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Kuba: Ein Land lebt mit der Krise

PlayHavanna: Menschen stehen vor einem Geschäft in der kubanischen Hauptstadt Havanna an, um einzukaufen
Kuba: Ein Land lebt mit der Krise | Bild: dpa / picture-alliance

In den vergangenen Jahren lagen nicht selten zwei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig am Anlegesteg in Havanna und spülten Touristen in die Altstadt. Das waren wirtschaftlich gute Jahre. Jetzt bleibt der Pier meistens leer. Die US-Reedereien haben ihre Routen geändert, weil Washington das Anlegen in Kuba verbietet und Firmen mit Strafen belegt, die dagegen verstoßen.

Die Rückkehr zur harten US-Kuba-Politik zeigt sich hier ganz unmittelbar. Die Devisen werden knapp. Deshalb hat die kubanische Regierung jetzt sogenannte "Dollar-Läden" eröffnet. Importware kann dort mit harter Währung gekauft werden. So versucht Kuba an Bargeld zu kommen.

Havanna feiert seinen 500. Geburtstag. Aus diesem Anlass kommt der "Weltspiegel" aus der kubanischen Hauptstadt. Keine Hauptstadt in Lateinamerika ist so stark durch die Spannungen mit den USA geprägt wie Havanna. Nach einer kurzen Entspannung in den letzten Obama-Jahren tut die Trump-Administration alles, um Kuba zu isolieren.

Kein Benzin für die Autos, wenig Milch von den Kühen

Die Männer hier warten schon 'ne ganze Weile. Das hier ist ein Problem, mit dem die Kubaner in der Gegenwart zu kämpfen. Schlangen an der Tankstelle, weil‘s entweder gerade kein Benzin oder keinen Diesel gibt. Seit die USA ein Öl-Embargo gegen Venezuela verhängt haben, bekommt Kuba weniger günstigen Sprit vom sozialistischen Bruderstaat und das hat Auswirkungen für die gesamte Wirtschaft hier. Auf dem Land fahren zum Glück noch viele Pferdekarren. Als es diesen Sommer tagelang gar keinen Sprit gab, waren sie hier noch am besten dran:

Mann auf Pferdekarren
Fährt auch ohne Benzin. | Bild: SWR

6 Uhr früh, Vista Hermosa, schöne Aussicht heißt der Hof. Ziegen, 60 Kühe, Truthähne, Schweine und viele Hände am Werk. Der Chef Misael Ponce ist der schnellste, in 3-4 Minuten hat er eine Kuh ausgemolken. Leider nur einmal am Tag. Schuld daran seien die US-Sanktionen. "Früher haben wir auch zweimal am Tag gemolken, aber damals konnten wir noch Kraftfutter zugeben, Soja und so weiter, Importprodukte, die wir schon länger nicht mehr zur Verfügung haben. Heute geben sie nur morgens Milch, weil sie nur noch unser eigenes Trockenfutter fressen."

Ochsen statt Traktor

Kuba im 21. Jahrhundert, oder doch noch im 19.? Diese beiden hier werden seit der Treibstoffkrise schlichtweg für alles eingesetzt. Castillo und Palacio, die beiden Ochsen müssen pflügen, ernten und Lasten transportieren. Die Not wird zur Tugend erklärt, für die Böden sei das schonender, erklärt Iris Fonseca die Agraringenieurin. Eigener Futteranbau, düngen mit Mist, die Vista Hermosa ist fast ein Biohof. "Wir müssen hier so gut wie möglich unabhängig von äußeren Faktoren bleiben. Die Probleme selbst lösen. Wer in der Landwirtschaft in den heutigen Zeiten ein Ochsengespann hat, der kann sich glücklich schätzen."

Schneller und produktiver wär's aber mit dem Traktor eben schon. Misael Ponce schwört, das Modell aus den Fünfzigern, vom Opa geerbt, fahre noch gut. Aber der Tank ist leer. "Letzten Monat bekam ich vom Staat keinen einzigen Liter Diesel, davor war es nur noch ein Drittel dessen, was mir normalerweise zugeteilt wird. Jetzt ist der Hof komplett von der Zugkraft der Tiere abhängig." Macht Sie das nicht wütend? "Ich finde es eher ungerecht. Die Sanktionen von Donald Trump sollen ja eigentlich unsere Regierung treffen und ihr schaden. Ob das wirklich der Fall ist? Ich weiß es nicht. Was ich sicher weiß: uns hier schadet es hundertprozentig."

Keine Touristen – keine Devisen

Karikatur von Donald Trump
Andy Warhols Suppendosenmotiv auf kubanisch. | Bild: SWR

Der Mann mit dem blonden Haarschopf ist auch ein Thema für Maler Manuel Hernandez. Pop Art ist sein Lieblingsstil, Andy Warhols berühmtes Suppendosenmotiv auf kubanisch. Mit Mangelwirtschaft und Embargo lebt er, wie alle Kubaner schon lange. Erst mal alles Gelbe malen, damit die Farbe nicht eintrocknet.  "Denn Du kriegst hier nicht immer Farbe, ich muss oft ein Jahr warten oder zwei bis sie wieder geliefert wird, manchmal sogar drei." Die Feindschaft zwischen den USA und Kuba findet er schlichtweg dämlich – Lügensuppe, Ideologiesuppe fürs Volk, das muss ja nicht sein. Freundschaft zwischen beiden Ländern – das wäre sein Traum. Auch weil er und seine Kollegen in der Ausstellungshalle seit ein paar Monaten so gut wie kein Geld mehr verdienen. Warten auf Touristen, die ihre Bilder kaufen.

Doch seit Mai sind im Hafen von Havanna keine amerikanischen Kreuzfahrtschiffe mehr in Sicht – die Trump-Regierung hat neue Sanktionen verhängt. "Unser Verkauf ist dadurch regelrecht eingebrochen", klagt Manuel Hernandez. "Ein Kreuzfahrtschiff bringt ja viel mehr Touristen hierher, als ein Flugzeug. Und unsere Halle liegt direkt neben der Anlegestelle, das war praktisch für die Touristen." Das Kreuzfahrtterminal verwaist, selbst europäische Reedereien fahren Havanna so gut wie nicht mehr an, auch sie fürchten die US-Sanktionen. Und so gehen Kuba mehr und mehr die Devisen aus.

Käse hängt zum Reifen von der Decke
Private Vermarktung ist erst seit kurzem möglich. | Bild: SWR

Auf der Vista Hermosa vermissen sie den Kreuzfahrttourismus auch, denn der brachte Besuchergruppen auf den Hof. Und die bekamen was zu essen. Etwa dreiviertel seiner Milchproduktion muss der Genossenschaftshof an den Staat verkaufen. Seit etwa vier Jahren dürfen sie aus dem Rest Käse machen und privat vermarkten. Zarte kapitalistische Pflänzchen im sozialistischen Einheitsstaat. Guaven, Papaya, Zuckerrohr – seit der Verschärfung der US-Sanktionen bewirtet Iris 80 Prozent weniger Touristen. "Das ist sehr schade, denn wir haben ja hier investiert, wir haben etwas aufgebaut, Arbeit reingesteckt, natürlich mit dem Ziel, damit Geld zu verdienen, um unseren Hof weiter voranzubringen."

Immerhin, heute Besuch von einem kleinen Grüppchen. Deutsche Touristen, in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Kuba löst Erinnerungen aus an die Zeit vor 30 Jahren. "Ist so 'ne Mangelwirtschaft ne, also wie in der DDR. Es ist Planwirtschaft, es ist alles festgelegt. Sie basteln halt aus ganz viel, das sieht man ja auch an den alten Autos." Oder eben auch an diesen Fuhrwerken, Castillo und Palacio jedenfalls haben heute noch lange keinen Feierabend.

Ein Film von Ute Brucker, derzeit Havanna

Stand: 18.11.2019 13:55 Uhr

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