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Ostkongo: Vergewaltigung als Machtstrategie

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Ostkongo: Vergewaltigung als Machtstrategie | Bild: RBB

"Ich glaube an Gott und an meine Waffe. Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Menschen ich getötet habe. Immer wenn ich schieße, denke ich an meinen Mann, den sie auf dem Berg ermordet haben. Ich habe viele Feinde sterben sehen, aber das spornt mich an."

Unterwegs ins Rebellengebiet
Unterwegs ins Rebellengebiet | Bild: Bild: BR

Was macht der Krieg mit Frauen wie Justine? Um das heraus zu finden, haben wir uns vor drei Tagen auf den Weg gemacht. Wir sind im Osten der demokratischen Republik Kongo. Hier hat die Regierung die Kontrolle verloren. Auch die UN-Mission Monusco ist durch Übergriffe von Soldaten auf Zivilisten in Verruf geraten. Zum Rebellengebiet hat auch die UN keinen Zugang.

Wir fahren los Richtung Niemandsland. Der Kontaktmann eines Warlords hat uns Schutz zugesichert. Kaum sind wir ein paar Kilometer gefahren, nähern sich uns drei Gestalten. Unser schrecklicher Verdacht wird sich bestätigen. Diese Frau wurde gerade vergewaltigt. Über die Umstände kann und will sie nicht sprechen. Und so schlimm es ist, in dieser Gegend gibt es kaum eine Frau, der dieses Schicksal erspart bleibt, hören wir.

Bewaffnete in einem Dorf
Bewaffnete in einem Dorf | Bild: Bild: BR

Kurz darauf treffen wir auf Rebellen. Die Fronten und Ziele in diesem Krieg hier versteht niemand mehr. Um die 70 bewaffnete Gruppen sind involviert. Es geht um Macht und wertvolle Rohstoffe wie Coltan, das wir zum Beispiel für unsere Handys brauchen. Wir wollen in das abgeschottete Gebiet im Dschungel. Der Wagen steckt im Morast, ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn die wichtigste Regel lautet hier, die Dunkelheit zu vermeiden. Geschafft! In die Exklave des Warlords werden wir es heute trotzdem nicht mehr schaffen.

Mit Glück erreichen wir ein kleines Dorf. Hier erleben wir die Gastfreundschaft völlig fremder Menschen. Sie geben uns ein Dach über dem Kopf und schlachten ein Huhn. Über Nacht hat der Warlord seine bewaffneten Leute den Berg herunter geschickt. Sie eskortieren uns auf dem Weg durch den Dschungel. Von jetzt an zu Fuß.

Im Dorf eines Warlords
Im Dorf eines Warlords | Bild: Bild: BR

Nach einem Tagesmarsch kommen wir an, im "Königreich" des Warlords. Die Einheimischen haben diesen Ort noch nie verlassen. Das ist ihre Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Wir sind gekommen, um mit den Frauen hier zu sprechen. Doch einige Dorfbewohner versuchen das zu verhindern. Dieser Mann gibt uns zu verstehen, dass er uns gerne los wäre. Werden wir mit den Frauen sprechen können?

Justine
Justine | Bild: Bild: BR

Schließlich treffen wir Justine. Sie gibt uns das Signal, dass wir mit ihr sprechen können. Justine ist 22 Jahre alt. Ihre Name bedeutet "Die Gerechte". Auch sie wurde vergewaltigt, ihr Mann ermordet. Jetzt wehrt sie sich und will Rache: "Es war ein guter Tag für mich. Nachdem ich den ersten umgebracht habe, dachte ich, ich würde meinen Mann zum Leben erwecken können. Es fühlte sich an, als würde ich seinen Mord rächen. Der Vater meines Kindes wurde ermordet. Jeden Tag suche ich nach meinem Vergewaltiger. Und ich hoffe, dass ich ihn eines Tages finden werde. Und dann werde ich ihn umbringen. Und dann werde ich endlich meinen Frieden finden. Ich kann das nicht akzeptieren, wie die anderen Frauen zu heulen, mich über das Opfer-Sein, die Vergewaltigungen zu beklagen…. Ich muss überleben. Ich muss mich rächen, muss meine Kraft benutzen. Ich muss meine Gerechtigkeit bekommen. Für ein normales Leben habe ich nur eine Bedingung. Wenn die Regierung uns Sicherheit gewährt, dann kann ich die Waffe niederlegen. Aber momentan geht das nicht, weil ich meine Familie beschützen muss und die Regierung nicht da ist. Aber wenn die Regierung kommt, dann lege die Waffen nieder."

Justine will kein Opfer mehr sein. Der Krieg hat aus der jungen Mutter eine Mörderin gemacht. Ihr Gewehr trägt sie immer bei sich, ob beim Abwasch oder beim Gang durch ihr Dorf.

Aber eigentlich wäre Justine gern eine ganz normale Frau mit einer sicheren Zukunft für sich und ihr Kind.

Autorin: Julia Leeb

Stand: 13.07.2019 03:20 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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