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Iran: Fischen wie die Männer

PlayIran: Fischen wie die Männer – Frauen bringen die Wirtschaft voran
Iran: Fischen wie die Männer | Bild: WDR

Geduld, die braucht Azam jeden Tag. Mit einer simplen Schnur fischt sie im offenen Meer. So hat sie es von ihrem Großvater als Kind gelernt. "Ich glaube ich war etwa in der 3. Klasse und wollte unbedingt wissen, wie das so ist, das Fischen. Ich bin ständig mit rausgefahren und wir haben damals viele verschiedene Fische gefangen", erzählt Azam.

Die Frau am Steuer ist Azams Mutter, auch die Tante ist oft mit dabei. Die Ausbeute ist längst mich sehr so groß wie früher. Doch Azam freut sich über jeden Fisch: "Das was wir hier machen ist eine schwierige Arbeit, eigentlich keine typische Frauenarbeit. Doch wir Frauen von der Insel Hengam fischen genauso wie die Männer."

Unruhige Zeiten beschäftigen die Bewohner

Azamz Insel Hengam liegt im persischen Golf, nahe der Straße von Hormuz: Das Nadelöhr im weltweiten Ölhandel und deshalb auch immer wieder Schauplatz internationaler Konflikte, auch bewaffneter Auseinandersetzungen. Das geht auch an den Fischerinnen nicht spurlos vorbei. "Dieser Umstand bremst uns sehr oft aus. Und wir tragen immer eine Art Unruhe in uns. Also, man denkt dann, was könnte morgen passieren, was kommt in der Zukunft auf uns zu?", sagt Azam.

Iran: Junge Leute kommen nach Hengam, um sich freier zu fühlen
Iran: Junge Leute kommen nach Hengam, um sich freier zu fühlen | Bild: WDR

Die Bewohner von Hengam leben seit Jahrzehnten vom Fischfang. Landwirtschaft ist hier nicht möglich, die Gegend ist karg. Rund 500 Menschen wohnen auf der Insel. Da werde jede Arbeitskraft gebraucht, egal ob Mann oder Frau, erzählt uns Havva Arbabi, eine der ältesten Fischerinnen hier. Sie hat derzeit ein Problem: Ihr Motor ist kaputt. Schuld ist der minderwertige Sprit und die Behörden, sagt sie und ergänzt: "Wenn ich subventionierten Sprit kaufen könnte mit einer Fischer-Lizenz, dann würde ich den mit der besseren Qualität kaufen. Ohne Lizenz muss ich dafür aber viel mehr bezahlen, das ist viel zu teuer."

Frauen werden nicht als Fischerinnen anerkannt

Keine einzige Frau habe bislang eine Fischer-Lizenz erhalten, erzählt Frau Arbabi. Für Benzin zahle sie doppelt so viel wie die Männer. Und das obwohl sie seit mehr als 30 Jahren die gleiche Arbeit mache. "Die Behörden sagen: Ihr seid doch keine Fischer, ihr macht das nur als Hobby. Die Frauen hier gehen also nur zum Spaß fischen? Ihr habt das doch selbst gesehen, das Fischen ist unsere Arbeit hier auf Hengam", erzählt sie.

 Doch das ändert sich gerade: Touristen, vor allem aus dem Inland, haben Hengam für sich entdeckt. Sie kommen zum Delfine-Watching und auch zum Durchatmen: Vergessen scheint dann nicht nur Corona, auch manche Vorschrift der Islamischen Republik. Die Frauen von Hengam verkaufen nun eigene Handarbeiten, aber auch viel Kitsch made in China.

Das Geschäft mit den Touristen läuft gut

Dass Fischerei und Tourismus Hand in Hand gehen kann, hat auch Azam erkannt: Sie führt ein kleines Restaurant, verkauft ihren Fisch direkt an die Besucher. Auf ihre beiden Kinder passt solange die Oma auf. Was genau ihr Mann macht, wird uns nicht klar. Fakt ist: Auch hier ist alles in Frauenhand. "Es ist nicht überall im Iran so wie hier, viele sehen Frauen als nicht fähig an. Wir wollen zeigen: Frauen und Männer sind gleich! Wir ergänzen uns und können alles, was Männer auch können. Das wollen wir allen zeigen", sagt Azam.

Iran: Immer mehr Touristen besuchen die Insel im persischen Golf
Iran: Immer mehr Touristen besuchen die Insel im persischen Golf | Bild: WDR

Das Geschäft läuft nicht schlecht. Azam vermarket die lokale Kultur, vielen vom Festland erscheint die irgendwie exotisch. Zudem können es sich die meisten Iraner nicht mehr leisten, ins Ausland zu reisen. Die Inseln im persischen Golf seien eine günstige Alternative, erzählt uns Vida. Sie und ihre Freunde sind mit dem Rucksack unterwegs und das erste Mal hier: "Es gefällt mir sehr gut, vor allem die Menschen. Die sind hier alle so freundlich und lebendig, ich mag das. Alles fühlt sich ein bisschen freier an, aber naja, du weißt, am Ende sind die Regeln trotzdem da, also ist das alles relativ."

Die Frauen auf Hengam blicken optimistisch in die Zukunft

Wir treffen noch einmal Havva Arbabi, die Fischerin mit dem kaputten Boot. Sie hat sich einen kleinen Getränkestand am Strand aufgebaut, mitten unter den Besuchern. Das Meer hat sie dabei immer im Blick. Doch so richtig zufrieden ist die Fischerin irgendwie nicht. "Gott sei Dank, kann ich derzeit meinen Lohn auf diese Weise verdienen. Aber das ist nicht so wie das Meer. Nichts ersetzt das Fischen. Mir gibt das viel Ruhe, ich fühle mich dann einfach wohl", erzählt sie.

Auch Azams Gedanken kreisen oft ums Fischen, egal wie gut das Geschäft mit Touristen läuft. Doch dass die Frauen von Hengam sich inmitten einer schwachen iranischen Wirtschaft etwas eigenes aufgebaut haben, sei wertvoll für die kommenden Jahre. "Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass auch die nächste Generation hier Arbeit findet. Arbeit führt zu Fortschritt - und wenn wir unsere Insel dabei noch fremden Menschen näher bringen können, umso besser", sagt Azam.

Das Meer habe sie reich beschenkt, sagt uns Azam zum Abschied. Hoffentlich müsse sie nie von hier weg.

Autorin: Katharina Willinger / ARD Studio Istanbul

Stand: 31.01.2021 20:30 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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