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USA: Billig abzugeben - Geheime Netzwerke für ungeliebte Adoptivkinder

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USA: Billig abzugeben - Geheime Netzwerke für ungeliebte Adoptivkinder  | Bild: Das Erste
Nora Gateley
Nora Gateleys Adoptiveltern reichten sie einfach an neue Eltern weiter.  | Bild: NDR

Ihr eigenes Grab musste sie schaufeln, nächtelang durcharbeiten. Und wenn sie nicht parierte, dann wurde sie eingesperrt. "Es war die Hölle", sagt Nora Gateley. Das in China geborene Mädchen ist eines von vielen Adoptivkindern in den USA, die über geheime Netzwerke im Internet weitergereicht wurden - weil ihre Stiefeltern sie schlichtweg loswerden wollten.

Nora hat kein Gefühl im rechten Bein. Der Grund: Kinderlähmung. An der leiden viele in ihrem Waisenhaus in China - damals, als sie noch Nishun heißt. Ihre Eltern, so glaubt sie, bringen sie ins Heim, weil sie kein zweites Kind haben dürfen. Nur zum Geburtstag kommen sie zu Besuch.

"Ich war Nummer acht oder neun im Haus"

Mit 13 wird ihr großer Traum wahr: endlich eine richtige Familie. Es  sind die McLaughlins in Florida. Doch nach einem Jahr haben sie genug von ihrer Adoptivtochter. 1.100 Kilometer fährt der Vater mit ihr nach Tennessee und liefert sie bei einer wildfremden Großfamilie ab - auf nimmer Wiedersehen. "Ich war Nummer acht oder neun im Haus und nach mir kamen noch mal neun dazu. Keine Ahnung, woher diese Kinder stammten. Ich war total schockiert über all die Eltern, die zu uns kamen und einfach ihre Kinder abgaben. Nach dem Motto: Hier, die könnt ihr haben", erzählt Nora Gateley.

Weit und breit nur Baumwollfelder

Ehemaliges Haus der Familie Schmitz.
Das ehemaliges Haus der Familie Schmitz. | Bild: NDR

Kein Jugendamt, keine lästigen Fragen - eine Vollmacht genügte, und der Handel war perfekt, ganz legal. "Ich habe versucht, herauszufinden, warum er das tut. Er meinte: 'Du bleibst hier, in ein paar Jahren hole ich dich wieder ab", erinnert sich Nora Gateley. Wie hat er die neue Familie gefunden? "Übers Internet, glaube ich. Am Anfang dachte ich, die kennen sich vielleicht. Aber das stimmte nicht, die trafen sich auch zum ersten Mal."

Das alte Haus liegt weit abgelegen auf einem Hügel. Niemand konnte all die Eltern sehen, die ihre ungeliebten Kinder hier abgeliefert haben. Weit und breit nur Baumwollfelder. Wer hier um Hilfe schreit, kann lange warten. Mittlerweile ist das Haus verkauft. Wäre Nora nicht so mutig gewesen, das alles der Polizei zu erzählen, Debbie Schmitz wäre vermutlich nie aufgeflogen.  

Tauschhandel im Internet blüht

Fast 250.000 ausländische Kinder haben seit Ende der 1990er-Jahre ein neues Zuhause in Amerika gefunden, die meisten aus China oder Russland. Doch die Verletzungen, die sie mitbringen, lassen die Eltern oft verzweifeln, weiß Janice Goldwater aus vielen Gesprächen in ihrer Adoptionsagentur. Deshalb blüht der Tauschhandel im Internet.

"Forums-Veteranen, seid vorsichtig", warnen die Nutzer. Seitdem das Adoptions-Netzwerk Schlagzeilen macht, sind viele Internet-Seiten gesperrt, auch die, über die Nora vermittelt wurde. Der Tauschhandel läuft aber wohl vor allem über geheime Gruppen, etwa auf Facebook.

"Das ist doch kein Selbstbedienungsladen"

Elyana Goldwater kam aus Russland in die USA.
Elyana Goldwater kam aus Russland in die USA. | Bild: NDR

Auch Elyanas erste amerikanische Familie fand sie zu schwierig. Bei den Goldwaters fand sie mit neun ein neues Zuhause. Allerdings erst, nachdem das Jugendamt ihre neuen Eltern intensiv geprüft hatte - und nicht nach ein paar Klicks im Internet. "Das ist doch kein Selbstbedienungsladen. Man kann ein Kind nicht einfach so umtauschen. Es geht um einen Menschen, der Gefühle hat und Schreckliches durchleben musste. Viele Leute wollen das nicht kapieren", sagt Elyana.

Eltern träumen oft vom perfekten Kind. Doch die meisten Adoptivkinder sind keine Babys und kommen mit einer eigenen Vergangenheit. "Ein Kind zu adoptieren, klingt sehr romantisch. Es gibt doch nichts schöneres, als ein Kind zu retten und es von ganzem Herzen zu lieben. Aber in Wirklichkeit verschwindet die Romantik ganz schnell. Dann bleibt harte Arbeit und viel persönlicher Einsatz, in guten wie in schlechten Zeiten“, erklärt Janice Goldwater.

Keine Reue bei Debbie Schmitz

Wir machen uns auf die Suche nach Debbie Schmitz, Noras Pflegemutter. Viele Male haben wir versucht, sie zu erreichen. Sie will keine Interviews geben, aber am Telefon erzählt sie, dass sie Nora über eine Yahoo-Gruppe fand. Von Reue keine Spur. "Ich habe alles verloren. Das waren meine Kinder, das einzige, was ich in meinem Leben hatte. Ich habe sie so sehr geliebt, Nora hat meine Familie zerstört“, sagt Debbie Smith.

Keine Nacht ohne Albträume

Debbie und Tom Schmitz wurden wegen Kindesmisshandlung verurteilt - nicht wegen des Tauschhandels übers Internet. Der ist völlig legal. Auch wenn es um Familienangelegenheiten geht, gilt in Amerika die große Freiheit. Kinder gehören ihren Eltern. Die Jugendämter dürfen nur eingreifen, wenn Missbrauch vorliegt. "Sie habe nie einen Sozialarbeiter gesehen", erzählt Nora. "Es ist nicht einfach, über all das zu reden. Aber ich kann viel wegstecken."

Neun Jahre sind vergangen und trotzdem vergeht keine Nacht ohne Albträume. Ihre Adoptions-Odyssee wird sie ihr ganzes Leben lang verfolgen. 

Autorin: Marion Schmickler, ARD-Studio Washington

Stand: 15.04.2014 10:50 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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