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Libanon: Beirut in Trümmern

PlayBeirut: Ein Mann trägt seine Habseligkeiten aus einem zerstörten Haus
Libanon: Beirut in Trümmern | Bild: dpa / picture-alliance

Die Bilder gehen um die Welt. Die Explosion im Hafen von Beirut – ein Schock. Mindestens 135 Menschen sterben, tausende sind verletzt. Die Krankenhäuser arbeiteten – angesichts hochschnellender Corona-Infektionen – bereits zuvor an der Belastungsgrenze. Nun müssen sie Verletzte abweisen. Das Virus könnte sich in dem Chaos schneller ausbreiten: Wer denkt in Trümmern schon an Abstandsregeln und Maske? Doch damit nicht genug: Das Land steckt in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Wie kann das Land wieder auf die Beine kommen?

Eine Krankenschwester als Heldin

Pamela Zeynoun mit drei Babys
Pamela Zeynoun hat drei Babys das Leben gerettet | Bild: SWR

Seit sechs Jahren ist Pamela Zeynoun mit vollem Herzen Krankenschwester im Al-Roum-Krankenhaus in Beirut. Auch am vergangenen Dienstag ist sie auf der Neugeborenen-Station, als um kurz nach 18 Uhr das Unglück geschieht. "Ich bin wegen der Explosion einmal quer durch den Raum geflogen. Kurz habe ich die Orientierung verloren." Als sie wieder zu sich kommt, ist alles kaputt. Doch sie schaltet schnell, zieht drei herumliegende Babys aus den Trümmern heraus. "Ich hatte die drei Babys, war alleine, wusste nicht was ich machen soll." Mit Hilfe der Handy-Taschenlampe findet sie den Ausgang, weiterhin die drei Babys auf dem Arm. "Wir sind viel gelaufen, zu zwei anderen Kliniken. Sie habe mich und die Babys aber abgelehnt. Die Situation war dort noch schlimmer als in unserem Krankenhaus." Draußen Zerstörung, wohin ihr Auge reicht. Schließlich findet Pamela Zeynoun ein Krankenhaus, in dem sie die Kinder in Sicherheit bringen kann. "Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, ich fühlte mich schwach. Ich habe nur darauf gewartet, dass der Arzt mir sagt: alles ist gut." Pamela Zeynoun rettet das Leben der drei kleinen Babys.

Foto von Sahar Fares auf Feuerwehrauto
Die Feuerwehrfrau Sahar Fares starb beim Einsatz  | Bild: SWR

Auch hier retten sie immer wieder Leben. Feuerwehr-Einheit in La Quarantine in Beirut. 33 Männer arbeiteten hier und eine Frau. Sahar Fares. Sie und neun ihrer Kollegen rückten aus, um das erste Feuer zu löschen, das sich am Dienstag entzündete. Mit aller Kraft versuchen sie in das Lagerhaus reinzukommen, wo das hochexplosive Ammoniumnitrat lagert. Dann kommt die Explosion. Acht werden seitdem vermisst, zwei sterben. Auch Sahar Fares. "Sahar hatte ein großes Herz", sagt Feuerwehrmann Hafez Khaban. "Sie war stark, hatte keine Angst, war immer als erste vor Ort, sie war mutig. Hafez Khaban kennt Sahar seit ihrem ersten Tag in der Einheit. Er hat sie eingelernt, für ihn war sie mehr als eine Kollegin. "Sie war wie eine Tochter für mich. Sie war das Licht der Mannschaft, dass für uns alle geleuchtet hat. Sie hat uns Glanz verliehen. Sie hat sich für uns geopfert.

Die Politik versagt

Menschen mit Werkzeug in der Hand
Der Staat versagt – die Menschen müssen selber ran | Bild: SWR

Aufopfern für Libanesinnen und Libanesen. Die Regierung mache das schon lange nicht mehr, sagen Hunderttausende im Libanon. Auch Paula Yacoubian. Sie ist Parlamentsabgeordnete, aber keiner Partei zugehörig. In ihrem Viertel ist sie sehr engagiert, organisiert Hilfslieferungen. Der Staat versage, sagt sie. "Wir haben keine Regierung. Das ist eine Mafia, die das Land regiert. Ich meine die gesamte politische Klasse, die für dieses Versagen verantwortlich ist." Gestern haben Zehntausende gegen die Regierung demonstriert. Es kam zu Straßenkämpfen mit der Polizei. Der Ministerpräsident kündigte daraufhin mögliche Neuwahlen an. Viel zu wenig, findet Paula Yacoubian. Sie selbst will ihr Parlamentsmandat morgen abgeben. "Diese Mafia ist immer noch nicht zurückgetreten. Ich musste ihnen zeigen, wie einfach es geht. Es ist wichtig, einmal im Leben Verantwortung zu übernehmen. Sie sollten gehängt, ins Gefängnis geworfen werden. Aber nein, sie sind weiterhin an der Macht." Viele junge Leute wollen den Libanon verlassen. Paula Yacoubian will bleiben, bei ihren Leuten.

Mit dem Herzen bei den Demonstranten war gestern auch Krankenschwester Pamela Zeynoun. Ich habe drei Babys in meinem Arm gehalten und ihnen Sicherheit gegeben. Die Regierung sollte das Gleiche für das Volk tun. Den Libanon verlassen würde sie eigentlich gerne. Doch wegen ihrer Eltern bleibt sie. Menschen im Stich lassen – für sie ist das keine Option.

Autor: Ramin Sina

Stand: 09.08.2020 21:37 Uhr

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