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Mali: Frieden schaffen mit Waffen?

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Mali: Frieden schaffen mit Waffen? | Bild: SWR

Im Ausbildungszentrum in Koulikoro üben deutsche Soldaten mit ihren malischen Kollegen "Häuserkampf". Ein deutscher Soldat spielt einen feindlichen Heckenschützen. Solche Situationen haben die malischen Soldaten erlebt. Damals haben Islamisten sie im Norden des Landes einfach überrollt. So eine Demütigung wollen sie nie wieder erleben.

"Das Training ist von großem Vorteil für uns", sagt Saradjara. "Es zeigt uns Möglichkeiten, die wir bisher nicht kannten." Unsere Moral ist auf einem Höhepunkt. Der Zustand der malischen Armee ist allerdings nach wie vor nicht auf dem Höhepunkt. Das Geld für Übungsmunition fehlt, es wird improvisiert. Die Kommunikation zwischen den Deutschen und den Malis läuft über einen Übersetzer. Nur wenige deutsche Soldaten sprechen Französisch, die Amtssprache in Mali.

Bundeswehrsoldaten der Ausbildungsmission in Mali zeigen die Überwältigung eines Heckenschützen
Bundeswehrsoldaten zeigen bei einer Übung wie man einen Heckenschützen überwältigt. | Bild: SWR

Bis zu 350 deutsche Ausbilder sind im Rahmen der Europäischen Trainingsmission hier stationiert. Ursprünglich sollten sie nur ein Jahr lang in Mali bleiben. Mittlerweile sind es schon drei Jahre. Sie vermitteln noch immer militärisches Basiswissen. Das Ausbildungsziel: den malischen Truppen die Sicherung des Nordens selbst zu überlassen, scheint noch fern. "Die Kultur hier, die sind sehr freundlich gesinnt und möchten in Ruhe ihr Leben leben und wie soll ich sagen, gerade im Norden – ja, die müssen da etwas anders reagieren. Und das versuchen wir ihnen mitzugeben, dass sie gerade im Norden auf verschiedene Situationen sauber reagieren können."

Seit Februar sind deutsche Soldaten auch im Norden des Landes im Einsatz. Als Teil der UN-Friedensmission Minusma. Sie sollen die Bevölkerung vor den Islamisten beschützen. Doch nach wie vor verüben diese hier Anschläge.

Mali darf nicht wieder in die Hände der Dschihadisten fallen, erklärt Kontingentführer Marc Vogt den deutschen Einsatz. Ansonsten würde die Region zum Rückzugsort für Terroristen. Und dann würden mehr Flüchtlinge nach Europa fliehen. "Wenn diese Region fällt, wenn dieser Konflikt wieder aufbricht, hätte das einen Dominoeffekt auf die ganze Region. Also ein Konflikt, der in Mali entsteht, hätte mit Sicherheit genauso Auswirkung, die wir nicht nur mit Flüchtlingen, aber auch damit in Deutschland spüren werden."

Die Menschen in Mali wollen in Ruhe leben können

Ein Mann fährt auf einem Eselkarren
Die Bevölkerung in Mali wünscht sich ein Ende der bewaffneten Konflikte.

Auch Fifi und ihre Familie wurden damals durch die Islamisten zu Flüchtlingen. So wie hunderttausende andere in Mali. Doch kaum jemand hatte das Geld, um nach Europa zu fliehen, höchstens in eines der Nachbarländer. Im eigenen Land bleiben ging jedenfalls nicht. "Überall lagen Leichen. Sogar auf die Kinder haben sie geschossen“, erzählt Fifi. „Uns Mädchen zwangen die Islamisten, sie zu heiraten. Und wenn du mit einer Person verheiratet warst, dann gehörtest du nachts jedem, selbst wenn er nicht dein Mann war."

Das französische Militär hatte die Islamisten damals vertrieben. Jetzt sollen die Blauhelme, auch die Deutschen, Frauen wie Fifi beschützen. "Ja, ohne die ausländischen Truppen wäre es uns nicht möglich gewesen, nach Gao zurückzukehren", sagt Fifi. "Ihretwegen schlafen wir jetzt wieder gut. Aber ich weiß auch, dass sie wieder abziehen werden."

Bewaffnete Milizen kämpfen gegen die Islamisten

Die Menschen hier im Norden wollen sich jedenfalls auf niemanden von außen verlassen, sagt Fifi. Auf die Franzosen nicht, auf die Deutschen nicht – und auf die malische Armee schon gar nicht. Deshalb operieren überall Milizen, die die "Heimatverteidigung" in die eigenen Hände nehmen wollen. Es sind vor allem junge Leute, die oft schreckliches erlebt haben. So wie Fifi. Sie sagt, dass sie sich der Gruppe angeschlossen hat, um sich nie wieder so schutzlos zu fühlen.

Der Kommandeur dieser Gruppen ist Ayouba Mouslime. Eigentlich hat Mali gerade einen Friedensvertrag geschlossen. Darin heißt es, alle Milizen sollen entwaffnet werden. Doch Ayouba Mouslime will davon nichts wissen. "Ohne uns können die ausländischen Soldaten Mali nicht sichern", ist Ayouba Mouslime überzeugt. "Die kennen die Gegend hier nicht. Die kennen die Bevölkerung nicht. Wir sind diejenigen, die sich auskennen und herausfinden können, wo die Islamisten sich versteckt halten. Sie können uns nicht beschützen."

Auf einer Patrouille mit der Bundeswehr wird schnell klar: Es gibt tatsächlich keine Strukturen, keine eigenen Kontakte, auf die sie aufbauen können. Begegnungen mit neugierigen Kinder sind bislang der einzige Kontakt zur Bevölkerung.

Über 70 UN-Soldaten starben bisher

Doch der Norden Malis ist kein Kinderspiel. Über 70 UN-Soldaten starben bisher bei Anschlägen der Islamisten. In den vergangenen drei Jahren ist der Einsatz in Mali damit die tödlichste Mission der Blauhelme. Noch waren keine Deutschen unter den Opfern. Doch weiß die Bundeswehr, worauf sie sich da eingelassen hat? Oder droht ihr ein nächstes Afghanistan?

Ein Konvoi gepanzerter Fahrzeuge der Bundeswehr in Mali
Der Einsatz in Mali gehört zu den gefährlichsten Auslandseinsätzen der Bundeswehr. | Bild: SWR

Kontingentführer Marc Vogt meint dazu: "Die Frage heißt: Was ist das nächste Afghanistan? Wird es ein Land sein, in dem wir versuchen, für Stabilität zu sorgen? Das glaube ich schon. Wird es ein Land sein, in dem wir uns 15 Jahre lang engagieren? – das wäre jetzt Spekulation. Ich denke, das ist die wesentliche Lehre, die wir gezogen haben, dass wir wissen, es geht nicht nur mit militärischen Mitteln. Es geht nur mit der Kombination von allem und nur mit ganz enger Kooperation mit der Bevölkerung vor Ort." Die Bundeswehr ist gerade im Norden Malis angekommen. Doch bald werden sie sich daran messen lassen müssen, ob sie es schaffen, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen.

Stabilität und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Sie hatte mal einen Friseursalon, erzählt Fifi. Doch die Islamisten hätten ihn zerstört. An der Fassade seien noch die Einschusslöcher zu sehen. Ein paar hundert Euro bräuchte sie, um ihren Laden wieder aufzubauen. Doch die wird sie wohl nie zusammenkriegen, befürchtet Fifi.

Viele solcher Existenzen sind zerstört. Und solange sich das nicht ändert, solange die Menschen hier keine Arbeit finden, werden sie wohl immer versuchen, ihr Glück woanders zu suchen. Und zwar nicht, weil Islamisten sie bedrohen, sondern weil sie hier keine Perspektiven für sich sehen. Daran wird wohl keine militärische Mission etwas ändern.

Ein Beitrag von Shafagh Laghai

Stand: 09.05.2016 15:55 Uhr

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