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Norwegen: Atempause für Wale

PlayNorwegen: Weniger Schiffe in Corona-Zeiten – ein Segen für die Unterwasserwelt
Norwegen: Atempause für Wale | Bild: WDR

Hoffnungsfroh, erwartungsvoll: knapp 50 Touristen an Bord des umgebauten Fischtrawlers. Die Urlauber wollen Wale beobachten – hier in der norwegischen See vor Andenes. Die riesigen Meeressäuger ziehen sich in den letzten Jahren immer mehr zurück, denn der Ozean ist den Tieren viel zu laut.

Schiffsverkehr stört die Unterwasserwelt

"Lärm breitet sich unter Wasser ganz anders aus als z.B. an Land. Und der Wal kann diesen Lärm deutlich spüren. Die meisten Walarten können Geräusche sehr gut wahrnehmen, auch auf große Entfernung. Deswegen müssen wir mit unserem Boot ja auch sehr behutsam manövrieren, um nicht zu viel Unruhe zu schaffen. Wir haben sogar eine extra leise Schiffsschraube eingebaut", sagt Geir Maan, der Kapitän der Wal-Safari.

Hier, nicht weit von den Lofoten fällt der Meeresgrund steil ab. Tief und blau. Ein Lebensraum ganz nach dem Geschmack der riesigen Tiere. Doch der Schiffsverkehr auf den Weltmeeren hat in den vergangenen Jahren ständig zugenommen: Speedboote, Fisch-Trawler, Kreuzfahrer, Frachtschiffe, sogar U-Boote. Lärm, so nervig wie ein Tinnitus. Er verändert das natürliche Verhalten der Wale dramatisch. Sie tauchen einfach ab.

"Wenn es viel Wasserbewegung gibt, dann stresst das den Wal zusätzlich. Fischerboote z.B. sind ein Problem, es gibt so viele. Manchmal kollidieren sie mit dem Wal. Vor allem im Winter, wenn es auch noch dunkel ist", so Geir Maan.

Corona lässt Ruhe einkehren

Norwegen: Die Unterwasserwelt lebt auf, da weniger Schiffe unterwegs sind
Norwegen: Die Unterwasserwelt lebt auf, da weniger Schiffe unterwegs sind | Bild: WDR

Jetzt aber mit Corona ist alles anders. Der Ozean ist so still wie nie. Kaum Schiffsverkehr. Der Kapitän hat einen Wal geortet: "Ungefähr eine Meile von hier. Wir sollten ihn bald hören." Ein Klicken und Knacksen, eingefangen von Unterwassermikrofonen. Mit diesen Lauten sucht der Wal nach Fressen. "Linke Seite, linke Seite." Dann taucht er auf. Eine Flosse, eine Fontäne: ein Pottwal. Vielleicht 15 Meter lang. Corona-Abstand halten ist jetzt einfach schwierig. "Achtung, jetzt taucht er", sagt Geir Maan.

Auch hier im Norden Skandinaviens, am Rande der bewohnten Welt, hat der Schiffsverkehr durch Corona deutlich abgenommen. Die Kreuzfahrtschiffe liegen fast alle an der Kette. Der stille Ozean: für Meeresforscher ist das eine einzigartige Chance, die Weltmeere besser zu verstehen. Der Wissenschaftler Geir Johnsen untersucht mit seinen Studenten seit Jahren Licht- und Lärmverschmutzung im Meer. Die Folgen des Corona-Stillstands können sie gleich hier im Fjord von Trondheim gut beobachten.

Einmalige Chance für Forscher

Norwegen: In Corona-Zeiten werden mehr Grindwale gesichtet
Norwegen: In Corona-Zeiten werden mehr Grindwale gesichtet | Bild: WDR

"Ich habe hier kürzlich zwei bis drei Grindwale gesehen, eine Familie. Gleich bei unserer Forschungsstation. Das ist zwar keine fertige wissenschaftliche Erkenntnis. Aber eins kann ich sagen: ich habe noch nie im Leben Grindwale so nah am Stadtzentrum gesehen", erzählt Geir Johnsen. Mit diesem Gerät untersuchen die Forscher die Wasserqualität vor Trondheim – ein Standardverfahren. Aber für die nächste Zeit haben sich die Meeresforscher so viel mehr vorgenommen. Sie wollen herausfinden, was die plötzliche Stille für die Unterwasserwelt bedeutet – für das natürliche Verhalten winzig kleiner Organismen bis hin zum riesigen Wal. Wie sie fressen, jagen, sich paaren, wie sie wandern, wie sie miteinander sprechen. Ungestört vom Lärm des Menschen.

In Atlantik und Nordsee haben Geirs Forscherkollegen ein Netz aus Unterwassermikrofonen installiert. Seit dem Corona-Lockdown ist der Lärmpegel stellenweise um ein Viertel zurückgegangen. So leise, sagen die Forscher, war es seit vielleicht 150 Jahren nicht mehr. Jetzt lauschen sie gebannt in die Untiefen des Meeres.

"Für uns Forscher ist das im Moment eine einzigartige Chance. Zwar geht es langsam wieder los mit dem Schiffsverkehr. Aber über Monate gab es kaum menschliche Aktivitäten auf dem Wasser. Wir Forscher wollenzeigen, wie gut diese Pause für das Leben im Wasser ist", so Geir Johnsen.

Zurück in den hohen Norden Norwegens: die Natur schickt ein Geschenk aus den Tiefen des Meeres. Ein Schwarm Grindwale. Grindwale – das passiert hier in den arktischen Gewässern immer wieder. Aber so viele, so nah?! "Es ist wichtig, den Wal wertzuschätzen. Das merke ich hier jeden Tag. Das Meer ist so reich an Leben und es ist so schön hier rauszufahren und die Wale den Menschen zu zeigen. Wir müssen schon Acht geben, dass wir diese Natur bewahren", sagt Geir Maan.

Still ruht die See. Unter den Wogen – eine Welt voller Leben. Ungestört. So lange der Schiffsverkehr eine Pause einlegt.

Autor: Philipp Abresch/ARD Studio Stockholm 

Stand: 20.10.2020 12:38 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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