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Madagaskar: Tanz mit den Toten

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Madagaskar: Tanz mit den Toten | Bild: ARD

Auftakt zum großen Fest. Die Nachfahren von Rakoto Jean-Baptiste feiern – mit der ganzen Familie.

Die Toten werden ausgegraben
Die Toten werden ausgegraben | Bild: Bild: BR

Dafür müssen ein paar Familienmitglieder aber erstmal ausgebuddelt werden. Für uns eher – sagen wir – ungewöhnlich, in Madagaskar aber ganz normal: die Ahnen werden alle paar Jahre aus den Gräbern geholt, um sie zu ehren.

Die Umwendung der Toten, die sogenannte Famadihana ist bei den Merina im Hochland Madagaskars das wichtigste Fest überhaupt, ein Freudenfest. Nach kurzer Zeit ist die Grabkammer freigeschaufelt.

Umwendung der Toten

Jean-Bruno ist ein Enkel von Rakoto Jean-Baptiste. Die Toten lotst er gemeinsam mit den anderen Männern auf die Erde. Aber alle sind verwirrt – wer ist hier wer? Tanten, Onkel, Eltern und Kinder sollen schließlich nicht verwechselt werden. Gar nicht so einfach…

Aber schließlich werden die Ahnen in Bastmatten gewickelt ans Tageslicht geholt. Für europäische Gemüter morbide; in Madagaskar haben sie da keine Berührungsängste.

Die Frauen warten schon – bei ihnen ruhen die Ahnen auf dem Schoß. In der ganzen Partystimmung auch ein trauriger Moment. Um Verwechslungen auszuschließen, werden die Matten jetzt beschriftet.

Der Schamane
Der Schamane | Bild: Bild: BR

Rat holt sich die Familie beim Ombiasy, einer Art Astrologe: "Beeilt euch", mahnt Monsieur Clément, "wir müssen vor Sonnenuntergang hier weg sein." Der Schamane ist der Mittler zwischen den Toten und den Lebenden.

Bedeutender Glaube

Zusammen mit den Ahnen geht es jetzt ins Dorf, zu dem Haus, das Großvater Jean-Baptiste einst gebaut hat. Vor 14 Jahren haben seine Nachfahren die letzte Totenumwendfeier abgehalten – höchste Zeit, sich wieder einmal mit den Ahnen zu verbinden. Hier im Hochland ist diese Art der Religion mindestens so wichtig wie das Christentum. Für die Toten ist an Großvaters Haus für die nächsten Tage eine Art Zuschauertribüne vorbereitet.

Der Schamane Monsieur Clément hat noch etwas anderes zu erledigen. Er muss kontrollieren, ob die neue Grabstätte, die die Familie hat bauen lassen, auch rechtzeitig fertig wird, bevor die Ahnen anderntags hier einziehen werden. Noch wird gepinselt und gemauert. Die Zeit drängt. Die ersten sind schon betrunken, erzählt der Astrologe empört. Weil es immer wieder vorkommt, dass Gebeine aus Gräbern gestohlen werden, wird die Ruhestätte mit einem geheimen Schloss gesichert.

Jean-Bruno in Trauer

Enkel Jean-Bruno ist mit seinen Gedanken woanders. Vor wenigen Wochen ist seine Frau gestorben. Nach Feiern ist ihm eigentlich kaum zumute.

Eine Famadihana ist immer auch ein gutes Geschäft. Vor Großvater Jean-Baptistes Haus haben sich zahlreiche Händler versammelt. Am meisten gefragt: Rum. Und dann tanzen sie zu madegassischen Megahits. Die Toten liegen da und staunen vermutlich.

Nach dem Fest
Nach dem Fest | Bild: Bild: BR

Am nächsten Morgen sind auch die Gäste mehr tot als lebendig. Und die Nachfahren von Rakoto Jean-Baptiste im Stress. Es gilt, heute etwa 1000 Menschen zu bekochen. Eine Famadihana ist eine teure Angelegenheit, für die sich so manche Familie verschuldet. Trotzdem ist das Totenfest auch für junge Leute wie Jean-Bruno ein Muss: "Ich glaube fest daran, dass wir die Ahnen auf diese Weise ehren müssen. Ohne sie wären wir schließlich nicht hier. Viele Christen heißen dieses Ritual nicht gut, aber das ist unsere madegassische Tradition. Ich gebe mein Geld lieber hierfür aus als für irgendetwas sonst."

Ein teures Fest

Umgerechnet fast 5000 Euro lässt sich die Familie das Fest kosten und hat dafür jahrelang gespart. Die Spenden der Gäste decken nur einen Bruchteil der Kosten ab. Aber an Schulden denkt heute niemand – es wird gefeiert bis, naja, bis zum Umfallen.

Festessen im Schichtbetrieb
Festessen im Schichtbetrieb | Bild: Bild: BR

Gegessen wird in Schichten; seit dem frühen Morgen stehen hunderte Schlange. Es gibt Reis mit fettem Rind- und Schweinefleisch – wie es üblich ist bei einer Famadihana.

Eine Cousine sagt: "Wir kommen kaum hinterher, wir haben nicht genug Teller und viel zu viele Leute eingeladen."

Jean-Bruno macht gute Miene zum traurigen Spiel; mit seinen Gedanken ist er aber bei seiner verstorbenen Frau: "Ich vermisse sie sehr. Aber was soll ich machen? So ist das Leben halt. Männer müssen stark sein. Ich darf nachher am Grab nicht weinen, hat der Schamane gesagt. Dies ist ein fröhliches Fest."

Die neue Grabstätte

Noch immer werden Teller gebraucht, aber Jean-Bruno macht sich schon mal fertig - für den Höhepunkt der Famadihana. Nach einem geglückten Kaiserschnitt ist seine Frau ganz plötzlich verstorben. Wie es nun weitergehen soll, weiß Jean-Bruno nicht.

Und dann zieht die ganze große Familie wieder los mit den Toten: 13 Nachfahren von Großvater Jean-Baptiste: Väter, Mütter, Tanten, Onkel, Kinder.

Autos sind im madegassischen Winter an diese bunten, lauten Umzüge gewöhnt – dennoch ein Wunder, dass nichts passiert. Die unermüdlichen Musiker spielen die Nationalhymne – und die neue Grabstätte wird getauft.

Im Schatten werden alle Toten in neue Tücher gewickelt – sie bekommen sozusagen neue Kleider, teure Tücher aus Seide. Auch Jean-Brunos Frau wird im neuen Familiengrab zur Ruhe gebettet werden.

Die neue Gruft
Die neue Gruft | Bild: Bild: BR

Siebenmal tanzt der Familienclan von Großvater Rakoto Jean-Baptiste um das Grab herum – sieben ist eine heilige Zahl. Inzwischen sind die meisten Totenträger betrunken – dementsprechend wild fällt auch der Kampf um die heiß begehrten Totenmatten aus. Sie sollen bringen Glück und sind somit die ultimativen Trophäen, die Familienmitglieder auf einer Famadihana ergattern können.

Am späten Nachmittag haben die Ahnen von Rakoto Jean-Baptiste ihr neues Familiengrab bezogen. Jetzt können sie wieder ein paar Jahre ruhen – vielleicht sind sie sogar ganz froh darüber.

Autorin: Sabine Bohland, ARD Nairobi

Stand: 09.07.2019 23:55 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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