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Libanon: Mit Tauschhandel gegen die Krise

PlayFrauen vor einem Geschäft
Libanon: Mit Tauschhandel gegen die Krise | Bild: BR

Es sind einsame Tage für Samir Faraj: Seine Frau, seine beiden Söhne sind zu seiner Mutter aufs Land gezogen. Da sind sie besser versorgt als in Beirut. Der 49-Jährige versucht sich derweil in der Hauptstadt durchzuschlagen. Seinen Job als Fahrer hat er verloren. Das Ersparte ist so gut wie weg. Nun macht sich bei ihm Verzweiflung breit.

Sein Kühlschrank leert sich jeden Tag. In seiner Not fing er an, Spielsachen der Kinder, den Rollstuhl seines verstorbenen Vaters im Tausch für Lebensmittel anzubieten. Am Anfang hat das wehgetan.

Ein Schicksal, das Millionen bitter trifft im Libanon. Gut jeder zweite hier ist arbeitslos. Tausende Geschäfte haben dichtgemacht. Auch Menschen aus der Mittelschicht enden auf der Straße. Der Staat ist pleite, ausgeplündert von gierigen Politikern und windigen Geschäftemachern. Corona hat den Niedergang beschleunigt. Die Währung ist im freien Fall. Die Preise explodieren. Sparguthaben sind eingefroren. Bargeld ist Mangelware. Auch deshalb blüht der Tauschhandel in Kellern, Hinterzimmern oder auch Schönheitssalon. Einst betreute Micheline El Kady hier gut betuchte Kunden. Die blieben mit der Wirtschaftskrise weg. Seither stapeln sich hier Eier, Nudeln, Öl und Windeln – rare Waren von privaten Spendern, die sich viele mehr leisten können. Und auch gebrauchte Produkte aller Art, die Hilfsbedürftige dafür im Tausch anbieten.

Tauschgeschäfte als Hilfe

Über die App Libantroc kann jeder alles tauschen, was im Alltag hilft, zu überleben. Es ist ein schwunghafter Handel. Mehr als 60.000 Menschen machen mit. Täglich werden es mehr. Micheline versucht am Telefon herauszufinden, wie bedürftig Anbieter tatsächlich, ob ihre Waren auch noch zu gebrauchen sind.

Kids aus Familien in Not können hier auf Hilfe hoffen: Ein Laden für gebrauchte Kinderkleidung, Spielzeug, Babynahrung. Jeden Morgen bilden sich hier lange Schlangen. Mütter warten oft stundenlang, um ihren Kleinen einen Moment der Freude zu bereiten. Viele bringen im Tausch gebrauchte Waren mit. Alles hier läuft ohne Bargeld.

Für Sherine Kabbani ist es eine Lebensaufgabe geworden. Einst gab die Reporterin zum Opferfest ein paar gebrauchte Kleidungsstücke ab. Mittlerweile versorgt sie mit freiwilligen Helfern täglich Hunderte bedürftige Familien. Die Not der Menschen steigt rapide, die Spenden aber werden weniger.

Tauschgeschäfte an der Haustür, geboren aus der Not. Salonbesitzerin Micheline und ihre Freundin bringen Samir Lebensmittel vorbei. So, wie er das über die App bestellt hat. Im Gegenzug gibt er die Kleidungsstücker seiner Kinder ab. Die letzten, die er hat. Für den Vater ist der bargeldlose Service ein Segen. Zwei Wochen reichen Nudeln, Öl und Kichererbsen nun zum Überleben. Eine lange Zeit in einer solchen Krise. Für ihn ein seltener Moment des Glücks.

Die Würde wahren in einer würdelosen Situation. Das machen die Tauschgeschäfte möglich und damit verzweifelten Menschen wie Samir das Leben ein bisschen einfacher.

Autor: Daniel Hechler, ARD Kairo

Stand: 26.07.2020 20:47 Uhr

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