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Irak: Zehn Jahre nach dem Völkermord an den Jesiden

PlayMenschen in einer hügeligen Wüste auf einer Plane
Irak: Zehn Jahre nach dem Völkermord an den Jesiden | Bild: picture alliance / AP Photo | Khalid Mohammed

Rückkehr nach Kodscho, ihr Heimatdorf: Kachi Awso und sein Freund Dilshad Qassim haben überlebt, was eigentlich nicht zu überleben war. An einem Sommertag vor zehn Jahren, bei glühender Hitze im Getreidefeld: Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates schleppen Awso, seine Brüder, Cousins, Freunde und Nachbarn hierhin. Sie versprechen sie freizulassen – eine Lüge: "Dann haben sie angefangen zu feuern, unentwegt haben sie auf uns geschossen. Die IS-Kämpfer sind kurz gegangen, um die nächste Gruppe holen, da habe ich gemerkt: ich bin unversehrt. Ich bin leise hinter dem Hügel dort abgehauen."
Awso überlebt, weil ihn keine Kugel trifft. Ihm gelingt die Flucht über das Shingal-Gebirge.

Über 600 Ermordete

Der Friedhof von Kodscho erinnert an all jene, die es nicht geschafft haben. Der IS ermordet hier mehr als 600 Menschen. Sie sind Jesiden, eine Minderheit, mit eigener Religion, mit eigener ethnischer Identität. Für den IS unwürdige Andersdenkende.
Die Dschihadisten des IS: vor zehn Jahren erobern sie große Gebiete in Syrien und Irak. Radikale Islamisten, berüchtigt für ihre brutalen Morde an Andersgläubigen: Jesiden, Christen, schiitische Muslime. In der Nuri-Moschee in Mossul ruft IS-Anführer Abu Bakr Al-Bagdadi 2014 ein Kalifat aus. Erst 2017, bekämpft von internationalen Truppen, verliert der IS im Irak die Kontrolle, agiert fortan aus dem Untergrund.
Statt der Flagge des IS, wehen heute die jesidische und die irakische Flagge. Das Leben ist zurück. Jesiden können ihren religiösen Tempel besuchen, ihren Glauben wieder ausleben.

Immer mehr von ihnen ziehen zurück in die größte Stadt der Region, einige freiwillig, andere, weil sie müssen. Zurück in Sindschar ist auch Rosa Amin: sie ist 21, ihre Eltern sind bis heute vermisst. Ein Bekannter, Shihab, will ihr helfen bei der Wohnungssuche. Sie hat Druck, denn das jesidische Camp, in dem Amin aktuell noch lebt, soll im Sommer geschlossen werden. Nun braucht sie dringend eine Wohnung für sich und ihre Geschwister.
An Sindschar hat sie üble Erinnerungen. Wie tausende jesidische Mädchen und Frauen wurde auch Amin vom IS als Sklavin gehalten, missbraucht, vergewaltigt. Sie wirkt traumatisiert, kann nur schwer über das Erlebte sprechen.

Fehlendes Vertrauen

Für Sicherheit sorgen sollen irakische Soldaten. Ausgerechnet sie, die 2014 vor dem IS kapituliert hatten und die Bevölkerung ihrem Schicksal überließen. Das Vertrauen in die Armee ist erschüttert, aber auch untereinander misstraut sich die Bevölkerung. Christen, Jesiden und andere Minderheiten haben nicht vergessen, dass ihre sunnitisch-muslimischen Nachbarn sie einst an den IS verraten haben.
Von Mossul bis Sinjar: die irakische Armee versucht Sicherheit auszustrahlen. Rosa Amin möchte dran glauben, die Zeit als Sklavin des IS hinter sich lassen. Sie freut sich eine Jugendfreundin wiedergetroffen zu haben, hofft auf Anschluss und Normalität.
Andere wollen raus aus dem Nordirak, halten es psychisch kaum noch aus.
Awso vermisst seine Frau und die beiden Töchter: seit neun Jahren hat er sie nichtmehr gesehen. Sie haben in Deutschland Asyl bekommen – er nicht. Dass Verräter von damals nur ein paar Kilometer weiter in Nachbardörfern leben, sei eine Zumutung.
Vergeben und vertrauen für Awso, zehn Jahre nach dem Massaker von Kodscho: unmöglich. Und doch macht er weiter, denn er weiß, dass er überhaupt noch lebt, ist ein Wunder.

Autor: Ramin Sina, ARD Kairo

Stand: 16.06.2024 18:45 Uhr

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