. Doch auch ein stumpfer Speer kann tödlich sein.

Reiter mit Speer auf Pferd.
Gleich beginnt das Spektakel.

"Mein Pferd macht Probleme", klagt Hona Dedi. "Es rennt nicht schnell genug. Dann kam der Speer geflogen. Er hat mich unten am Fuß erwischt." Jedes Pasola endet in Aufruhr, Chaos und Gewalt. Auch diesmal laufen die Gemüter heiß. Die Schiedsrichter werden umringt.  Es fliegen Steine, Speere, schließlich Tränengas-Granaten. Die Stunde der Spezialeinheit. Der Polizei-Chef ist ein Zugereister aus Bali und… wundert sich. "Das ist ja wohl deren Kultur hier", sagt der Polizist. "Aber als dann alle aufeinander losgegangen sind. Da wurde es Zeit fürs Tränengas." Speere, Gewehre, Tränengas – was für ein Erlebnis. Doch egal, was beim Pasola passiert: Alle hier, so heißt es, gehen als Freunde. Frieden soll herrschen auf Sumba bis zum nächsten Pasola

Stand: 21.05.2017 21:05 Uhr

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