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Nigeria: Die Schattenseite des schwarzen Goldes

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Nigeria: Die Schattenseite des schwarzen Goldes | Bild: WDR

Man sieht es nicht, aber dem Fischer Aloy Tanu hat eine Umweltkatastrophe die Lebensgrundlage genommen. "Früher haben wir viel mehr Fische gefangen. Aber seit das Öl hier alles verschmutzt hat, fangen wir kaum noch was, die Flüsse sind tot. Unser Wasser und unser Land sind zerstört. Eigentlich müsste die Schüssel jetzt schon halb voll sein, aber nichts."

Eine defekte Pipeline der Firma Shell verseuchte vor acht Jahren Gewässer und Böden. Die Gemeinde Bodo nahm den Kampf gegen den Ölkonzern auf, gemeinsam mit einer britischen Anwaltskanzlei. 70 Millionen Euro Entschädigung haben sie erstritten. Die Menschen bekamen je knapp 3000 Euro – die Hälfte der Gesamtsumme. Der Fischer Aloy Tanu ging leer aus. Mit seiner Frau und vier Kindern versucht er mit seinem mageren Verdienst über die Runden zu kommen. "Es konnten sich nur die Leute für die Entschädigung registrieren lassen, die einen Ausweis haben. Ich habe aber keinen", erklärt er.

Die Nachbarn, die Entschädigung bekamen, bauten neue Häuser. Manche sind ganz, manche nur halb fertig. Die andere Hälfte der 70 Millionen sollte für die Gemeinde sein. Doch Korruption ist ein massives Problem in Nigeria – Bodos Bewohner misstrauten ihrer Führung und setzten durch, dass auch das Gemeinschaftsgeld auf Einzelpersonen verteilt wurde.

Mit Sabotageakten gegen die Öl-Konzerne

Seit Jahren kämpfen Rebellengruppen gegen die Ölkonzerne.
Seit Jahren kämpfen Rebellengruppen gegen die Ölkonzerne. | Bild: WDR

Die Regierung vernachlässigt das Nigerdelta seit Jahrzehnten. Nigeria finanziert sich durch Öl – doch die Menschen im Delta sehen kaum was davon. Militante Gruppen wollen mit Anschlägen gegen Ölkonzerne durchsetzen, an den Gewinnen aus dem Ölgeschäft beteiligt zu werden.

Anaye Tamunowari gehört der Niger Delta Peoples Volunteer Force an, einer von vielen Rebellengruppen. Die Lage im Delta ist angespannt, denn auch unter der neuen Regierung passiert nichts. Anaye unterstützt den Weg der Gewalt. Seine Bevölkerungsgruppe der Ijaw gehörte zu den ersten, die sich ihre Rechte mit Sabotageakten erkämpfen wollten. In seinem Heimatstädtchen Abonnema unterstützen ihn viele.

"Wenn ich in die Politik ginge, würden sie mich vielleicht wählen. Aber dann würden sie feststellen, dass ich ihre Bedürfnisse als Politiker gar nicht erfüllen kann, weil nicht genug Geld da ist. Die Leute wissen, dass ich als Teil der Bewegung kein Geld habe. Wohl aber eine Stimme und sie wissen, dass ich immer für sie spreche", erklärt Anaye Tamunowari.

Den Kampf mit der Waffe überlässt er anderen, jüngeren Anführern. "Was wir wollen, sind Jobs. Entwicklung. Oder wenigstens Infrastruktur, die den jungen Leuten hilft. Wenn sie nämlich eine gute Ausbildung und Jobs haben, dann wird keiner als Pirat unterwegs sein, Leute entführen oder Raubüberfälle machen", sagt einer der Anführer.

Anaye Tamunowari bringt uns zum traditionellen Führer, König Disrael Bob-Manuel von Abonnema. Auch er macht sich Sorgen um die tägliche Gewalt im Delta. Es ist so schlimm, dass die Öl-Konzerne ihre Mitarbeiter abziehen. "Ich würde diejenigen, die jetzt gehen, gerne ermutigen, sich mehr für diese Gegend einzusetzen. Es reicht nicht, dass man Steuern zahlt. Es ist wichtig, dass die Konzerne in den Gemeinden etwas schaffen, so dass die Menschen sich an sie erinnern und nicht nur daran, dass die Firmen kommen, um ihnen etwas wegzunehmen."

Wohlstand zu Lasten der Umwelt

Vor acht Jahren verseuchte eine defekte Ölpipeline Teile des Nigerdeltas.
Vor acht Jahren verseuchte eine defekte Ölpipeline Teile des Nigerdeltas. | Bild: WDR

Zurück in Bodo. Die Witwe Charity Kpekpee bereitet zusammen mit ihren Nachbarinnen Muscheln für den Verkauf vor. Charity hat die Entschädigung von Shell bekommen. Das hat ihr das Leben gerettet. "Kurz bevor ich das Geld bekommen habe, bin ich sehr krank geworden. Ich habe all mein Entschädigungsgeld für die Behandlung ausgegeben. Meinem Sohn habe ich gesagt, dass er sein Geld behalten soll. Davon haben wir dann das Haus gebaut. Aber es hat nicht gereicht."

Um das Haus doch irgendwann fertig zu bekommen, spart Charity Kpekpee jetzt – von ihrem kleinen Einkommen als Fischverkäuferin.
Die Fischgründe in Bodo sind noch nicht gereinigt worden. Wenn es nach den Marktfrauen geht, soll das so bleiben. Sie wollen, dass Shell die Kosten für die Säuberung ebenfalls bar auszahlt.

"Allmählich gibt es wieder Fische", sagt Charity. "Wenn sie jetzt anfangen, hier alles sauber zu machen, dann verschwinden die Fische sicher wieder. Vergesst die Säuberungsaktion, wir wollen das Geld!" Sie trauen nur noch sich selbst.

Warum wurde eigentlich eineinhalb Jahre nach der Gerichtsentscheidung noch nicht mit der Reinigung begonnen? Wir fragen bei einem Vertreter von Shell nach. "Wir haben von Anfang an gesagt, dass die Säuberungsaktion nicht in bar ausgezahlt werden kann. Selbst der Anwalt der Gemeinde Bodo hat gesagt: Liebe Klienten, tut mir leid, was Ihr da wollt, das geht nicht. Die Reinigung der Gewässer und Böden muss als solche durchgeführt werden."

Und wann geht es nun los? "Sie sehen, wir lachen alle. Also, wenn es nach uns ginge, hätte es gestern losgehen sollen, schon vor langer Zeit…", legt Inemo Samiama von Vermittlungsinitiative Bodo dar.

Vertrauen auf Gott

In Bodo, Nigerdelta sind Bewohner finanziell entschädigt worden.
In Bodo, Nigerdelta sind Bewohner finanziell entschädigt worden. | Bild: WDR

Eine verfahrene Situation. Gerade ist die Gemeinde wieder vor Gericht gezogen, um einmal mehr zu fordern, dass Geld gezahlt wird statt die Umweltschäden zu beseitigen. Die Familie des Fischers Aloy Tanu gehört zu den ganz wenigen, die für die Reinigung sind. Schließlich würden sie von sauberem Wasser und gesunden Fischen profitieren.

"Ich vertraue auf Gott, dass Shell kommt und hier alles wieder sauber macht. Und ich vertraue auf Gott, dass die Zukunft unserer Kinder leichter wird als die meines Mannes und mir. Wenn Shell hier sauber macht, dann wird es besser als vorher", hofft Christiana Tanu. Und die nächste Generation in Bodo hätte vielleicht eine Zukunft, in diesem kleinen Teil des Nigerdeltas.

Autorin: Sabine Bohland/ARD Studio Nairobi

Stand: 11.07.2019 21:31 Uhr

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