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Jemen: Krieg ohne Ende

PlayJemen: Auch Krankenhäuser werden beschossen. Der Krieg im Jemen geht weiter

Ein paar Handvoll Reis, sonst nichts. Großmutter Azizah versucht, daraus eine Mahlzeit für die ganze Familie zu zaubern: ihren Sohn und sechs Enkel. Es soll für alle reichen und doch ist es nie genug.

Krieg tobt an allen Fronten des Landes

Moad verliert schon seit Monaten Gewicht, ist krank und schwach. Das Leben des Zweijährigen steht auf Messers Schneide. Die nächste Klinik aber ist zwölf Kilometer weit weg. Die Fahrtkosten kann sich die Familie nicht leisten. "Wir haben kein Geld. Die Angriffe, die Arbeitslosigkeit rauben uns jede Hoffnung. Vor dem Krieg ging es uns gut. Aber jetzt kommen wir von hier nicht mehr weg", erzählt Mohammed Salim.

Gesunde Kost, Milch, Medikamente. All das gibt es in Almedran Bani Amer nicht. Sie hacken und verkaufen Holz hier. Früher reichte das zum Leben, heute nicht mehr. Und auch die Angst ist zurück. Die Hadscha-Provinz im Norden des Jemen ist seit einigen Tagen schwer umkämpft, nur noch schwer zugänglich.

Der Krieg tobt wieder an allen Fronten des Landes, auch im Süden. Bilder der Huthi-Rebellen, von der Front südlich von Hudeida: Von Waffenruhe keine Spur. Auf die hatten sich Huthis und die saudische Militärkoalition im Dezember geeinigt. Für einige Wochen waren es weniger Kämpfe. Jetzt setzen beide Seiten wieder auf Sieg. "Wir machen euch fertig. In den Tälern und den Bergen. In der Wüste", so Abu Sakhr, Huthi-Kämpfer.

Hilfslieferungen ins Land nicht möglich

Jemen: Jeder Zweite im Jemen leidet an Hunger
Jemen: Jeder Zweite im Jemen leidet an Hunger

Luftschläge und Gefechte, auch in der Nähe des Hafens von Hudeida vor wenigen Tagen. Der sollte unter UN-Aufsicht gestellt werden, beide Kriegsparteien abziehen, dringend benötigte Hilfslieferungen so ins Land kommen. Die Realität ist eine andere. Die Lebensader des Jemen scheint tot. Nur kleine Schiffe können den Hafen noch anfahren, nach oft quälend langen Kontrollen.

Der Weg in die Stadt: ein Himmelfahrtskommando. Immer wieder Angriffe, zerstörte Straßen und Brücken. Zahllose Checkpoints vor und in Hudeida. Hilfslieferungen werden hier oft tagelang aufgehalten, wie die UN beklagen, Waren beschlagnahmt, an Kämpfer verteilt oder hoch verzollt.

Bei den Bedürftigen in der erbittert umkämpften Stadt kommt am Ende nur ein Bruchteil an. Fisch gab es auf den Märkten einst im Überfluss. Heute ist er für viele unerschwinglich. Seit Kriegsausbruch haben sich die Lebensmittelpreise mehr als verdoppelt. Fischer wagen sich kaum noch auf die See.

"Die Fischer leiden unter den Luftangriffen. Viele sind schon gestorben. Vor wenigen Wochen vier auf einen Schlag durch eine Rakete", erzählt der Fischer Abkar Abdu.

Keine Hoffnung mehr auf ein Leben in Frieden

Jemen: Die Lage der Menschen verschlechtert sich katastrophal
Jemen: Die Lage der Menschen verschlechtert sich katastrophal

Wen es trifft, der ist verloren. Jede zweite Klinik ist geschlossen. Die anderen hoffnungslos überlastet. 800 Patienten betreuen sie hier pro Tag, oder versuchen das zumindest. Viele warten Tage oder Wochen auf einen Arzt. In der Dialyse-Abteilung stehen 41 Maschinen still. Ersatzteile fehlen und sind nicht zu beschaffen. Mangel, der viele in die Verzweiflung treibt, ja: Auch Leben kosten kann.

"Mir geht es schlecht. Manchmal komme ich hierher und bitte sie, mich zu behandeln, muss dann aber bis zu zehn Tage warten, weil es zu voll ist und sie mich nicht reinlassen. Dann muss ich wieder nach Hause fahren und fühle mich gar nicht gut", berichtet Suad Halim.

Nichts, aber auch gar nichts habe sich seit den Friedensgesprächen verbessert, sagen sie hier. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. "Unser Immunsystem ist schwach. Wir haben kaum noch Kraft aufzustehen, zu laufen", so Abdo Ahmed Daoud. Für Abdullah Arafat immerhin gibt es Grund zur Hoffnung. Seine Mutter brachte den drei Monate alten Jungen in die Klinik. Völlig abgemagert und schwach. Vielleicht war es seine letzte Chance.

"Die Ärzte meinten, er habe überall Entzündungen und sei unterernährt. Ich kann ihn nicht stillen. Hier haben sie ihm dann Milch gegeben. Jetzt geht es ihm schon etwas besser. Er war sechs Tage hier. Heute kommt er wieder raus", erzählt Nagla Assem.

In die abgelegenen Provinzen des Landes aber dringt Hilfe kaum durch. Gerade hier hatten viele auf den Friedenprozess gehofft, nach vier Jahren Krieg, Tausenden Toten. Auch Azizah und ihre Liebsten. Doch die Hoffnung auf ein Leben in Frieden ist bitter enttäuscht worden.

Bericht: Daniel Hechler/ ARD Studio Kairo

Stand: 18.03.2019 11:09 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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