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New York: Unschuldig hinter Gittern?

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New York: Unschuldig hinter Gittern? | Bild: NDR

Shabaka Shakur sitzt im Wende Correctionel Centre im Staate New York ein. Wegen Doppelmordes wurde er zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch jetzt darf er hoffen, bald frei zu kommen - nach 26 Jahren hinter Gittern. Ein New Yorker Richter hat angeordnet, dass sein Fall wieder aufgerollt werden muss.

Shabaka Shakur wurde verurteilt, weil ein Polizist  ausgesagt hatte, er habe ihm die Morde gestanden: "Wenn ein Polizist beschwört, du hast die Morde gestanden. Dann ändert das alles. Du kannst noch so unschuldig sein, alle glauben, du bist schuldig", sagt Shakur.

Was für Shabaka Shakur eine Hoffnung ist, ist für Sundhe Moses schon Wirklichkeit. Er wurde vorzeitig auf Bewährung freigelassen - nach 18 Jahren hinter Gittern. Ist auch er ein Polizeiopfer? Sundhe Moses sagt, er sei 1996 von einem Polizisten solange zusammengeschlagen worden, bis er den Mord gestanden habe.

"Sie sind frei ,das Urteil ist aufgehoben" - auf diesen erlösenden Satz von Richterin Miriam Cyrulnik har David Ranta 23 Jahre warten musste. Noch im Gerichtssaal werden ihm die Handschellen abgenommen. Ranta ist offensichtlich Opfer eines Polizisten:

"Wir müssen uns bei Ihnen in aller Form entschuldigen“, sagt die Richterin. Bei der Überprüfung des Falles hatte sich herausgestellt, dass die Belastungszeugen bewusst von einem Polizisten beeinflusst worden waren. "Ich habe immer gesagt, dass ich mit dem Mord nichts zu tun habe", sagt Ranta.

Polizist Louis Scarcella im Fokus

Polizist Louis Scarcella
Polizist Louis Scarcella war an der Ermittlung von 350 Mordfällen in New York beteiligt. | Bild: NDR

Drei Mordfälle - ermittelt  von ein und demselben Polizisten: Louis Scarcella, pensioniert seit 1999. Er war beteiligt an den Ermittlungen von 350 Mordfällen in New York. Es war die Zeit, als Polizisten wie Scarcella Hunderte Morde aufzuklären hatten, Gangs die Straßen beherrschten und New York die Welthauptstadt des Verbrechens war.

Louis Scarcella streitet  alle Vorwürfe ab: "Ich stehe zu den Fällen, die ich ermittelt habe. Ich habe keine Zeugen beeinflusst."

"Er war ein aggressiver Polizist"

Das Polizeirevier in Brooklyn treffen wir Jay Salpeter, einen ehemaligen Polizisten, der mit  Scarcella zusammengearbeitet hat. Wir fahren mit ihm durch die Straßen, die in den 1990er-Jahren Schauplatz so vieler Verbrechen waren. "Er war ein aggressiver Polizist. Er hatte eine sagenhafte Aufklärungsquote, aber wir waren ja nicht blöd. Manchmal ist es einfach besser, du stellst keine Fragen."

Shabaka Shakur kämpft und deckt auf

Wachturm des Wende Correctionel Centres
Im Wende Correctionel Centre sitzen Schwerverbrecher ein. | Bild: NDR

Von Tag eins seiner Haft an kämpfte Shabaka Shakur um seine Freilassung. Er war vor seiner Haft ein Drogenhändler, aber kein Mörder, sagt er. Er nahm im Gefängnis sein Schicksal selbst in die Hand: Er studierte Jura, recherchierte und versuchte soviel wie möglich über den Polizisten herauszubekommen, der ihn hinter Gitter gebracht hatte. Er findet bei ihm immer das gleiche Muster: Aussagen von Scarcella, der Angeklagte habe gestanden. Diese Aussagen entscheiden die Verfahren. Merkwürdig: Für diese Geständnisse gibt es  keine Zeugen, keine Notizen, keine Tonaufnahmen.

Vor Jahren, bevor die Vorwürfe auftauchten, sagte Scarcella: "Gibt es Regeln, wenn es um Mord geht? Nein. Um Geständnisse zu bekommen, werde ich alles tun, was das Gesetz zulässt." Jay Salpeter, der Ex-Polizist und Kollege von damals sagt dazu: Der Druck sei immens gewesen. Die Polizisten mussten liefern und Scarcella habe geliefert wie kein anderer. "Als Polizist wusste man doch, ob ein Geständnis echt oder falsch war. Warum? Weil man diese Geständnisse doch selber herbeigeführt haben-  manchmal auch mit Drohungen, mit Gewalt", so Salpeter.

Die Methoden Scarcellas wurden von Shabaka Shakur akribisch beschrieben. Er stieß dabei auf eine Ungeheuerlichkeit: In gleich drei Mordfällen taucht immer wieder dieselbe Kronzeugin auf: Teresa Gomes - eine Drogenabhängige, die inzwischen verstorben ist. Sie war eine bezahlte Informantin der Polizei.

50 Fälle werden untersucht

Zurzeit untersucht eine interne Polizeieinheit 50 Fälle, in denen Louis Scarcella den Mörder geliefert hatte. Klar ist jetzt schon - das, was Häftling Shakur zusammengetragen hat, stimmt.

Aber wie konnten diese Fälle vor Gericht vor einer Jury landen? Wieso fielen den Staatsanwälten die schlampigen, fahrlässigen Ermittlungen nicht auf? Wieso wurden Entlastungszeugen bewusst nicht gehört? Wieso müssen damals wie heute in New York Polizeiverhöre nicht als Beweismittel mitgeschnitten werden?

"Das hatte System"

Ex-Polizist Jay Salpeter
Ex-Polizist Jay Salpeter war ein Kollege von Louis Scarcella. | Bild: NDR

"Man kann doch Scarcella nicht allein für all das verantwortlich machen. Das hatte doch System. Da waren doch Staatsanwalte, die das mitgemacht haben. Die haben das ermöglicht", sagt Jay Salpeter.

Im Mai wird der Fall von Shabaka Shakur neu verhandelt werden. Zuhause in New York weiß der pensionierte Polizist Scarcella, dass er sich keine Sorgen machen muss. Man kann ihn wohl nicht mehr belangen- alle Fälle sind verjährt.

Autor: Markus Schmidt, ARD-Studio New York

Stand: 15.04.2014 10:57 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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