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Libanon: Theaterspiel gegen den Hass

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Libanon: Theaterspiel gegen den Hass | Bild: NDR

Die libanesische Armee ist unübersehbar in der Syria Street. Alle 100 Meter ist ein Checkpoint. Es ist ein kleines Kriegsgebiet mitten in Tripoli. Am Hügel wohnen Alawiten und Assad-Anhänger, auf der anderen Straßenseite  leben Sunniten – Assad-Gegner. Jahrzehntelang haben beide Seiten sich gegenseitig bekämpft. Syria Street war die Grenze und über die  Syrien-Straße hinweg schoss man aufeinander.

Ali ist 23, Alawit und wohnt mit Frau und Kind auf dem Hügel direkt an der Frontlinie. Die auf der anderen Seite hat er gehasst, bis aufs Blut: "Ich habe auf dem Boden gekauert. Von drüben haben sie auf mich geschossen. Die Einschusslöcher sind noch zu sehen. Ich habe zurückgeschossen  – und sie haben mich in meiner Deckung nicht gesehen." Es ist  kaum zu begreifen, dass Ali, seine Frau oder die kleine Tochter nie verwundet wurden. Sogar im  Schlafzimmer sind Löcher in der Wand.

"Das Projekt hat viel verändert"

Ali
Ali wohnt mit Frau und Kind direkt an der Frontlinie. | Bild: NDR

Seit fast einem Jahr ist der Krieg in der Syria Street jetzt vorbei. Die libanesische Armee hat Rädelsführer beider Seiten verhaftet – und Ali ist ein anderer geworden. Das hat mit einem besonderen Projekt zu tun. 16 junge Leute – jeweils acht von jeder Seite – spielen gemeinsam Theater. Khoder gehört auch dazu. Er lebt auf der sunnitischen Straßenseite. Eigentlich müsste er Ali, den Alawiten, hassen. Am Anfang war das auch noch so, aber jetzt nicht mehr: "Das Projekt hat viel geändert, vor allem in meinem Kopf. Früher habe ich immer geglaubt, die Leute von der anderen Straßenseite, die Sunniten, sind Terroristen vom sogenannten Islamischen Staat, und was man uns sonst so erzählt hat.  Aber seit wir uns besser kennen, weiß ich: Die sind so wie wir. Da gibt es fast keine  Unterschiede", erzählt Ali.

Einige Sunniten aus Tripoli kämpfen tatsächlich  für den IS.  Als diese Bilder entstehen, nimmt die Armee in der Nähe einen Selbstmordattentäter fest – sein Sprenggürtel war nicht explodiert. Er wollte Assad-Anhänger töten. Der Frieden hier ist  brüchig.  "Wir hatten einige Jahre Ruhe, da gab es keine Anschläge, sagt Schauspiellehrer Michel Abu Sleiman, aber jetzt das Attentat in Beirut –  das wirft uns mindestens ein Jahr zurück. Und jetzt diese Ereignisse hier in der Gegend –  das macht uns große Angst."

Versöhnung gibt es

Schauspiellehrer Michel Abu Sleiman
Schauspiellehrer Michel Abu Sleiman hat die Parteien zusammengebracht. | Bild: NDR

Das gemeinsame Theaterspiel der einstigen Todfeinde hat im Libanon für Aufsehen gesorgt. Versöhnung schien schwer vorstellbar. Und doch gibt es sie, einstige Gegner scherzen miteinander. Premierenabend für eine Film-Dokumentation über das Projekt. Was so vergnüglich aussieht, hat einen todernsten Hintergrund: Mindestens 200 Menschen starben bei  Kämpfen rund um die Syria Street in den vergangenen fünf Jahren. "Am Anfang hab' ich ihm nicht über den Weg getraut", sagt Ali über den Sunniten Khoder. Es gab heftige Auseinandersetzungen. Doch statt auf einander zu schießen, spielten sie. Khoder meint über Ali, den einstigen Feind: Eigentlich sind wir beide gleich.

Ihre Heimat war lange ein guter Nährboden für Extremismus – bis jetzt: "Nicht alle schließen sich der  Terrormiliz IS  aus rein ideologischen Gründen an, sagt die Mitorganisatorin des Projekts. Sie haben hier keinen Job und werden niemals heiraten können – keiner gibt einem Arbeitslosen seine Tochter. Beim IS bekommen sie eine Frau, ein Gehalt, es geht ihnen prima. Das wird immer vergessen. Wir könnten etwas dagegen tun. Und wir müssen etwas dagegen tun", sagt Lea Baroudi von der Bürgerrechtsorganisation MARCH.

Für uns geht es um mehr als um ein Theaterstück

Theatergruppe
Für die Teilnehmer geht es um mehr als nur um ein Theaterstück. | Bild: NDR

Früher einmal war die Gegen rund um die Syria-Street ein ganz normales Stadtviertel von Tripoli. Doch die Mehrzahl der Bewohner ist arbeitslos, arm, ohne Zukunft – leicht zu manipulieren. Als das Assad-Regime in Syrien einen Bürgerkrieg lostrat, verschärften sich die Spannungen auch hier. Ali will mit seiner Kalaschnikov nie wieder auf die  von der anderen Straßenseite schießen. Aber die Waffe behält er vorerst. Seit er Theater spielt, haben Unbekannte  ihn mehrfach angegriffen,  vermutlich "Freunde" von früher. "Ich habe die Waffe nur noch zur Verteidigung. Für uns geht es um mehr als um ein Theaterstück. Nach jeder Vorstellung bekommen wir Drohungen, noch am gleichen Tag", erzählt Ali.

Die Spuren von Hass und Gewalt sind noch gut zu sehen in der Syria Street. Aber einige Fassaden sind schon gerichtet. Es gibt Hoffnung in Tripoli – ein bisschen.

Autor: Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Stand: 12.08.2016 16:40 Uhr

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