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Pakistan: Comic-Heldin auf Verbrecherjagd

PlayComic-Figur "Bloody Nasreen"
Pakistan: Comic-Heldin auf Verbrecherjagd | Bild: SWR

Sie raucht, sie flucht und sie schlägt auch mal um sich: "Bloody Nasreen" heißt Pakistans neue Comic-Heldin, die in Karachi auf Verbrecherjagd gehen soll. Noch kann man ihre Geschichte nur online in Ausschnitten lesen, doch die Reaktionen sind bereits klar: die einen fordern, dass sie ein Kopftuch oder besser noch eine Burka anzieht, die anderen – besonders Frauen – sind begeistert. Markus Spieker (ARD-Studio Neu Delhi) hat den Zeichner der Comic-Heldin getroffen und auch ihre Kritiker befragt.

Karachi, Stadt des Verbrechens, Nasreen ist ein Opfer. Wird missbraucht, verschleppt, verkauft. Aber sie überlebt, lernt kämpfen, und kehrt zurück. Als "Blutige Nasreen" macht sie die bösen Männer fertig. Die Geschichte – natürlich Phantasie. Auch in Karachi lebt der Mann, der sie sich ausgedacht hat. In seinem Viertel ist es ruhig. Aber Shahan Zaidi kennt die Millionenstadt von ihrer dunklen Seite. "Um mich rum sind Morde verübt worden, von üblen Banden. Ich wollte mir einen Helden ausdenkt, der dagegen kämpft. Und dachte: Warum nicht eine Frau. Ungewöhnlich für pakistanische Verhältnisse, ist erstmal ihr Aussehen. Außerdem, dass sie raucht. Und dass sie flucht." Trinkt sie auch Alkohol?  "Kann sein. Also, ja, ich denke schon."

Heftige Reaktionen

Shahan Zaidi
Comic-Zeichner Shahan Zaidi. | Bild: SWR

Deutlicher will er nicht werden. In Pakistan ist Alkohol verboten. Kein Wunder, dass der Comic im Internet heftige Reaktionen hervorruft. "Ich habe viele Rückmeldungen bekommen, dass ich ihr züchtigere Klamotten verpassen soll, am besten eine Burka. Aber: Wieso?" Noch größer als die Zahl der Kritiker ist die der Fans, die auf den Comic warten. Denn bisher gibt es ihn nur in Ausschnitten und im Internet. Im Frühjahr soll er als Buch erscheinen. Shahan glaubt an einen Erfolg. "Am Anfang gab es vor allem Kritik. Aber inzwischen ist das Feedback überwiegend positiv. Das sagt auch etwas über die pakistanische Gesellschaft aus. Es geht in die richtige Richtung."

Zwei Frauen sitzen vor Laptop
Samia und Farah sind Fans von "Bloody Nasreen". | Bild: SWR

Mit seiner Kunst setzt er sich seit Jahren für einen Mentalitätswandel ein. Bekannt wurde er durch seine Mitarbeit an einer Zeichentrickfigur, einer Vorläuferin von "Bloody Nasreen": der "Burka-Rächerin". Die ist eigentlich Lehrerin, zieht aber die Burka über, um inkognito Verbrecher zu jagen. Ein großer Erfolg im pakistanischen Fernsehen. Starke Frauen – ein Trend.  Auch für Samia und Farah. Sie gehören zur Fan-Gemeinde von "Bloody Nasreen". Sehen in ihr ein Rollenmodell für die moderne pakistanische Frau. "Ich mag an ihr, dass sie gegen Kriminalität kämpft, und eben, dass es zur Abwechslung kein Kerl ist, sondern eine Frau", meint Farah Masood. "Und eine sehr feminine.  Genau, kein Mannsweib! Sie ist ganz im Einklang mit ihrer Weiblichkeit." Die Freundinnen kommen aus weltoffenen Familien, haben studiert und wissen, dass sie nicht ganz repräsentativ sind. "Ich glaube trotzdem, dass auch hier die meisten Frauen zumindest insgeheim auf solche Figuren stehen", sagt Saamia Baleegh. "Früher waren es vielleicht nicht so viele. Aber es werden immer mehr. Das traditionelle Frauenbild ist natürlich anders. Da sollen Frauen nicht rauchen, nicht fluchen, vor allem in der Öffentlichkeit sollen sie brav sein, selbst, wenn sie Opfer sind."

Wie stark darf eine Frau sein?

Junge Frauen in einer Koranschule lesen im Koran.
In der Koranschule ist "Bloody Nasreen" unbekannt. | Bild: SWR

Die Frage spaltet das Land: Wie stark, wie unabhängig, wie freizügig darf die pakistanische Frau sein? In der Literatur und im wahren Leben? Am Stadtrand: eine Koranschule für Mädchen. Wie kommt "Bloody Nasreen" hier an? Die Mädchen haben davon noch nie etwas gehört. Vor die Kamera geht nur die Lehrerin. Sie sieht ihre Aufgabe darin, ihre Schülerinnen zu schützen vor der leicht bekleideten Comic-Figur. "Unsere Mädchen sollen sich an Frauen orientieren, die anständig und verschleiert sind", erklärt die Lehrerin Nazima Bibi. "Wir brauchen keine Comic-Vorbilder. Unsere Vorbilder sind die Töchter des Propheten und die anderen Frauen seiner Familie. Die haben gezeigt, dass auch kluge Frauen draußen Schleier tragen." Die starke Frau, so wird hier gelehrt, ist konservativ und natürlich friedfertig.

Muhammad Abid Israr
Muhammad Abid Israr. | Bild: SWR

Ganz anders das Frauenbild, das von den pakistanischen Taliban verbreitet wird – neuerdings auch ganz zeitgemäß mit einem Frauen-Magazin. Die Botschaft an die fromme Frau: Auf in den Jihad, in den Kampf mit den Bösen, also allen, die den Islam nicht radikal verstehen. Das Blatt gibt es nur im Internet, es ist, genau wie die Taliban-Terrorgruppe, verboten. Selbst Konservative lehnen diese Propaganda ab. In dieser Moschee neben der Koranschule kennt man weder die Macher noch die Leserinnen. Der Jihad sei, wenn überhaupt, Männersache, findet der Chefgeistliche, der weiter ausführt, "dass alles Wichtige zum Thema Frausein ja im Koran stünde. Da brauche man keine Frauenjournale wie von den Taliban, und erst Recht keine Schmutz-Comics wie 'Bloody Nasreen'. Vor allem brauche man keine Zustände wie im Westen, wo Frauen sich wie Männer aufführten." So Muhammad Abid Israr.

Kann Kunst die Welt verändern?

Doch auch der Schleier sagt noch nichts darüber aus, was die denken, die ihn tragen. Verrät Comic-Autor Shahan. "Ich habe auf meiner Facebook-Seite einige Fans, die Burkas tragen. Und mit manchen habe ich mich schon unterhalten. Sie finden "Bloody Nasreen" toll." Warum? "Sie mögen auch böse Mädchen."  Auch wenn er mit seinem Comic viele provoziert, bewegt sich Shahan ungestört in Karachi – etwa in seinem Lieblingscafe. Hier sitzt er abends und holt sich Inspiration. Allerdings ist er an Zensurvorschriften gebunden: Sex ist tabu, die Religion auch. "Ich muss auf meine Familie Rücksicht nehmen. Ich habe eine Tochter. Die Gedanken sind zwar frei, aber bei dem, was ich veröffentliche, muss ich mich an gewisse Regeln halten."  Schließlich hat er noch viel vor. Zurzeit verhandelt er mit Filmproduzenten; "Bloody Nasreen" soll auf die große Leinwand.  "Wenn etwas die Welt verändern kann, dann doch die Kunst. Sie kann auch Fanatiker verändern – in Leute, die vielleicht immer noch etwas verrückt sind, aber auf eine verträgliche Art." Doch noch ist es in Pakistan ein weiter Weg, bis Frauen, die den Männern knallhart die Stirn bieten, die Regel sind … und kein Kunstprodukt.

Stand: 14.01.2018 21:45 Uhr

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